Sunset Overdrive

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Sunset Overdrive: Stromleitung-Grinden mit der Penisflinte
11/16/2014

Sunset Overdrive: Stromleitung-Grinden mit der Penisflinte

Der Fun-Shooter setzt auf ein solides Gameplay, das sich Elemente aus Skaterspielen borgt und einen Humor, der den Intellekt der Gamer beleidigt.

von Gregor Gruber

„Das ist ein Videospiel.“ „Ernsthaft jetzt, hast du gewusst, dass das ein Videospiel ist?“ „SUNSET OVERDRIVE IST EIN VIDEOSPIEL!“ „Ich weiß, du spielst jetzt schon ein paar Stunden, aber ist dir aufgefallen, dass du ein Videospiel spielst?“ Wäre Sunset Overdrive eine Person, würde sie neben einem auf der Couch sitzen und ununterbrochen solche Sprüche ablassen. Die futurezone hat Sunset Overdrive (Xbox One) getestet.

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Sunset Overdrive Flaming Compensator

Sunset Overdrive Flaming Compensator

Es ist ein Videospiel

Es gibt Videospiele, bei denen die vierte Wand effektvoll durchbrochen wird. Dazu gehören etwa Max Payne 1 und Metal Gear Solid. Der Effekt ist nur wirkungsvoll, wenn er überraschend kommt. Es ist keine Überraschung, wenn man innerhalb der ersten Stunde mehrmals darauf aufmerksam gemacht wird, dass Sunset Overdrive ein Videospiel ist. Und wenn das, bis auf eine erholsame Ruhephase im Mittelteil des Story-Modus, über 20 Stunden so weitergeht, würde man am liebsten in Kinect hineinschreien: „Danke, ich habs schon die ersten 37 mal kapiert!“

Abgesehen davon, dass Sunset Overdrive ein Videospiel ist, ist auch der sonstige Humor nicht gerade die feine Klinge, sondern eher ein Presslufthammer. So macht sich Sunset Overdrive (das ist übrigens ein Videospiel) etwa ziemlich plump über Live-Rollenspieler lustig. Im Vergleich zu „South Park: Der Stab der Wahrheit“ ist die Veralberung der LARP-Community teilweise so unbeholfen, dass man den Drang verspürt zum nächsten als Elf verkleideten Menschen im Wald zu gehen und sich dafür zu entschuldigen, dass man Sunset Overdrive spielt.

Der Dauer-Beschuss durch „Witze“ und „Pointen“ zeigt hin und wieder aber doch Wirkung. Zwischen den unbedarften Versuchen lustig zu sein, ist gelegentlich eine Referenz auf Pop-Kultur, wie Filme, Videospiele (btw: Sunset Overdrive ist auch ein Videospiel) und TV-Serien und der ein oder andere Schmäh dabei, der einem ein Grinsen ins Gesicht zaubert. Dazu zählen etwa die Respawn-Animationen, im Stil von Portal oder Doctor Who.

Grinden statt laufen

Hinter der Fassade des schlechten Humors versteckt sich solides Gameplay. Sunset Overdrive ist ein Open-World-Game, das auf Elemente von Skater-Spielen zurückgreift. Anstatt durch die Gegend zu sprinten, in Autos zu fahren oder mit Jetpacks durch die Luft zu fliegen, wird gegrindet. Man gleitet auf Häuserkanten und Rails entlang, kann auf Stromleitungen entweder oben grinden oder darunter hängend sliden und Autos und andere Objekte als Trampoline benutzen.

Anfangs ist die Steuerung noch gewöhnungsbedürftig. Hat man den Dreh nach ein oder zwei Stunden raus, kann man nahezu die ganze Stadt durchqueren, ohne den Boden berühren zu müssen. Das ist auch gut so, denn der Boden ist der gefährlichste Ort in Sunset Overdrive.

Die Gegner sind zahlreich und die Health-Anzeige überraschend klein für einen Fun-Shooter. Am Boden wird man schnell von den Massen an Gegnern eingekreist. Aber selbst auf erhöhten Punkten ist man nicht sicher. Wer stillsteht wird zur Zielscheibe und nahkämpfende Gegner klettern oder springen Dächer hinauf, um unvorsichtigen Spielern eins über zu ziehen.

Hektik motiviert

Sunset Overdrive spielt seine Stärken aus, wenn es vor Feinden nur so wimmelt. Egal ob mehrere Meter große Monster, ein Haufen Plünderer oder rabiate Roboter: Wenn man durch die Horden grindet, Schleimschüssen ausweicht und gleichzeitig einer vier Meter großen Mischung aus Monster und Mülltonne mit explosiven Stofftieren beschießt, macht das Spiel am meisten Spaß.

Gerade zu Beginn, wenn man die Grind-Steuerung noch nicht richtig beherrscht, ist ein häufiges Ableben möglich. Sunset Overdrive ist aber sehr fehlerverzeihend. Bei Nebenmissionen oder auf dem Weg zum Missionsziel ist der Respawn meist nur wenige Meter von der Todesstelle entfernt. Nur während mancher Hauptmissionen wirft das Versagen einen zu einem Checkpoint zurück, der ein bis zwei Minuten in der Vergangenheit liegt.

Upgrades

Für Kombos, wie das Grinden auf mehreren Rails ohne dazwischen den Boden zu berühren oder das Besiegen von Feinden während eines Wallruns, erhöht sich die Style-Anzeige. Erreicht diese eine bestimmte Höhe, werden Verbesserungen aktiv, wie ein stärkerer Nahkampfangriff oder Blitze, die zufällige Gegner im Umkreis treffen.

Die Verbesserungen können ausgetauscht werden, sofern man das passende „Amp“ dazu freigeschaltet oder gekauft hat. So kann etwa ein Amp eingesetzt werden, mit dem eine Feuerspur beim Grinden entsteht, die Gegner in der Nähe der Rail verbrennt.

Um neue Amps zu kaufen, müssen Ressourcen gesammelt werden. Neben Kameras und Neonschildern sind das solch „witzige“ Rohstoffe wie Toilettenpapier, das an Stangen hängt, und stinkende Schuhe, die an Stromleitungen baumeln. Das Stinken wird im Spiel extra betont, was den „Witz“ noch „lustiger“ macht.

Penis-Schrotflinte

Auch für die Waffen gibt es Amps. Zu den originellsten Modifikationen gehört ein Amp, das zufällig den Tod erscheinen lässt, wenn ein Gegner von der Waffe getroffen wird. Alternativ kann man mit Schüssen auch Blümchen sprießen lassen.

Die Waffen selbst sind gezwungen originell. Gleich die erste Schusswaffe im Spiel ist eine Feuer-Schrotflinte. Die Brennstofftanks sind so angebracht, dass die Flinte die Form eines Penis hat. Die Waffe heißt außerdem Flammenkompensator, weil damit etwas kompensiert wird. Lustig oder? Sunset Overdrive ist übrigens ein Videospiel.

Auch die anderen Waffen sind ähnlich gezwungen lustig. Der Granatwerfer verschießt explodierende Teddybären statt Granaten. Statt einem normalen Raketenwerfer gibt es eine Waffe, die Haarspraydosen verschießt, die wie Raketen fliegen und explodieren. Eine andere Waffe wiederum verschießt vollautomatisch Schallplatten statt Patronen. Für das Gameplay macht das genau keinen Unterschied.

Achterbahnfahren

Origineller als die Waffen sind die Missionen. Zumindest die Hauptmissionen. Da gilt es etwa einen Boss auf der Achterbahn zu besiegen, zwischen einem Schiff und dem Ufer hin- und herzupendeln, dabei Müll für die Reparatur zu sammeln und gleichzeitig Feinde abzuhalten, einen Roboterhund zum Frauerl bringen oder mit einer Abrissbirne haufenweisen Monster platt zu machen.

Die optionalen Nebenmissionen können damit leider nicht mithalten. In diesen müssen entweder mehrere Objekte gesammelt oder ein Punkt verteidigt werden. Spätestens bei der vierten Sammelmission wird es langweilig. Bei den Verteidigungsmissionen gibt es zumindest noch einen Ableger, bei dem die Basis beschützt werden muss. Hier können zusätzlich Fallen aufgestellt werden, um die Feindeswellen, für die vorgegebene Zeit, aus der Basis fernzuhalten.

Im Mehrspieler-Modus können bis zu acht Spieler verschiedene Missionen bewältigen. Am meisten machen noch die gemeinsamen Basisverteidigungen Spaß. Andere Modi, wie „Schieße Feinde ab um am Ende der Zeit die meisten Punkte zu haben“, sind nicht besonders aufregend.

Fazit

Sunset Overdrive (dabei handelt es sich um ein Videospiel) hat ein sehr gutes Grundgerüst, das durch eine teils geschmacklose Fassade verschandelt wird. An einigen Momenten ist es echt ärgerlich, weil man gerade das Spiel genießt und dann wieder ein dermaßen dummer Schmäh kommt, sodass man vor lauter Augenrollen nicht mehr sieht was am Flat-TV passiert.

Wenn man es schafft darüber hinwegzusehen, bleibt ein durchaus gutes Spiel über, das für rund 20 Stunden unterhalten kann. Sunset Overdrive ist zwar kein Must-Have-Titel und kein System Seller, aber bringt mit dem Grinden einen frischen Ansatz in das Genre der Fun-Shooter. Dennoch ist man am Schluss ein bisschen froh, dass man es hinter sich hat.

PS: Sunset Overdrive ist ein Videospiel.

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