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Peter Glaser: Zukunftsreich

Das Ende des Endes

1926 entwickelte der Mathematiker Oskar Klein eine Erklärung dafür, warum die fünfte Dimension unsichtbar ist: Sie rollt sich in einem winzigen Kreis zusammen. Nur sehr wenige Menschen zeigten sich beeindruckt davon. Heute entrollt sich diese fünfte Dimension vor unser aller Augen - das Online-Universum. Sie ist voller schnell wachsender, immer verzweigterer Verbindungen und verschlungener Filamente. Sie durchdringt sich selbst auf atemberaubende Weise, und immer tiefer.

Jeder ist ein digitales Gesamtkunstwerk
Die zuletzt in der Renaissance als kultureller Generalangriff auf die Welt verfolgte Idee des Gesamtkunstwerks wird heute durch die immer weitergehender vernetzten Kommunikations- und Kulturtechniken auf erstaunlich zwanglose und demokratische Weise verwirklicht. Nun heißt es nicht mehr „Jeder ist ein Künstler" sondern „Jeder ist ein digitales Gesamtkunstwerk". Das tiefe menschliche Bedürfnis nach einer ganzheitlichen, umfassenden Selbstdarstellung findet in einer Anmerkung des Bildhauers, Malers, Zeichners und Schriftstellers Ernst Barlach Ausdruck: „Nun kann mir aber die Plastik nicht ganz genügen, deshalb zeichne ich, und weil mir das nicht ganz genügt, schreibe ich..."

Wo die Vielen mit den Vielen reden
Unsere Fähigkeit, Schritt für Schritt lineare Abfolgen zu entwickeln, läßt auf angenehme Weise nach; zugleich beginnen wir zu lernen, wie man sich quasi aufgefächert und mehrstimmig äußert oder miteinander austauscht. Die (fast) verzögerungsfreie Kommunikation, in der inzwischen die Vielen mit den Vielen reden, sorgt dafür, dass sich gleichzeitig alle Umgebungs- und Erfahrungsfaktoren in einem Zustand zunehmender, aktiver Wechselwirkung befinden. Die Tendenz führt aus dem Mechanisch-Linearen in etwas Organischeres, ins Verzweigte, Vernetzte, zu n-dimensionalen Graphen, tiefenskalierbaren Mannigfaltigkeiten und Vorstellungsräumen wie jenem, den wir „Das Netz" nennen und der sich ganz unabstrakt erleben und erproben läßt.

Informationskubismus
Vernetzte Computer mit ihrer ungeheueren „Blätterbarkeit" ermöglichen die Entstehung nichtlinearer Nutzungs- und Erzählformen, Erkundungsformen und vieldimensionaler Datenstrukturen jenseits avantgardistischer Experimente. Während etwa ein Orchesterkomponist in der Lage ist, eine Vielheit zu empfinden, in musikalischen Entsprechungen zu denken und diese in einem speziellen Zeichensystem zum Ausdruck zu bringen, ist die sprachgetragene Vernunft bei der Darstellung und Umsetzung von Komplexitäten bisher stets in den seriellen Ablauf von Zeichen oder Bildern beschränkt oder auf dramaturgische Tricks angewiesen gewesen. So werden attraktive Explosionen in Actionfilmen von mehreren verschiedene Kamerastandpunkten aus gefilmt und, als eine Art informationskubistische Gleichzeitigkeit in einer schnellen Schnittfolge nacheinander gezeigt.

Mancher fühlt sich im Netz verloren
Bei der Kommunikation ist die Polytechnik, die alle technischen Mittel benutzt, der Monotechnik überlegen – unter anderem deshalb ist das Fernsehen immer noch recht erfolgreich. Die Zeit, in der eine Geschichte - und damit natürlich auch die Art, wie wir etwas erleben - ausgerichtet war an einem Anfang und einem Ende, geht mit dem Netz zu Ende. Die Unendlichkeit des Online-Universums erlaubt es uns, die gesamte Fülle der digitalisierten Weltkultur an den verschiedensten Punkten zu betreten und sie auf den unterschiedlichsten Wegen zu durchqueren.

Anstelle eines gedruckten Textes, der an einer definierten Stelle beginnt und endet, haben wir nun ein Kulturgebilde, das einer Kugel (oder einem Globus) ähnelt. Deren Oberfläche besteht aus unendlich vielen Punkten, von denen aus man in das Informationsvolumen eindringen kann. Manche empfinden im Netz eine neuartige Verlorenheit. Sie möchten zurück an den Anfang, aber es gibt keinen Anfang mehr. Es gibt auch kein Ende mehr.

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Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin und begleitet seit 30 Jahren die Entwicklung der digitalen Welt. Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs, Träger des Ingeborg Bachmann-Preises und Blogger. Für die futurezone schreibt er jeden Samstag eine Kolumne.

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