Digital Life
27.08.2013

"Wir erleben derzeit einen massiven Störfall"

© Bild: honorarfreiwww.him.at

Von 5. bis 9. September findet heuer in Linz wieder das Ars Electronica Festival statt. Gerfried Stocker, der künstlerische Leiter, spricht im Interview über Online-Überwachung und Erbgut-Datenspeicher.

Überwachung der Kommunikation unbescholtener Bürger, Polizeibesuch nach harmlosen Suchmaschinenabfragen, Zerstörung von Festplatten in einer britischen Zeitung:  Rund um den US-Spionageskandal passiert derzeit vielerlei, was noch vor Kurzem lediglich wie der Stoff eines (nicht unbedingt sehr glaubwürdigen) Science-Fiction-Romans erschienen wäre.  „Die erste Reaktion vieler Menschen ist: Die digitale Revolution hat ihre Unschuld verloren", sagt der künstlerische Leiter des Linzer Festivals Ars Electronica, Gerfried Stocker, im futurezone-Gespräch. „Wir erleben derzeit einen massiven Störfall."

Gefahren der Digitalisierung
Bei der Ars Electronica wird diese digitale Revolution seit Jahren begleitet, auch kritisch in Hinblick auf Online-Überwachung und weitere Gefahren der Digitalisierung. „Die Überwachungsaffäre wurde ganz massiv antizipiert", sagt Stocker. Der akute „Störfall" in dieser Revolution  sei aber umso gewichtiger, als das Digitale mittlerweile das Leben der meisten Menschen durchdrungen hat. Man arbeitet digital, kommuniziert digital, konsumiert Kunst digital. Offline gehen ist also keine Alternative mehr. Und  „der Großteil von uns will damit weiterleben und weiterarbeiten".

US-Überwachungsstrukturen
Also gehe es darum, über Alternativen nachzudenken, darüber, wie man seine Daten, seine Kommunikation schützen könnte.  Auch wenn das „vielleicht naiv" ist: „Wir werden dem nicht entkommen", sagt Stocker in Hinblick auf die US-Überwachungsstrukturen.  Es sei aber wichtig, Bewusstsein zu schaffen, wie Daten missbraucht werden können. Denn der „Durchmarsch des Digitalisierens ist nicht abgeschlossen. Das Gleiche, das jetzt mit unseren Kommunikationsdaten passiert,  wird mit anderen Daten genauso kommen."

© Bild: Foto: rubra

Datenspeicher DNA
Etwa im Biologischen, bei den Erbgut-Daten des Menschen. So müsse man sich die Frage stellen: „Was heißt es, wenn die DNA auch zu einem Datenspeicher wird, wenn unsere Lebensdaten verarbeitbar werden?"  Ein Beispiel dafür ist beim heurigen Festival (5. bis 9. September in Linz) zu sehen: Forscher Nick Goldman präsentiert dort seinen DNA-Datenspeicher. Er hat in künstlich hergestelltem Erbgut  Musik, Videos, Texte – etwa Shakespeare-Sonette – abgespeichert. In einem Becher mit Erbmaterial könne man 100 Millionen Stunden an Video dauerhaft speichern, hieß es dazu Anfang des Jahres. Auch Gehirnstrukturen sollen über Computer nachgebildet werden, schildert Stocker. Das Thema des heurigen Festivals, „Total Recall", dreht sich um perfektes und defektes Erinnern.

Schwieriger Weg
Gibt es für solche Ideen, die an den menschlichen Grundstrukturen rütteln, nicht im Moment ein wachsendes Maß an Ablehnung? Die derzeitige Empörung und die Sensibilität, sagt Stocker, kann den Entwicklungen nur dienlich sein.   Denn Stocker ist optimistisch: Die Gesellschaften werden die richtigen Antworten auf die entscheidenden Fragen der digitalen Revolution finden. „Der Druck, da auf einen vernünftigen Weg zu kommen, ist nicht aufhaltbar", sagt Stocker. Aber „es wird ein harter und schwieriger Weg".

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