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Peter Glaser: Zukunftsreich Der Moment der Vollendung .

Foto: Joerg Koch/dapd
Digitale Finde-Märkte wie Suchmaschinen oder Auktionsplattformen scheinen für Sammler phantastische Möglichkeiten zu bieten. Aber es drohen unerwartete neue Gefahren.

Jäger und Sammler sind wir jetzt wieder (wahrscheinlich sind wir es seit jeher). In Neuguinea streifen sich Urwaldbewohner mit Blumenröcken und Federhüten während ihrer traditionellen Tänze den Dschungel über. Wir wickeln uns heute in Informationen ein. Das Prinzip ist dasselbe geblieben. Wir sammeln nun Information. Oft bleibt das, was wir finden, virtuell. Stofflose Daten. Aber das ist nicht immer so, manchmal wollen wir doch die Dinge in die Hand nehmen, auf die diese Daten verweisen. Manchmal nimmt das auch Ausmaße an und man fängt an, Dinge zu sammeln.

Digitales Sammeln ohne Spaß
Auf den ersten Blick sind digitale Marktplätze wie etwa Ebay ein Segen für jeden Sammler. Dinge, denen man zuvor mühsam und aufwendig hinterhersuchen mußte, lassen sich nun zielgerichtet, schnell und weltweit finden. Damit nicht genug, kann man auch komplette Sammlungen erwerben, seien es sämtliche Elefanten, die es mal in Überraschungseiern gab, eine komplette Take That-Fansammlung oder eine lückenlos DDR-Briefmarkenkollektion, postfrisch. In dem Komfort aber liegt eine neue Gefahr, nämlich dass der Spaß am Sammeln verschwindet. Nicht umsonst bezeichnet das Sammeln eine Tätigkeit und keinen Zustand. Eine fertige Sammlung läßt nichts mehr zu sammeln übrig - es sei denn, man sammelt Sammlungen.

Peter Glaser Sammeln
Foto: Joerg Koch/dapd

Barbies und Lokomotiven in Glasvitrinen
Eine Sammlung besteht nicht nur aus den Dingen, die gesammelt werden. Sie ist ein unsichtbares Gefühlsgewächs, das mit der Sammlung anwächst. Und es gibt bei Sammlern sehr unterschiedliche Vorstellungen von Perfektion. Für die einen ist es jener neuwertige Erhaltungszustand der Sammlerstücke, die im Englischen “Mint Condition” heißt. Es gibt etwa Barbie-Sammlerinnen, die Wert darauf legen, dass sich die Puppen noch in der versiegelten Originalverpackung befinden (“Still sealed”).

Und dann gibt es die Sammler, die aus einem bestimmten Bereich irgendwann einmal alles haben möchten. Eine vollständige Sammlung. Ich kenne zum Beispiel jemanden, der alte Eisenbahnmodelle sammelt, und zwar nur aus einem ganz speziellen historischen Abschnitt: Nachbildungen von Lokomotiven und Waggons aus der deutschen Kaiserzeit. Sein Ehrgeiz geht dahin, einmal alle Modelle zu besitzen, die jemals nach den Fahrzeugen dieser Zeit gebaut wurden. Was aber wird in dem Moment geschehen, in dem er den letzten Waggon, der noch gefehlt hat, in seine Glasvitrine stellen wird?

Was folgt der perfekten Sammlung
Wir er in einen endlosen Glückszustand geraten? Ein kurzes Hochgefühl, vielleicht. Dann aber droht der Schrecken der Vollendung. Die Sammlung ist vollständig, nichts wird mehr geschehen. Sie ist ausgesammelt. Die Sehnsucht, die den Sammler stets antreibt und bewegt, ist verklungen; es gibt nichts mehr, wonach man sich hinwünschen kann, alles ist nun da. Ein kluger Mensch sagte einmal, dass es nichts Schlimmeres gibt als einen erfüllten Wunsch. Man fragt sich, was das eigentlich Schöne ist: das Sammeln, das Fahnden, Suchen und Erbeuten oder die Sammlung selbst. Eine komplette, kleine Welt.

Von dieser alten Idee des Sammelns bringen uns Suchmaschinen bringen uns Suchmaschinen mit ihrer Art der Augenblickssammlungen immer weiter ab. Eine Trefferliste von Google ist eine Sammlung, die nur einen Augenblick lang existiert, dann kommt schon die nächste Sammlung, und die nächste. Wobei sich der Spaß an der Sache auch hier von der Vollendung fernzuhalten sucht: Vielen bereitet es mehr Vergnügen, etwas zu suchen als etwas zu finden.

Generationenwechsel mit Briefmarke
Manchmal endet der Versuch, die kleinen Welten einer Sammlung der nächsten Generation zu übergeben, in Melancholie. Im Fall einer Briefmarkensammlung mit Spezialgebieten zum Beispiel, die ein Vater in Jahren ersammelt und zur Vollständigkeit geführt hat - bei Dreiecksmarken, Raumfahrtmarken, Schmetterlingsmotiven - und die dann ein Sohn erbt, dem Briefmarken leider überhaupt nichts sagen. Oder er ist ratlos, denn weiterzusammeln gibt es im Fall der Vollständigkeit ja nichts mehr. Was bliebe, wäre, die Sammlung zu hüten. Traditionspflege ist ehrenvoll, aber die freie Freude ist es nicht. Da lobt man sich sein insgesamtes Internet, in dem immer neue Überraschungen hervortreten, immer neue Informationswellen anlanden und sich eine ungeheure Vielfalt an Daten zu Ansammlumgen zuvor unvorstellbarer Art verbinden.

Tatsächlich kommt die größte Gefahr aus der Ordnung. Feststellen kann man das etwa, wenn man gerade frisch renoviert hat. Alles ist an seinem Platz; gesaugt, frisches Tischtuch. Es tritt das ein, was Philosophen oft als Ziel verkünden – der Moment der Vollendung. Das einzige, was noch stört, ist man selber. Mit der Idee der Vollendung ist eine große Falle aufgerichtet worden, und in einem solchen Moment schnappt sie zu. Man denkt, dass man auch vollendet glücklich sein wird, aber von jedem Brotbrösel, jeder Flocke Zigarettenasche, die auf den Teppich fällt, springt einen ein wildes Mißempfinden an. Ich bin, also störe ich. Die Lebendigkeit kommt erst wieder, wenn sich der Glanz des Neuen verliert. Wehret der Vollendung!

Das Sammlersehnsuchtspotential
Sammler, die den Schrecken der Vollständigkeit vermeiden möchten, sind deshalb gut beraten, ihr Sammelgebiet offen zu halten. Einer meiner Freunde, der Schallplatten sammelt (altertümliche, kreisrunde Kunststofftonträger mit Loch in der Mitte), erweitert seine Suchliste ständig und erhält sich so das Sammlersehnsuchtspotential frisch. Ein anderer hat den Durchfluß an Dingen zu seinem Beruf gemacht. Er hat ein kleines Geschäft, in dem er Dinge aus den sechziger Jahren verkauft. Er mag die Sachen, manchmal stellt er sich eine besonders hübsche Stehlampe eine Weile in die Wohnung. Irgendwann aber landet sie in seinem Geschäft und er verkauft sie. Neue Dinge kommen nach. Für ihn heißt sammeln, mit den Dingen in Berührung zu kommen und nicht unbedingt, sie behalten zu müssen. Was er sammelt, sind schöne Begegnungen mit schönen Dingen. Das, sagt er, lehrt uns auch das Internet.

Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin und begleitet seit 30 Jahren die Entwicklung der digitalen Welt. Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs, Träger des Ingeborg Bachmann-Preises und Blogger. Für die futurezone schreibt er jeden Samstag eine Kolumne.

(Peter Glaser) Erstellt am 10.09.2011, 06:10

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