Meinung
20.06.2015

Digital abseilen

Herkömmliche Fitneßgeräte haben den Nachteil, dass man sich damit wirklich abmühen muß. Hilfe gegen diese Zumutung verheißt digitales Trainings-Equipment.

Was früher Faulheit hieß, hat sich in den modernen Industriestaaten zu einer Zivilisationskrankheit verformt: Bewegungsmangel. Bewegung verlagert sich immer mehr aus den Muskeln ins Nervensystem. Der Mensch wird neuronaler und nervöser. Da körperliche Gesundheit unvermeidlich mit Bewegung verbunden ist, entsteht durch die sogar bei der Fortbewegung im Auto sitzende Lebensweise des modernen Menschen ein Defizit, das er durch künstliche Bewegungsanreize wieder auszugleichen versucht.

In Fitnesstudios strampeln Bewegungsbedürftige auf Fahrrädern, die keine Räder mehr haben und laufen auf Bändern, ohne von der Stelle zu kommen. Die Stadtplaner der Fünfzigerjahre hatten die autofreundliche Stadt entworfen, die den reibungslosen Fluß von Technik als Idealvorstellung sah. Heute steht dem eine zunehmende Versportung der Städte entgegen. Durchgehende Grünzüge werden angelegt, Rad- und Gehwegnetze weiträumig ausgebaut und Jogger-Pulks, Tai Chi-Übende oder andere sich durch Bewegung Ertüchtigende gehören selbstverständlich zum Straßenbild moderner Metropolen.

Ein Bewegungswille, der sich längst zur Weltanschauung ausgewachsen hat

Der Siegeszug des Sportschuhs, des Flaggschiffs der modernen Markenzugewandtheit, führt dazu, dass dieser Bewegungswille, der sich längst zur Weltanschauung ausgewachsen hat, ständig und überall präsent ist. Die Frage „Wie geht‘s?“ weist darauf hin, welche zentrale Rolle das Gehen und anverwandte Bewegungsabläufe für Gesundheit und Wohlbefinden spielen.

Manche Menschen aber haben keine Zeit oder sind aus anderen Gründen daran gehindert, sportlich Auslauf zu suchen. Also verlegt man mit Hilfe analoger Simulationstechnik den Vorgang nach innen, in die Wohnung, das Büro oder das Fitneßstudio. Fitneßgeräte substituieren Gegebenheiten wie Wege (Laufband), Fahrzeuge (Trimmrad) oder Boote (Ruderbank) und bringen sie ohne den sonst nötigen Platzbdarf in einem Raum unter.

Nun gibt es aber auch kleine Räume - oder welche, die vollgestellt sind oder in denen Lampen tief von der Decke hängen - und wer dort beispielsweise versucht, Seil zu springen, läuft Gefahr, ein paar Kronleuchterkristalle einzufangen oder den Gummibaum zu entlauben. Hiergegen hilft eine bemerkenswerte Erfindung: das Sprungseil ohne Sprungseil (Hier die Patentschrift von 2006).

Ein Seilsprungsimulator

Man kann damit Seilspringen, ohne Seil zu springen. Folgt man diesem Instruktionsvideo, handelt es sich um ein virtuelles Sprungseil für Menschen, die zu dumm sind, ein richtiges Sprungseil zu benutzen. Wofür man bezahlt, sind die zwei verbleibenden Griffe, die zum Trost für das Verschwinden des Seils mit ein bißchen Technik ausgestattet sind.

Man tut so, als würde man das Seil schwingen und die Griffe zählen das als einen Sprung und listen die verbrauchten Kalorien auf. Man muß auch nicht wirklich springen, es reicht schon, ein bißchen in den Knien einzuknicken, und auch das ist nicht wirklich nötig. „Ja“, schreibt jemand in einem Produktkommentar zu einer der zahlreichen Ausführungen des seillosen Seils – „man kann auch einfach auf dem Sofa sitzen und die Dinger rumwirbeln, wenn man mag, und das Gerät wird glauben, dass man springt. Aus einem Grund, der sich mir noch nicht ganz erschlossen hat, ist das immer das erste, was die Leute wissen wollen, wenn sie das Zeug bei mir zu Hause sehen.“

Einen Sechstonner mit Anhänger 50 Meter hoch heben

Luxuriösere Versionen des Nichtseils muntern einen auch auf. Im „Motivationsmodus“ redet es aus den Griffen heraus, dass der Sportsgeist nicht erlahmen möge – eine Art psychologische Version des indischen Seiltricks. Wir sehen vor uns also einen eindrucksvollen Beleg für die Segnungen der Virtualisierung. Die Bewegungen, die ein erwachsener Mensch pro Tag durchschnittlich ausführt, entsprechen der Leistung eines Krans, der einen Sechstonner mit Anhänger 50 Meter hoch hebt. Und es gibt noch eine andere, noch eindrucksvollere Fähigkeit, über die der Mensch verfügt, vor allem, wenn er seine Faulheit überwinden soll: die Selbstüberlistung. Wer darin schwächelt, für den ist das seillose Seil eine formidable Hilfe.

In Japan, wo man einen ausgeprägten Sinn für solcherart Gerätschaft hat (nicht zuletzt, weil der Platz knapp ist), wurde übrigens bereits vor zwei Jahren eine ähnliche Neuerung aus einer ruhigeren Sportart gemeldet: Das Virtual Masters Real ist eine Angel ohne Rute. Dafür ist an der Rolle ein kleines Display angebracht, über das man virtuelle Fische fangen kann.