Meinung
16.06.2015

Das ist pfui!

In der Politik werden Dinge für böse und gefährlich erklärt, echte Begründungen bleiben oft aus. Als wissenschaftlich denkende Menschen sollten wir das nicht erlauben.

Mir ist im Traum ein rosa Einhorn erschienen. Es hat mir erklärt, dass E-Mails Krebs verursachen. Ich fordere daher sofort ein europaweites E-Mailverbot.

Mit einer solchen Forderung wird man wohl ausgelacht, und das ist auch gut so. Ein geträumtes rosa Einhorn ist kein Argument, das wir in der politischen Diskussion gelten lassen können. Wenn das heilige Nilpferd, von dem mein Nachbar träumt, nämlich das Gegenteil behauptet, dann haben wir keine Möglichkeit, in unserer Diskussion voranzukommen.

Genau das ist eines der wichtigsten Argumente für kritisches, skeptisches, wissenschaftliches Denken: Nur mit einer forschenden, faktenbezogenen Sicht auf die Welt können wir uns darauf einigen, welche Art von Argumenten wir überhaupt ernst nehmen sollen.

Meinung ohne Grund

Die „Österreichische Naturgesetzpartei“ wollte in den 1990erjahren tausend Personen zu „yogischen Fliegern“ ausbilden. Diese Spezialeinheit wundertätiger Staatsbediensteter hätte dann mittels „transzendentaler Meditation“ nicht nur Kriminalität, Arbeitslosigkeit und Unfallhäufigkeit senken, sondern zusätzlich auch noch das Staatsdefizit reduzieren sollen. Durchgesetzt hat sich dieses Programm nicht, der Erfolg der Naturgesetzpartei hielt sich in engen Grenzen.

Auch eine politische Partei, die ihr Parteiprogramm mit einer Wünschelrute erstellt, wäre wohl nicht mehrheitsfähig. An andere, ähnlich wackelige Aussagen in der Politik haben wir uns allerdings längst gewöhnt. Jede politische Gruppierung hat ihre Dogmen, die sie für unhinterfragbar richtig hält, ohne sie tiefer zu begründen. „Das ist nun mal so, der freie Markt hat das so gewollt“, sagen die einen. „Privatisierung ist falsch, man braucht nun mal einen starken Staat“, sagen die anderen. „Mein heiliges Buch sagt, was ihr macht ist Sünde“, schimpfen religiöse Fundamentalisten.

Die einen erklären den Kampf gegen ausländische Einwanderer zum Dogma, die anderen den Kampf gegen Gentechnologie. Die einen halten Erbschaftssteuern für unmoralisch und leistungsfeindlich, die anderen finden hohe Gehälter unanständig. So lange man solche Überzeugungen als selbstverständlich betrachtet und nicht mit Argumenten untermauert, kommt man nicht weiter.

„Wer nicht für Überwachung ist, der ist ein Terroristenfreund!“ Warum eigentlich? – Egal, die Diskussion ist mit einem solchen verbalen Keulenschlag beendet. Wer den Gegner wahlweise als Nazi oder Kommunist, als Klassenfeind oder als Sozialschmarotzer beschimpft, kann mit grimmiger Miene davoneilen, ohne irgendetwas begründen zu müssen. Und wenn man es sich besonders einfach machen will, dann ballt man wütend die Faust und ruft: „Das gehört sich doch einfach nicht!“

Vorsicht mit Absolutheitsansprüchen!

Wenn Ideologie auf Ideologie prallt, dann gibt es keine Bewegung mehr. Die Wissenschaft hingegen hat in den letzten Jahrhunderten genau deshalb so große Fortschritte gemacht, weil sie selbst ihre eigenen fundamentalen Grundlagen ständig hinterfragt, weil jedes Naturgesetz immer wieder untersucht wird, weil man jede Aussage immer wieder mit guten Argumenten begründen muss. Im wissenschaftlichen Denken sind ideologische Sackgassen-Argumente nicht erlaubt.

Natürlich kann man politische Fragen oft nicht so einfach durch wissenschaftliche Fakten entscheiden. Sogar politische Themen, die sehr eng mit Naturwissenschaft verknüpft sind, führen zu emotionalen Diskussionen, etwa die Frage, wie man mit dem Klimawandel umgehen soll. Bei moralisch-gesellschaftspolitischen Fragen wird es noch schwieriger: Sollen schwule Paare Kinder adoptieren dürfen? Das ist sicher nicht mit derselben Eindeutigkeit zu klären wie die Frage nach der Masse eines Protons, aber auch hier kommt man mit einer wissenschaftlichen Herangehensweise dem Ziel ein Stück näher. Man kann Erziehungsexperten zu Wort kommen lassen, man kann Studien zitieren, man kann die eigenen Argumente sauber begründen und durchleuchten. „Das ist pfui und wider die Natur“ ist jedenfalls kein Argument, das wir akzeptieren dürfen.

Wir brauchen in einer demokratischen Gesellschaft wissenschaftliches Denken. Politische Entscheidungen dürfen nicht auf Basis von Horoskopen, Hühnerknochen-Orakeln oder Engelserscheinungen getroffen werden. Darüber sind sich hoffentlich die allermeisten Leute einig. Ebensowenig dürfen wir unbegründete ideologische Sackgassen-Argumente anerkennen. „Das war immer schon so“ oder „das gehört sich eben so“ ist kein konstruktiver Beitrag.

Florian Aigner

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.