Games
26.01.2018

Wie Nostalgie den Videospiel-Markt belebt

Spiele-Hersteller locken immer häufiger mit Retro-Titeln und neu aufgelegter Hardware. Dahinter steckt nicht nur Geldmacherei.

Vier Jahrzehnte lang waren Videospiele als Nischenangebot für Kinder und Nerds verschrien. Doch mittlerweile wird mit Videospielen mehr Geld eingenommen als mit Filmen (2017: 41,2 Milliarden US-Dollar) und Musik (2016: 15,7 Milliarden US-Dollar) zusammengerechnet. Mehr als 100 Milliarden US-Dollar werden für Spielkonsolen, neue Videospiele und Mobile Games jährlich ausgegeben.

Das rasante Wachstum im vergangenen Jahrzehnt – 2009 wurden 19,7 Milliarden US-Dollar erwirtschaftet – ist einerseits auf den Hype um Mobile Games zurückzuführen, aber auch darauf, dass die Gamer der ersten Stunde mittlerweile erwachsen, berufstätig und kaufkräftig geworden sind. Diese sind kurioserweise aber nicht nur an den neuesten Blockbuster-Produktionen wie Call of Duty oder Assassin’s Creed interessiert, sondern wenden sich zunehmend auch grafisch einfachen Titeln mit altbekannter Optik und Spielmechanik zu.

Nintendo legt vor

Das wohl bekannteste Beispiel für das sogenannte Nostalgie-Marketing in der Games-Branche ist Pokémon Go. Im Sommer 2016 gingen dank der Augmented-Reality-App Millionen Smartphone-Nutzer auf Pokémon-Jagd. Der Großteil von ihnen war Teil jener Generation, die bereits in den 90ern vom Hype um die japanischen Monster erfasst wurde. Eine ähnlich gewaltige Reaktion löste Nintendos Classic Mini, eine kompakte Version der Spielkonsole Nintendo Entertainment System (NES), aus. Die günstige Spielkonsole war dem Original nachempfunden und beinhaltete 30 für moderne Fernseher angepasste Titel wie Pac-Man und Super Mario Bros.

Galerie: Nintendo Classic Mini

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Die Spielkonsole war über Monate vergriffen und erzielte während der Weihnachtszeit auf Online-Plattformen vierstellige Kaufpreise. Doch nicht nur die Neuauflage ist seitdem gefragt, auch das Original hat stark an Wert zugelegt. Auf dem Anzeigenportal Willhaben haben sich die Suchanfragen zur NES (plus 117 Prozent) und SNES (plus 139 Prozent) mehr als verdoppelt. Der Großteil der Anzeigen seien Konsolen, die für 100 bis 200 Euro pro Stück verkauft werden. Ähnlich sieht es bei der Flohmarkt-App Shpock aus: Dort haben die Suchanfragen zu Nintendo-Artikeln binnen eines Jahres um 110 Prozent zugelegt.

Gegen die Großen

Michael Hartinger, ein österreichischer Indie-Game-Entwickler, sieht den Trend positiv: "Geld machen mit Spielen ist ja in Ordnung. Und wenn man zwei Millionen Leute dazu bringt, eine Mini-Konsole mit über 20 Jahre alten Spielen zu spielen, warum nicht?" Sein Studio Bloodirony Games hat sich auf Spiele im sogenannten Pixel-Art-Stil spezialisiert. Dabei werden Spiele im Stil alter 8- und 16-Bit-Titel inszeniert: 2D-Grafik, begrenzter Farbraum und einfache Animationen. Davon profitieren vor allem kleine Studios mit ebenso niedrigen Budgets , wie Bloodirony Games.

Für Hartinger fiel die Entscheidung aber aus künstlerischen und spielerischen Gründen, nicht aus finanziellen oder technischen. Der Stil habe etwas Zeitloses: "Vergleicht man beispielsweise Zelda: A Link to the Past, das in Pixel Art auf dem SNES umgesetzt wurde, mit dem ersten 3D-Zelda, Ocarina of Time, auf dem N64, sind beide noch gut spielbar. Doch der 3D-Titel ist nicht so gut gealtert, während A Link to the Past immer noch visuell ansehnlich ist." Dafür benötige man aber auch einen entsprechend talentierten Pixel Artist. "Wenn man sich die alten Pixel-Art-Brawler wie Street Fighter oder Darkstalkers ansieht, merkt man, wie viel Liebe zum Detail da hineingeflossen ist. Weil man bei Pixel Art keine dynamische Beleuchtung und Schattierung bekommt, muss das alles per Hand gemacht werden."

Neue Generation

Wie sich der Trend entwickeln wird, ist unklar. Hartinger glaubt, dass Pixel-Art-Titel womöglich nicht mehr so große Erfolge wie zu Beginn feiern, aber dennoch eine wichtige Nischenrolle einnehmen werden. "Meine Kinder sagen zu Pixel-Art-Spielen immer Minecraft-artige Spiele.

Für die nächsten Generationen werden Pixel-Art-Spiele also ein Bestandteil der Palette sein. Sie werden sie aber nicht, wie ich oder andere, durch eine nostalgische Brille betrachten." Das Open-World-Spiel Minecraft, das mehr als 122 Millionen Mal verkauft wurde, gehört seit 2014 Microsoft. Der Windows-Hersteller bezahlte 2,5 Milliarden US-Dollar für den Minecraft-Hersteller Mojang.

Gegen die Fans

Auch ohne Pixel Art dürfte die Nachfrage nach alten Games aber ungebrochen hoch bleiben. Wie in der Filmindustrie können Neuauflagen, restaurierte Fassungen oder neue Sammlereditionen immer wieder frisches Geld in die Kassen spülen – bei minimalem Aufwand. Eines der ersten Unternehmen, das dieses Bedürfnis erkannt hat, war die polnische Plattform GOG.com (kurz für Good Old Games). Das Tochterunternehmen des polnischen Spieleentwicklers CD Projekt (bekannt unter anderem für The Witcher) vertreibt seit 2008 vorrangig alte Spiele. Das Unternehmen bereitet die Titel so auf, dass sie auch auf modernen Computern funktionieren und entfernt den Kopierschutz.

Ein hochprofitables Geschäft, mit dem der polnische Konzern seine großen Spiele-Projekte finanziert. Um diesen neuen Geldkanal nicht zu gefährden, drohen einige Unternehmen aber mittlerweile auch den eigenen Fans. Nintendo geht bereits seit Jahren gegen Fan-Projektewie Pokémon Uranium oder von Fans kreierte Neuauflagen von Super Mario 64 und Metroid II vor. Unterdessen lockt man, wie Sony und Microsoft, mit Emulatoren, mit denen alte Titel auf den neuen Konsolen gespielt werden können. "Nintendo geht sehr merkwürdig mit seinem intellektuellen Eigentum um", kritisiert der Entwickler des Metroid-Fan-Projekts AM2R. "Hoffentlich erkennen sie eines Tages, wie wichtig Fans und YouTuber für ihre Marke sind."