Games
19.02.2015

The Order 1886 im Spieletest: Fortsetzung folgt

Werwölfe, Verschwörungen und Ritterorden im viktorianischen London: Der Shooter baut ein spannendes Universum auf, lässt den Spieler dann aber hängen.

Es gibt Spiele, bei denen man fast traurig ist, weil man das Ende erreicht hat und es nichts mehr zu tun gibt. Bei anderen ist man erleichtert, dass es endlich vorbei ist. Und dann gibt es Spiele wie The Order: 1886 ( PS4), bei denen man am liebsten beim Entwicklerstudio Ready at Dawn anrufen würde, um sie zu fragen ob sie „wo ang‘rennt sind“, weil sie einem dermaßen unbefriedigt zurücklassen.

Das liegt nicht daran, dass das Spiel schlecht ist. Im Gegenteil: Die Atmosphäre und der Aufbau des Universums sind grandios. Allerdings endet das Spiel nach fünfeinhalb Stunden so abrupt, als würde man bei einem packenden Film nach einer Stunde den Flat-TV ausschalten. Die futurezone hat das kurze Vergnügen getestet.

Galerie The Order: 1886

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Tafelrunde und Tesla

Wie der Name erahnen lässt, spielt The Order im Jahr 1886. In dem Spieleuniversum ist die Technik um einige Jahre ihrer Zeit voraus und das Übernatürliche gehört zum blutigen Alltag. Die Krone kämpft gegen eine Rebellion und Lykaner. Die Werwölfe werden von den Rittern des Orden bekämpft, der eine direkte Weiterführung von König Artus Tafelrunde ist. Der Spieler übernimmt die Rolle eines solch altgedienten Ritters, Sir Galahad.

Was sich jetzt wie ein Sammelsurium von Legenden und Mythen anhört, präsentiert sich im Spiel als ein homogenes Gesamtwerk. Die Story hat zwar Lücken und die Wendungen sind vorhersehbar, aber durch die dichte Amtosphäre wird man richtig tief in das viktorianische London hineingezogen. Dazu trägt die Liebe für die Details bei. Die etwas fortschrittlicheren Technologien wirken glaubhaft, die Kleidung der Charaktere passt zu der Zeit, ebenso wie Werbeplakate an Wänden, die Möbel in den Häusern, bis hin zu den Frisuren und Bärten der Charaktere.

Zusätzlich werden reale historische Ereignisse in das Universum von The Order eingewoben, wie die Zerstörung des Crystal Palace, der Wettstreit zwischen Tesla und Edison und die Jack The Ripper-Morde. Auch das zeitgerechte Design der Umgebung und Levels zieht Spieler in den Bann von The Order: vom Bordell und den engen Gassen des Armenviertels über die Londoner U-Bahn-Stationen, bis zum heruntergekommenen Krankenhaus.

Wie aus einem Guss

Intensiviert wird das Erlebnis dadurch, dass das gesamte Spiel wie ein Film inszeniert ist. Zwischensequenzen gehen fließend in Spielszenen über, die wiederum ohne stilistische oder optische Unterbrechung Quick-Time-Sequenzen integriert haben. Der Zeitraum um die Tasten zu drücken ist bei den Quick-Time-Events generös bemessen, sodass diese nicht in Frust enden. Nicht ganz gelungen ist das Balancing zwischen Action-, Quick-Time- und ruhigen Sequenzen. Die eigentliche Spielzeit, in der man mehr tut als nur von A nach B zu laufen oder eine eingeblendete Taste zu drücken, kommt zu kurz.

In den Zwischensequenzen und Nahaufnahmen entfalten die Gesichter und Gesichtsanimationen der Charaktere ihre volle Pracht. Zwar ist in der deutschen Sprachausgabe das Voice Acting gut, aber nicht alle Sequenzen sind Lippensynchron, was ein wenig das Film-Feeling stört. Ein bisschen übertrieben ist, dass versucht wird, durch das dauerhafte Letterbox-Format das Film-Feeling zu erzwingen. Gamer mit 21:9-Flat-TVs wird es freuen, alle anderen müssen mit schwarzen Balken Vorlieb nehmen.

Deckungs-Shooter

Zwischen dem ganzen Rundherum, Mini-Games wie Schlösser knacken und Quick-Time-Events, ist auch noch ein richtiges Spiel vorhanden. The Order ist ein Third-Person Deckungs-Shooter. Gegner tauchen auf, man geht in Deckung, schießt bis keine Feinde mehr da sind, geht zum nächsten Levelabschnitt und wiederholt die vorigen Schritte.

Beim Waffendesign sticht das Bogengewehr (Stromwaffe die sich gut eignet um blind aus der Deckung zu schießen) und das Thermitgewehr hervor. Dieses verschießt zuerst hochentzündliches Material, dass mit einem nachgesetzten Brandprojektil zur tödlichen Feuerwolke wird. Die restlichen Waffen gehören zum Shooter-Standard, wie Gewehre, Schrotflinten und Revolver.

Einen kleinen Unterschied gibt es beim Nahkampf: Schleicht man sich an einen Feind heran, muss man im richtigen Moment die Taste drücken. Drückt man zu früh oder zu spät, wird man erschossen.

Die Steuerung ist etwas holprig. Das Wechseln von einer Deckung zur anderen funktioniert nur gut, wenn sich die Deckung auf derselben Höhe befindet. Das Schleichen ums Eck ist für Galahad hingegen eine größere Herausforderung als ein Kampf gegen drei Werwölfe gleichzeitig.

Wenig Wiederspielwert

Das Gameplay ist streng linear, alternative Wege oder Level-Verzweigungen gibt es nicht. Die Belohnung für die spärlichen Erkundungsmöglichkeiten (meist zehn Schritte entfernte Nebenräume) sind eher unspektakulär. Alte Fotos sind zwar für einen Augenblick nett anzuschauen, das war es dann aber auch schon. Die Tonbandaufnahmen mit den Hintergrundinformationen sind ebenfalls eher verzichtbar.

Wenn man also nicht gerade alle Erfolge freispielen will, ist der Wiederspielwert gleich null. Die höheren Schwierigkeitsgrade verändern das Gameplay nicht nennenswert und wenn man bereits beim ersten Mal durchspielen sich die Zeit genommen hat um die vielen Details zu betrachten, kann man auch nicht viel Neues entdecken. Einen Multiplayer-Modus oder alternative Singleplayer-Modi gibt es nicht.

Außerdem ist die Chance hoch, dass man nach dem ersten Durchspielen wütend ist. Wütend, weil so viel unerledigt ist, weil dem Spieler nicht erlaubt wird weiter zu machen, weil am Ende sogar noch ein neuer Handlungsstrang aufgemacht statt geschlossen wird. Man hat das Gefühl, als würden einem die Entwickler sagen: „Sorry, Fortsetzung folgt“.

Fazit

Ich war selten so enttäuscht von dem Ende eines Spiels – und ich war sogar mit dem von Mass Effect 3 zufrieden. Das Ende in The Order: 1886 kommt zu früh, zu unvermittelt. Es wird ein fantastisches neues Universum aufgebaut, mit viel Liebe zum Detail, dass so atmosphärisch dicht ist, das man richtig darin eintauchen kann. Und dann ziehen nach fünfeinhalb Stunden die Entwickler den Stöpsel, lassen das Wasser raus und den Gamer auf den Trockenen sitzen.

Aufgrund des Stils und der Atmosphäre ist The Order durchaus spielenswert, allerdings ist das Deckungs-Shooter-Gameplay nur Genre-Standard. Investiert man 70 Euro in das Spiel, muss man damit rechnen möglicherweise schlussendlich enttäuscht zu werden - wenn man nach fünfeinhalb Stunden, unverrichteter Dinge, aus dem viktorianischen London rausgeschmissen wird.

Disclaimer: Die Spielzeit im Test betrug fünf Stunden und 32 Minuten auf dem Schwierigkeitsgrad Normal, inklusive mehrerer Tode. Es wurde jeder Raum und jede Sackgasse erkundet und nach Fotos und Tonbändern gesucht. Fotos wurden angesehen (Vorder- und Rückseite), zwei Tonbänder wurde angehört. Es wurde keine Zwischensequenz übersprungen. Die Spielzeit richtet sich, so wie bei den meisten Games, nach dem individuellen Spielstil und kann deshalb sowohl länger als auch kürzer ausfallen.