Games
07.12.2014

This War of Mine im Test: Ein Spiel ohne Gewinner

Krieg in Videospielen sollte eigentlich keinen Spaß machen: Diese Idee verfolgt das Anti-Kriegs-Spiel "This War of Mine", in dem man in die Rolle von Zivilisten schlüpft.

Krieg ist wohl eines der beliebtesten Szenarien für Videospiele. AAA-Titel wie “Call of Duty”, Crysis oder Battlefield lassen den Spieler in die Rolle eines Soldaten schlüpfen, der sich ohne Angst vor dem Tod auf das Schlachtfeld wagt. Das Szenario ist denkbar einfach: Wir, die Guten, müssen die Bösen besiegen. Leider halten viele Entwickler die Spielidee bewusst “dumm”. Dass es neben den Soldaten aber auch andere Opfer gibt, kommt nur selten zur Sprache.

This War of Mine in Bildern

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This War of Mine

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Dieser Thematik widmet sich “This War of Mine”, ein Serious Game des polnischen Entwicklers 11 bit studios. Hier übernimmt der Spieler die Kontrolle über Zivilisten, die den Krieg einfach nur überleben wollen. Statt den Konflikt zu suchen, muss der Spieler geschickt Ressourcen managen und neben der körperlichen auch die geistige Gesundheit seiner Schützlinge im Auge behalten. “Die Sims” trifft auf “Papers, please” quasi. Die futurezone hat eines der frustrierendsten, zugleich aber auch wichtigsten Spiele des Jahres getestet.

Basierend auf Erzählungen

Es ist eine ungewöhnliche Gruppe, die sich da gefunden hat. Koch Bruno, Journalistin Katia und Fußballer Pavle suchen gemeinsam Unterschlupf in einem alten, verlassenen Haus. Baufällig wäre eine Untertreibung: Wasser tropft von der Decke, riesige Löcher in der Wand lassen die Kälte in die Vorräume strömen und einige Räume lassen sich nur mit Werkzeugen öffnen. Doch es ist ein Dach über dem Kopf. Draußen tobt Krieg, überall lauern Scharfschützen und andere Bedrohungen.

Wo sich die Gruppe befindet, wollen die Entwickler nicht verraten. Es solle sich aber so anfühlen als könnte es “überall stattfinden”,so 11 bit studio-Chef Pawel Miechowski.Inspiration war vor allemder Artikel “One year in Hell”,der von einem Überlebenden der Bosnienkriege verfasst wurde und beschreibt, wie man im Krieg als Zivilist überlebt. Aber auch andere Berichte wurden herangezogen, alle Spielmechaniken basieren auf realen Überlebenstaktiken von Kriegsopfern.

Ressourcenmanagement

Das Ziel ist scheinbar einfach: Überleben. Doch das ist in einer Welt ohne Regeln eine schwierige Aufgabe. Schöpft man zu Beginn durch die gefundenen Vorräte im Haus noch Hoffnung, so senkt sich die Stimmung nach einer Bestandsaufnahme schnell wieder. Viel Holz, ein bisschen Elektroschrott und ein paar Konserven. Mit einer Werkbank lassen sich Behelfsgegenstände herstellen, beispielsweise ein Bett, ein Stuhl oder ein Radio. Für neue Gegenstände werden viele Ressourcen benötigt, da überlegt man sich jede Entscheidung mindestens zwei Mal. Soll ich nun ein neues Bett bauen, damit sich meine kranken Schützlinge auskurieren können oder verbrenne ich das Holz im Ofen zum Heizen?

Vor allem Essen wird rasch knapp. Darum muss nachts zumindest eine Person in die Stadt gehen. Der Spieler wählt aus, wer schlafen, Wache stehen oder auf die Suche nach Vorräten gehen muss. Hier stehen verschiedene Gebiete zur Auswahl, deren Vor- und Nachteile das Spiel kurz zusammenfasst. Wagt man sich hinter die Front, beispielsweise auf die “Scharfschützen-Kreuzung”, so erwarten den Spieler viele nützliche Ressourcen, aber auch große Gefahren. In den relativ sicheren Vororten muss man jedoch in noch bewohnte Häuser von Familien einbrechen, denen es ähnlich schlecht geht.

Moralisches Dilemma

So landet Pavle plötzlich in einem Haus, das von einem alten Ehepaar bewohnt wird, im Kühlschrank findet sich nur etwas Gemüse. Der eigene Kühlschrank ist aber bereits leer und so muss man zugreifen. Das alte Ehepaar entdeckt den Eindringling, weicht aber vor Angst zurück und fleht Pavle an, ihnen das Essen zu lassen. Das moralische Dilemma beschäftigt nicht nur den Spieler, auch die Charaktere haben daran zu knabbern. “Rauben wir jetzt schon alte Menschen aus?”, meint Pavle und verfällt in eine depressive Stimmung. Auch Bruno ist trotz großen Hungers entsetzt von Pavles Tat: “Die haben es sicher schwerer als wir.”

Die Laune lässt sich durch Gespräche mit anderen Gruppen-Mitgliedern, Rauchen, dem Lesen eines Buches oder Radio hören heben. Depressive Gruppenmitglieder schlurfen mit gesenktem Haupt durch die Gänge und wollen gewisse Aufgaben einfach nicht mehr erfüllen. “Macht das überhaupt noch einen Sinn?”, seufzt Katia, als Pavle im Sterben liegt. Verletzungen fangen meist harmlos an, durch Schlafen oder Medizin lassen sie sich behandeln. Sowohl Schlaf als auch Medizin sind rare Güter.

Finger am Abzug

Zu Beginn glaubt man noch, dass das Spiel auch auf friedliche Art und Weise durch Gutmütigkeit und Fleiß gewonnen werden kann. Doch dieser Eindruck verfliegt rasch wieder, Gewalt scheint sich zu einer Lösung zu entwickeln. “Was unterscheidet uns noch von denen, vor denen wir uns verstecken?”, gibt Bruno dem Spieler zu Bedenken. Waffen sind erstaunlich schnell gebaut, der Einsatz ist aber nie ohne Konsequenzen. Als Pavle zum ersten Mal einen Menschen tötet, nimmt ihn das schwer mit. Er versucht jedoch, seine Tat immer wieder rechtzufertigen. Jeder Mord bringt die Psyche der Gruppe ordentlich ins Schwanken, weswegen man von Amokläufen im Hitman-Stil absehen sollte.

Nach einem Monat, umgerechnet rund acht Stunden Spielzeit, ist der Krieg vorbei und man hat “gewonnen.” Es fühlt sich zwar wie ein Sieg an, freuen kann man sich jedoch nicht darüber. Der Spieler wird zu stark von der beklemmenden Stimmung eingenommen. Es fühlt sich nicht wie ein Spiel an, trotz der hübschen Grafik im düsteren Comic-Stil. Leise Schüsse oder Explosionen im Hintergrund erinnern in stillen Momenten daran, dass draußen Krieg tobt, die dezent melancholische Musik trägt ebenfalls einiges zum Erlebnis bei. Hirn abschalten ist hier keine Option.

Pflicht für "Call of Duty"-Spieler

“This War of Mine” ist eines der wenigen Spiele, das bewusst frustriert, aber dennoch gespielt werden sollte. Es konfrontiert mit unbequemen Szenarien, die durch den hohen Lebensstandard in Österreich nur schwer vorstellbar sind. Vor allem das schlichte Szenario nimmt den Spieler mit. Man schlüpft in eine Rolle, die im Falle eines Krieges fast jedem zuteil werden könnte. So setzt man der Hollywood-geprägten seichten Darstellung von Krieg in Titeln wie “Call of Duty” gezielt etwas entgegen.

Wer jedoch Entspannung nach einem harten Arbeitstag sucht, ist bei “This War of Mine” fehl am Platz. Der Spieler wird vor allem emotional beansprucht, die gezeigten Szenen gehen an niemanden spurlos vorbei. Dennoch sei jedem, der das Kriegs-Szenario in Videospielen schätzt, geraten, sich einmal für ein paar Stunden mit “This War of Mine” zu beschäftigen - vor allem die “Call of Duty”-Spieler. Das Spiel ist online auf Steam für 19 Euro sowie im Handel für 20 Euro erhältlich.