Meinung
04/27/2013

Der Cyberspaß und die Zukunft des Sex

Das Online-Medium kommt sozusagen dem Verlangen nach Fernwärme entgegen. Wie dürfen wir uns die künftigen Formen von Hypersex vorstellen?

Bereits 4000 Jahre bevor der an ein digitales Playgirl gerichtete Befehl „Zieh den BH aus!" auf einem  Bildschirm angeklickt werden konnte, haben die Sumerer unanständiges Zeug geschrieben. Die ältesten bekannten literarischen Aufzeichnungen, sumerische Keilschrift-Tontafeln, loben die Süße von Lippen und Vulva einer Frau. Im Lauf der Jahrhunderte haben sich nur die Trägermedien geändert. 1986 programmierte Mike Saenz, ein ehemaliger Marvel-Comiczeicher, das erste pornographische Computerspiel: MacPlaymate. Der Spielverlauf erinnerte an eine Szene aus dem Film „Kentucky Fried Movie", in der ein Liebespaar den Anweisungen einer Schallplatte („Mehr Freude am Sex") folgt: „Und nun sagt Sie zu ihm entweder a) Ich liebe dich, b) Ich begehre dich, oder c) Ich begehre dich sehr." - Die Frau, hingebungsvoll: „Beeeeh". Das war schon mal Multiple Choice. Also interaktiv.

Sex mit dem Papst
Teledildonics - virtueller Sex in einer virtuellen Umgebung - nannten Hightech-Hedonisten in den Neunzigerjahren ihre Aneignung der Zukunftstechnik. Die Vision war klar: Sex mit Superstars. Die Frauenzeitschrift „Petra" dachte an Richard Gere und Keanu Reeves, „Marie Claire" an Kevin Costner, die „Süddeutsche" an Einstein und Marilyn Monroe und der „Stern" an Karol Woytila. Virtual Reality (VR) war der Hype der Saison – die räumliche Simulation einer Welt, die man nicht mehr nur distanziert wahrnimmt wie im Kino, sondern in die man scheinbar eintauchen kann. Der VR-Aficionado mußte einen sozusagen Eintaucheranzug anziehen, der seine Körperbewegungen digitalisiert, eine alberne Brille und Datenhandschuhe. Es sah aus, als würden Menschen nun endlich anfangen, Fernseher anzuziehen. Sie fuchtelten mit den Händen und küßten die Luft.

Cybertechnisierter Sex ist nicht nur mit Menschen, sondern mit Allemmöglichen vorstellbar. Mit Räumen. Sex mit einem Planeten, mit Quantenschaum. Wenn es schließlich gelingen sollte, das Vergnügliche am Sex auf technischem Weg zu übertragen, dann kann man es auch zwischenspeichern. Damit würden dann Dinge wie Orgasmus-Rekorder oder sexuelle Anrufbeantworter vorstellbar. Die sexuelle Intensität wäre zum ersten Mal losgelöst vom Körper und seiner erregten Gegenwärtigkeit.

Der Raum, der mich liebte
Digitale Technologie findet erst dann zu ihrer Bestimmung, wenn sie online ist. Am liebsten tun die Menschen im Netz, was sie auch heraußen in Welt I tun: quatschen. Diese Art der Unterhaltung kommt, so könnte man sagen, einem Verlangen nach Fernwärme entgegen. Das Verschwiegene, Intime, Angedeutete trägt im Netz. Viele genießen den vorurteilsfreien Raum, den diese Welt aus fließenden Zeilen bietet.

Psychologen betrachten die Versprachlichung des Begehrens als ein modernes Phänomen. Die Macht der Scham wachse unaufhörlich. Indiz sei die um sich greifende Nacktheit im öffentlichen Raum. Sie errege nicht mehr unmittelbar und könne deshalb überall erlaubt werden. Zugleich aber hat sich mit der Lockerung der Tabus ein betörendes Glücksversprechen in die Köpfe geschlichen. Keine Kaukauwerbung, die ihr Produkt nicht in einen fiebrigen Flirt verpackt.

Heute und Mor-Gen
Mikroelektronik und Nanotechnologie beginnen gerade erst, Kleiderstoffe zu erobern. Realisierbar werden dann bald Hemdsärmel, die sich auf Zuruf hochrollen oder auf bestimmte erotisierende Männerstimmlagen programmierte Spaghettiträger, die selbsttätig abrutschen. Auch das Problem der wechselnden Moden erübrigt sich in dem Augenblick, in dem man sich mit Lichtgeschwindigkeit umziehen kann.

Schon heute deuten sich solche Vorstellungen in der Mode an. Models, die aussehen wie wunderschöne Maschinen, sind ein kühler Schatten, den die Zukunft wirft. Interessant wird es, wenn den Gentechnikern die Züchtung kontrolliert reagierender Zellverbände gelingt. Daraus gefertigte Materialien könnten etwa Kleidungsstücke mit regelrechtem Verhalten ermöglichen. Der Schal kriecht zärtlich um Hals und Schultern, die Jacke verführt ihre Trägerin.

Nicht VR, sondern die Fusion von Chanel und BASF wird womöglich das Megaereignis des 21. Jahrhunderts. Schließlich könnten auch die Einschränkungen, denen Mode und Sex durch die festgelegten menschlichen Körperumrisse unterliegen, ein Ende finden. Provisorisch anwachsende dekorative Zusatzorgane, die sich innerhalb kurzer Zeit spurlos abheilen lassen, werden Couturiers und Leuten, die sich irgendwie eingegrenzt fühlen, aus der Verlegenheit helfen.

Selbst bei den Ratten
Was immer die Zukunft an lumineszierenden Lüsten bereithält, sie werden eine Bedingung erfüllen müssen: Umstände zu bereiten. Denn nichts kann die menschliche Entwicklung so wirkungsvoll hemmen wie mühelose, sofortige Befriedigung jedes Bedürfnisses durch mechanische, elektronische oder chemische Mittel. In der ganzen organischen Welt beruht Entwicklung auf Anstrengung, Interesse und aktiver Teilnahme - nicht zuletzt auf der stimulierenden Wirkung von Widerständen, Konflikten, Hemmungen und Verzögerungen. Selbst bei den Ratten kommt vor der Paarung die Werbung.

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Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin und begleitet seit 30 Jahren die Entwicklung der digitalen Welt. Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs, Träger des Ingeborg Bachmann-Preises und Blogger. Für die futurezone schreibt er jeden Samstag eine Kolumne.