Greek president Prokopis Pavlopoulos in Ireland

Bäumepflanzen ist ein beliebter, symbolischer Akt. Reicht der für die Klimawende?

© EPA / AIDAN CRAWLEY

Gastkommentar
01/24/2020

Baumpflanz-Aktionen: Klimaschutz ist kein Ablass-Handel

Sind „Plant a Tree“-Aktionen wirklich die ultimative Lösung, um das Klima zu retten?

von Tina Wirnsberger

Das Weltwirtschaftsforum in Davos verkündet: Eine Billion Bäume will man bis 2030 pflanzen. Um zu zeigen, dass man es jetzt aber wirklich ernst meine mit dem Klimaschutz. Spätestens seit den aufsehenerregenden Bränden im  Amazonas-Regenwald vergangenen Jahres und den tragischen Buschfeuern in Australien erleben verschiedenste „Plant a Tree“-Aktionen auch im Internet wieder einen Trend. Aber sind sie wirklich die ultimative Lösung, um das Klima zu retten?

Es steht außer Frage: Die Wälder dieses Planeten spielen als Kohlenstoffspeicher eine etscheidende Rolle in der Stabilisierung des Weltklimas. Sie filtern Schadstoffe aus Luft und Wasser, produzieren Sauerstoff und sichern die Artenvielfalt der Tier- und Pflanzenwelt. Und sie sind zunehmend nicht nur von der massiven Abholzung für Brenn- und Baustoffe bedroht, sondern bereits alarmierend deutlich auch von den Auswirkungen des menschgemachten Klimawandels.

Die Bäume in den Wäldern Europas leiden durch Hitze und Dürre an Trockenstress, sind anfälliger für Borkenkäfer und andere Parasiten. 32,4 Millionen Kubikmeter Schadholz, also abgestorbener Wald, sind so allein in Deutschland 2018 angefallen. Die Fläche von 3.300 Fußballfeldern noch nicht mit eingerechnet, die dort durch Brände verloren ging.

Viele Bäume machen noch keinen Wald

Obwohl Wälder zu den wichtigsten Ökosystemen der Welt gehören, gab es erst 2015 die erste globale Baumzählung und seitdem überhaupt konkrete Zahlen, wie viele Bäume auf der Erde wachsen: 3,04 Billionen waren es vor vier Jahren. Damals, noch vor den traurigen Rekordjahren weltweiter Regenwaldabholzung, wurde berechnet, dass jährlich 15,3 Milliarden Bäume verschwinden. Eine Studie der ETH Zürich, die Aufforstung für das bei Weitem wirksamste Mittel gegen den Klimawandel erklärte, stieß in Forscherkreisen nicht auf einstimmige Zustimmung, einige Wissenschaftler halten die Interpretation für maßlos übertrieben.

Ohne Zweifel sind Aufforstungsprojekte jedoch dringend notwendig, und zwar weit über ein Maß hinaus, das nur die verursachten Schäden wieder gut macht. Aber: Viele Bäume machen noch keinen Wald. Es braucht Jahrzehnte, bis neu gesetzte Bäume ihre ganzen Superkräfte entfalten und noch länger, bis die empfindlichen Kreisläufe des Ökosystems Wald effektiv in die Gänge kommen können.

Größte Verluste verzeichnen die Tropen

Das verheerende Ausmaß von Waldzerstörung und Waldsterben ist nicht erst seit gestern bekannt. Umweltschutzorganisationen zeigen es seit Jahrzehnten auf, immer mehr unterstützt durch genauere Wissenschaft und Technologien zur Messung und Datenauswertung. 2013 hat ein internationales Forschungsteam mit einer Kombination aus Bildern des Satelliten Landsat und der Rechenleistung der Google Earth Engine mit Global Forest Change eine interaktive Weltkarte der Waldveränderung vorgestellt. Sie belegte: Die größten Verluste verzeichnen die tropischen Wälder.

Reaktionen seitens Politik und Wirtschaft riefen diese Daten jedoch keine hervor, im Gegenteil. In Brasilien nahmen die illegalen Brandrodungen zu, just nachdem die EU grünes Licht für den Mercosur-Deal gab, der brasilianische Rindfleischexporte begünstigt. Die Gewinnung von Land für Rinderfarmen zählt zu den Hauptgründen für illegale Landnahme im brasilianischen Regenwald. Die Abholzung für lukrative Palmöl-Plantagen in Indonesien geht ebenfalls munter weiter, die Konzerne verweigern seit Jahren Entschädigungszahlungen und machen weltweit weiterhin gute Geschäfte mit der Umweltzerstörung. Auch mit jenen Reichen und Mächtigen, die sich dieser Tage in Davos am Weltwirtschaftsforum treffen.

Baumpflanzungen und Aufforstungs-Programme sind von enormer Bedeutung. So ist es durchwegs positiv, dass in den vergangenen Monaten wieder vermehrt einzelne „Plant a Tree“-Aktionen auch online in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt sind. Youtuber und Influencer haben mit #TeamTrees zu einer viralen Spendenaktion für die Organisation Arbor Day Foundation aufgerufen. Die Suchmaschine Ecosia bietet sich als ökologischere Alternative zu Google an. Ein Teil des Gewinns wird in Aufforstungsprogramme investiert, aktuell beispielsweise in der Gegend von Byron Bay, Australien, die von den Buschfeuern stark betroffen war.

Um individuell das Bewusstsein für die Bedeutung der Wälder in der Klimakrise zu steigern und Einzelpersonen eine unkomplizierte Möglichkeit zu bieten, einen kleinen Beitrag zu leisten, sind solche Baumpflanz-Aktionen gute Lösungsansätze. Ecosia statt Google zu nutzen macht Sinn. Aber: Ecosia als Ausrede zu nutzen, um nicht eigene umweltschädigende Verhaltensweisen generell hinterfragen zu müssen, ist Heuchelei.

Baumpflanzungen als Ablass-Währung

In weitaus stärkerem Ausmaß als für Individuen gilt das natürlich für jene Top-Manager und Spitzen-Politiker, die großteils mit Privatjets zum 50. Weltwirtschaftsforum nach Davos gereist sind, um dort den „Zustand der Welt zu verbessern“, wie ihr diesjähriges Motto lautet. Denn wer zwar verkündet, eine Billion Bäume pflanzen zu wollen, aber ansonsten weiterhin klimaschädliche Politik und Geschäfte betreibt, für die direkt oder indirekt Wälder zerstört werden, sieht in Baumpflanzungen nichts weiter als einen durchschaubaren populistische Ablass-Handel. Ganz getreu dem Motto „Save water, drink champagne“.

Was vor ein paar Jahren vielleicht sogar noch ein medialer Coup gewesen wäre, läuft diesmal ins Leere. Dank der globalen Klimabewegung wird niemand mehr so einfach mit faulen Ausreden davonkommen.

Über die Autorin

Tina Wirnsberger ist Trainerin für nachhaltige Wirtschaft & Politik und Sozialpädagogin. Sie war bis Jänner 2019 Grüne Stadträtin für Umwelt und Frauen in Graz.