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Wissenschaft & Blödsinn Der größte Blödsinn des Jahres.

Das Goldene Brett wird für den größten pseudowissenschaftlichen Blödsinn des Jahres vergeben
Das Goldene Brett wird für den größten pseudowissenschaftlichen Blödsinn des Jahres vergeben - Foto: GWUP
Es ist wieder so weit: Das „Goldene Brett vorm Kopf“ wird verliehen. Auch diesmal gibt es viele würdige Anwärter auf die Auszeichnung für den größten Unfug des Jahres.

Im Internetzeitalter ist es einfacher als je zuvor, verlässliche Fakten zu recherchieren. Leider ist aber auch einfacher als je zuvor, haarsträubenden Unsinn zu verbreiten – und diese Möglichkeit nutzen viele, von esoterischen Wunderheilern bis zu Verschwörungstheoretikern, von Faktenleugnern in der Politik bis zu seltsamen Firmen, die mit wirkungslosen Pseudotechnologien Geld machen.

Oft genug muss man sich über solchen Blödsinn ärgern. Aber zumindest einmal im Jahr ist es auch Zeit, darüber einfach zu lachen – und daher wird am 23. November 2017 bereits zum siebten Mal der Satirepreis „das Goldene Brett vorm Kopf“ vergeben. Hunderte Nominierungen sind online eingegangen, auch dieses Jahr gab es viele preiswürdige Vorschläge.

Energiewasser und Pinkelpräzision

Fast über Nacht wurde die Ayurveda-Expertin Kerstin Rosenberg zur Internet-Sensation, als sie den Gesundheitstipp veröffentlichte, einen Liter Wasser durch Kochen auf 875ml zu reduzieren. Dadurch soll sich angeblich die „molekulare Struktur“ des Wassers ändern, und es entsteht höchst wertvolles eingekochtes Energiewasser. Würde das tatsächlich stimmen, wäre Rosenberg sicher eine heiße Kandidatin für den Physiknobelpreis, für das Goldene Brett reicht es vorerst noch nicht ganz.

Nominiert wurde auch eine Gruppe von Sozialforschern, die der Frage nachgingen, warum Physik immer noch eine Männerdomäne ist. Ihre überraschende Erkenntnis: Es liegt am Pinkeln. Schon kleine Buben lernen nämlich, ihren Pinkelstrahl zielgerichtet zu steuern, dadurch gewinnen sie auf ganz natürliche Weise ein Verständnis für „Projektilbewegungen“. Wie konnten wir das bisher alle übersehen? Natürlich ist das Pinkeln die Basis jeder modernen Technologie, von den Protonenstrahlen am CERN bis zum Rückstoßprinzip von Raketen. Sollte die NASA künftig ihre Astronauten einfach in einem riesengroßen Pinkelwettbewerb rekrutieren? Und vor allem: Kann man die Pinkelpräzision noch weiter verbessern, indem man ausschließlich eingekochtes Energiewasser trinkt? Hoffentlich werden diese Fragen bis zur nächsten Preisverleihung beantwortet.

Auffällig war, dass in diesem Jahr besonders viele Technologie-Anbieter nominiert wurden, deren Erzeugnisse sich mit den bekannten Gesetzen der Physik nicht so ganz vereinen lassen. Die Firma „Waveex“ etwa bietet Aufklebe-Chips an, die angeblich vor „Elektrosmog“ schützen und Mobilfunkstrahlung „für den Körper verträglich“ machen sollen. Auch das „Auftriebskraftwerk“ wurde für den Preis vorgeschlagen – ein Wassertank, in dem pressluftgefüllte Plastikbehälter im Kreis bewegt werden, wodurch angeblich mehr Energie erzeugt wird als man für den Betrieb des Geräts benötigt. Man gewinnt also den Strom für den eigenen Haushalt einfach aus dem Nichts und muss nie wieder eine Stromrechnung bezahlen. Aber vergessen Sie nicht, Ihr Auftriebskraftwerk zu Hause mit Elektrosmog-Aufklebern zu verzieren, denn niemand weiß, welche Art von Strahlung diese geheimnisvolle Energie aus dem Nichts aussendet!

Die Finalisten

Drei Personen haben es schließlich auf die Shortlist geschafft: Einer davon ist Andrew Wakefield, eine Galionsfigur der Impfkritiker-Bewegung. Er publizierte eine Studie, die angeblich einen Zusammenhang zwischen der MMR-Kombinationsimpfung (gegen Mumps, Masern und Röteln) und Autismus herstellte. Die Studie musste später zurückgezogen werden – trotzdem hält sich das Gerücht von der Autismusgefahr durch Impfungen bis heute hartnäckig. Im vergangenen Jahr sorgte Wakefield mit seinem Impfgegnerfilm „Vaxxed“ für Aufsehen. Durch Leute wie ihn werden in vielen Ländern Eltern davon abgehalten, ihre Kinder impfen zu lassen – mit möglicherweise lebensbedrohlichen Folgen.

Ein ganz besonderes Brett vor dem Kopf hat zweifellos Peter Fitzek, der selbsternannte „König von Deutschland“. Er ist eine Führungspersönlichkeit der Reichsbürgerbewegung, von der die Existenz des Staates Deutschland geleugnet wird – auch in Österreich gibt es inzwischen solche Gruppen. Die Reichsbürger konstruieren obskure Gründe, warum Deutschland angeblich kein Staat, sondern bloß eine „Firma“ sein soll, an deren Regeln man sich nicht halten muss.

Peter Fitzek rief stattdessen das „Königreich Deutschland“ aus und ließ sich selbst zum „Imperator Fiduziar“ krönen. Als er beim Schnellfahren erwischt wurde, zeigte er einen selbstgebastelten Reichsbürger-Führerschein vor, was bei der Polizei nicht besonders gut ankam. Richtige Schwierigkeiten bekam er, als er seine eigene Währung (das „Engelgeld“) einführte und eine „Königliche Reichsbank“ gründete, in die seine Anhänger fleißig einzahlten. Im März 2017 wurde Fitzek schließlich zu einer Haftstrafe verurteilt.

Auf die Shortlist schaffte es auch der österreichische Star-Mediziner Johannes Huber. Der Gynäkologe, der in den Medien immer wieder als „Hormonpapst“ bezeichnet wurde, stellt in letzter Zeit gerne Theorien auf, die mit seinem Fachgebiet recht wenig zu tun haben: Mit seinem Buch „Es existiert“ war er lange Zeit in den Bestsellerlisten, dort schwurbelt er über Schutzengel, magische Aura und übersinnliche Informationsübertragung. Es sei „methodisch richtig“ an solch paranormale Phänomene zu glauben, meint Huber.

Dass solche Aussagen von einem Mediziner kommen, der es eigentlich besser wissen müsste, macht die Sache besonders problematisch. Durch seine Autorität als bekannter Arzt erscheint Huber glaubwürdig und fügt somit dem aufgeklärten, wissenschaftlichen Denken schweren Schaden zu. Die Arbeit vieler anderer Wissenschaftler, die sich mit großem Engagement für kritisches, rationales Denken einsetzen, wird durch scheinwissenschaftliche Esoterik-Propaganda zunichtegemacht.

Wer von diesen drei Finalisten das „Goldene Brett“ tatsächlich bekommt, wird schon bald bekanntgegeben: Die öffentliche Verleihungsfeier für „Das Goldene Brett vorm Kopf“ findet am 23. November 2017 um 20:15h (Einlass ab 20h) in der Urania in Wien (Uraniastraße 1) und gleichzeitig bei der Parallelveranstaltung in Hamburg im im Schanzenkino73 (Schulterblatt 73) statt.

Der Autor

Florian Aigner

Florian Aigner
Foto: Florian Aigner
Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.

(futurezone) Erstellt am 14.11.2017, 06:00

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