Meinung
09.01.2018

Die Lichtnahrungs-Lüge

Nach den Feiertagen muss der Winterspeck wieder weg. Wie wär’s mit Lichtfasten?

Wir kennen das: Wenn es ums Essen geht, belügen wir uns gerne selbst. Ich habe mich doch zurückgehalten in den letzten Wochen – warum weigert sich die blöde Waage, diese Tatsache zu bestätigen? Ab morgen gibt es nur noch Gemüse. Außer vielleicht in der Mittagspause. Und am Wochenende bin ich bei der Tante eingeladen, die ist traurig, wenn ich nicht ordentlich esse.

Aber all diese Selbstbetrügereien sind völlig harmlos, verglichen mit der absurdesten Ernährungslüge von allen – der Sache mit der Lichtnahrung. Selbsternannte Gurus reden ihren Anhängern ein, dass der Mensch weder essen noch trinken muss und sich von bloßem Licht ernähren kann. In bunten Werbevideos lustwandeln sie mit entrücktem Gesichtsausdruck über grüne Wiesen, breiten ihre Arme aus und saugen die Energie der Sonnenstrahlen ganz tief in sich ein. Für Stubenhocker, denen das mit den grünen Wiesen zu mühsam ist, gibt es den „Breatharianismus“, da spielt das Sonnenlicht keine zentrale Rolle, man nimmt einfach das „Prana“ auf, eine nicht näher definierte kosmische Grundenergie. Na Mahlzeit.

Oft geprüft, nie bestanden

Aus wissenschaftlicher Sicht ist die Lichtnahrungs-Theorie leicht zu testen: Wer behauptet, keine Nahrung zu benötigen, müsste sich nur ausreichend lange beim Fasten beobachten lassen. Erst wenn man es schafft, nachweislich ohne Nahrung sein Körpergewicht konstant zu halten, kann man ernsthaft behaupten, eine neue Methode der Energieaufnahme gefunden zu haben. Das hat freilich noch nie jemand geschafft: Der bekannte Lichtfaster Michael Werner wurde 2008 von einer Schweizer Expertengruppe untersucht – er nahm in zehn Tagen 2.6 Kilogramm Gewicht ab, sein Stoffwechselzustand veränderte sich so, wie man das bei radikal hungernden Leuten eben erwartet.

Die Australierin Jasmuheen, eine der großen Berühmtheiten der Lichtnahrungs-Szene, behauptet, seit vielen Jahren keine Nahrung mehr zu brauchen. Als sie sich allerdings für einen Fernsehsender einem kontrollierten Test aussetzte, musste das Experiment nach vier Tagen wegen Dehydration und Gewichtsverlust abgebrochen werden.

Der amerikanische Breatharianer Wiley Brooks soll nachts aus dem Fenster geklettert sein, um in einem Fastfoodrestaurant einzukaufen. Allerdings ist nicht überliefert, was er dort gegessen hat. Vielleicht wollte er auch nur ein bisschen am Licht der Neon-Reklametafeln naschen?

Was heißt hier Energie?

Eigentlich ist die Sache klar: Unser Körper braucht Energie, sonst stirbt man. Leider verwenden wir den Begriff der Energie oft etwas schlampig. Wir lösen im Team eine schwierige Aufgabe und reden dann von der „tollen Energie“, die dabei spürbar wurde. Wir freuen uns über aufmunternde Worte und sagen, dass sie uns „neue Energie“ gegeben haben. Lichtnahrungsgläubige unterscheiden gerne zwischen schnöder „kalorische Energie“, die mit Nahrung aufgenommen und mit Kalorientabellen berechnet werden kann, und einer edlen „spirituellen Energie“, die sie in Form von Sonnenlicht aufnehmen. Doch in Wirklichkeit ist Energie kein Bauchgefühl, sondern eine physikalische Größe, die man messen und in Zahlen fassen kann.

Auch das Licht der Sonne ist selbstverständlich eine Form von Energie, die sich in Joule oder Kalorien angeben lässt, genau wie den Nährwert einer Tafel Schokolade. Man kann also ausrechnen, wie viel Energie man beim Lichtfasten im allergünstigsten Fall aufnehmen kann – wenn man den ganzen Tag nackt im perfekten Winkel unter der Sonne liegt. Selbst wenn man die Sonnenenergie so effizient nützen könnte wie eine grüne Pflanze würde das noch immer nicht ausreichen, um den menschlichen Grundenergiebedarf zu decken. Aus Sicht der Energiebilanz ist ein Lichtnahrungsguru also nicht einmal dann ernst zu nehmen, wenn er eine überzeugend chlorophyllgrüne Gesichtsfarbe aufweist.

Menschlicher Selbstbetrug

Aber wie kann es sein, dass eine Behauptung, die so offensichtlich falsch ist, über viele Jahre hinweg immer neue Anhänger anzieht? Müsste nicht jeder, der das Lichtfasten mal ausprobiert hat, nach wenigen Tagen feststellen, dass es unmöglich ist und sich dann dafür schämen, solchen Unfug je geglaubt zu haben? Nein. So funktionieren wir Menschen nicht. Das wird auf beeindruckende Weise klar, wenn man Erfahrungsberichte aus Lichtnahrungs-Foren liest oder Interviews mit Lichtnahrungsgläubigen ansieht.

Oft erklären Lichtnahrungsgläubige, dass sie zwar grundsätzlich von Licht alleine leben könnten, aber nicht gänzlich nahrungslos leben wollen. Man gönnt sich eben ein paar Gläser Fruchtsaft, eine Hand voll Nüsse, ein bisschen Schokolade – nicht weil man es braucht, sondern einfach weil es gut schmeckt. Im Esoterik-Propagandafilm „Am Anfang war das Licht“ erklärt eine Lichtnahrungsanhängerin: Seit sie auf Lichtnahrung umgestellt hat, braucht sie zwischen den Mahlzeiten keine Kekse mehr. Was für eine erstaunliche Meisterleistung!

Es dürfte sich also in den allermeisten Fällen um ganz gewöhnlichen Selbstbetrug handeln. Diese Leute glauben wirklich, geheimnisvolle Lichtenergien anzapfen zu können. Und wenn sie dann doch etwas essen, dann betrachten sie das als bloße Ausnahme von der Regel.

Und das ist genau der Mechanismus, den wir kennen: Wir reden uns ein, seit zwei Monaten doch ganz ehrlich im Großen und Ganzen fast immer auf Süßigkeiten verzichtet zu haben, doch die Badezimmerwaage widerlegt uns mit unbarmherzigen Fakten. Und genauso reden sich die Lichtesser ein, im Großen und Ganzen doch eigentlich nur von Licht zu leben – so lange, bis sie irgendwann mit wissenschaftlicher Strenge auf die Probe gestellt werden.

Das ist menschlich nachvollziehbar – aber dumm ist es trotzdem. Und spätestens dann, wenn leichtgläubige Leute ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, wenn es unter den Lichtnahrungs-Anhängern wieder einmal zu Todesfällen kommt, oder wenn Lichtnahrungsgurus unter Anorexiegefährdeten als Vorbilder gehandelt werden, wird aus einem dummen unwissenschaftlichen Unfug eine lebensbedrohliche Gefahr.

Florian Aigner

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.