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© APA/AFP/MANDEL NGAN / MANDEL NGAN

GASTKOMMENTAR
02/21/2020

Amazon brennt!

Jeff Bezos müsste viel mehr tun, als Milliarden für den Kampf gegen den Klimawandel zu spenden. Aber auch Amazon-Kunden und Mitarbeiter sind nicht machtlos.

von Tina Wirnsberger

Wenn der reichste Mensch der Welt mit einem Vermögen von 130 Milliarden Dollar erstmals nach massiver Kritik der eigenen Belegschaft an den umweltschädlichen Unternehmenspraktiken überhaupt auf die Idee kommt, verglichen zu seinem Vermögen, Peanuts für die Rettung des Planeten springen zu lassen – dann ist das kein Grund, Beifall zu klatschen, sondern sich zu fragen: „Was hat dich so lange abgehalten?“ Dann braucht dieser jemand sich auch nicht wundern, wenn man ihm unterstellt, sich damit Wissenschaft, Aktivist*innen und NGOs gleichermaßen in einem Aufwasch einkaufen zu wollen und dafür einen Heiligenschein zu erwarten. Schon gar nicht, wenn es sich dabei um den Chef des gigantischsten Online-Konzerns handelt.

Steuern zahlen, Klima schützen!

Dabei müsste Amazon Chef Jeff Bezos gar keinen so betont generösen (und so nebenbei ganz selbstlos nach ihm selbst benannten) Fonds einrichten, um, wie er blumig schreibt „die eine Sache, die wir alle gemeinsam haben: die Erde“ zu schützen. Was NGOs und Klima-Aktivist*innen brauchen, ist, dass Politik und Wirtschaft endlich auf das hören, was sie seit Jahren sagen und die Erkenntnisse der Wissenschaft umsetzen. Dafür braucht man keine Milliarden Dollar. Das könnte ein Unternehmen von Amazons Größe und Einfluss völlig kostenlos mit enormer Breitenwirkung erledigen. Es würde im ersten Schritt schon reichen, regulär Steuern zu zahlen. Dann könnten so manche Regierungen auch nicht mehr behaupten, es sei kein Geld für Klimaschutz da. Im zweiten Schritt könnte Bezos in der Standort-Frage beschließen, dass der riesige Arbeitgeber Amazon sich nur mehr in jenen Staaten niederlässt, die die ambitioniertesten Umwelt- und Klimaschutzprogramme umsetzen. Utopische Vorstellung, ich weiß.

Die gute Nachricht: Kaum jemand lässt den Onlinehandel-Milliardär so einfach davon kommen mit seinem Versuch, sich frei zu kaufen. Die Pressemeldung des Bezos Earth Fonds nehmen Medien eher zum Anlass, nochmals ausführlich über die Kritikpunkte zu berichten. Auch die Belegschaft tut Bezos nicht den Gefallen, jetzt brav die Füße still zu halten. „Eine Hand kann nicht geben, was die andere nimmt“, bringen sie die Scheinheiligkeit der größten Spende aller Zeiten auf den Punkt. Die „Amazon Employees For Climate Justice“ legen nach und fordern völlig richtig, dass Amazon als Betreiber der weltweit größten Server-Farmen in Zukunft Öl- und Gaskonzerne vom Netz abschneidet und verhindert, dass sie weitere Bohrungen planen – ganz einfach, indem man ihnen keine IT-Infrastruktur mehr anbietet.

David hat Goliath nicht mit Boykott besiegt

Natürlich könnte man an dieser Stelle einen Vortrag darüber halten, dass die werte klimabewusste Leser*innenschaft nicht bei Amazon bestellen darf. Dass es auch im Online-Handel vergleichsweise umweltschonendere und sozialere Alternativen gibt. Dass ihr üble Mittäter*innen seid, wenn ihr euch am Black Friday den Fernseher bestellt, den ihr euch sonst nicht leisten könnt. Dass ihr mit jeder noch so kleinen Kaufentscheidung den entscheidenden Unterschied macht. Nun, diese Erwartung muss die Autorin an dieser Stelle enttäuschen.

Ein Aspekt dieses in erster Etappe äußerst erfolgreichen Kampfes gegen Goliath erscheint nämlich besonders bemerkenswert: Gewonnen haben ihn nicht die viel beschworenen kritischen Konsumentscheidungen Einzelner. Gewonnen hat ihn eine Gruppe von Arbeitnehmer*innen, die verstanden haben, dass sie sich organisieren müssen, um vorhandene gesellschaftliche Stimmungen für ihr Klimaschutz-Anliegen zu nutzen. Eines ihrer Geheimnisse: Sie haben nicht den Fehler gemacht, es nur bei Aufrufen zu Konsum-Boykott zu belassen und damit die Verantwortung wieder ausschließlich Konsument*innen abzugeben statt an die Verursacher.

Kauf kritisch, dann regelt der Markt das schon?

Bedeutet das also, dass wir als Konsument*innen keine Verantwortung haben? Natürlich nicht. Aber den Unterschied machst du nicht, indem du schweigend umweltschädigende Produkte im Regal stehen lässt, stattdessen gar nichts oder die umweltfreundlichen Varianten kaufst und davon ausgehst, dass der Markt das dann schon regeln wird, ganz gemäß der Marktlogik von Angebot und Nachfrage. Den Unterschied machst du, indem du deine Stimme gemeinsam mit anderen erhebst und von Politik und Wirtschaft einen Systemwechsel forderst. Der Diskurs um kritische Konsum-Entscheidungen ist ein wichtiges Fundament der Klimabewegungen und nimmt eine bedeutende Rolle in der systemkritischen Bewusstseinsbildung ein. Aber er dreht sich seit Jahren auch im Kreis. Während auf der einen Seite immer mehr Menschen mit wachsendem Bewusstsein sich in Verzicht üben, steht umweltschädigende Politik und Wirtschaft auf der anderen Seite trotzdem weiter hoch im Kurs. Individuelles Umweltbewusstsein zeigt nur Wirkung, wenn die Individuen sich zusammenschließen wie die Arbeiter*innen in Seattle und ihre Forderung nach Veränderung nicht nach unten an die Konsument*innen adressieren, sondern sich mit den Großen anlegen.

Arbeiter*innen dieses gefährdeten Planeten, vereinigt euch!

Ein weiteres Paradigma haben die „Amazon Employees for Climate Justice“ aufgebrochen: Das Ausspielen von Arbeitsplätzen gegen Klimaschutz- und andere Anliegen hat bislang eine traurig erfolgreiche Tradition. Große internationale Konzerne beherrschen diese Klaviatur meisterlich. Mit Arbeitsplätzen lassen sich Wählerstimmen machen, und so waren sie lange Jahrzehnte die wichtigste Währung in der Politik. Das ist häufig die Legitimation, mit der Fabriken Flüsse verdrecken, Energiekonzerne mit Staudämmen Naturschutzgebiete zerstören und Chemiekonzerne Böden und Menschen mit Pestiziden vergiften dürfen. Möge Seattle ein inspirierendes, Mut machendes Beispiel sein, was für ein gewaltiges Signalfeuer Arbeiter*innen und ihre Vertretungen entzünden könnten, wenn sie sich nicht länger von den Jeff Bezos dieser Welt diktieren lassen, dass Klimaschutz gegen ihre Interessen stünde, sondern ihn zu ihrem eigenen Interesse machen. Amazon brennt schon.

Über die Autorin

Tina Wirnsberger ist Trainerin für nachhaltige Wirtschaft & Politik und Sozialpädagogin. Sie war bis Jänner 2019 Grüne Stadträtin für Umwelt und Frauen in Graz.