© Bildmontage Florian Aigner

Meinung
05/20/2014

Ein Wunder! Ein Wunder!

Heilungen sind immer etwas Wunderbares. Eine Pilgerreise nach Lourdes sollten Sie aber aus statistischen Gründen besser vermeiden.

Ich war blind, und nun kann ich sehen wie ein Adler! Naja, vielleicht war ich auch bloß etwas kurzsichtig, und vielleicht hat sich das auch gar nicht wirklich verändert, aber ehrlich jetzt: Ich finde nachts ohne Brille aufs Klo. Ein Wunder!

Wunderheilungen sind eine komplizierte Sache. Viele von ihnen sehen bei näherer Betrachtung deutlich weniger spektakulär aus als ursprünglich gedacht. Gesundheit lässt sich oft nicht so richtig in Zahlen festmachen. Ob die Gelenksschmerzen heute um 20 Prozent weniger schlimm sind als letzte Woche, kann keiner so genau sagen, und wenn eine Krankheit wirklich verschwindet, weiß auch niemand, ob die angebliche Therapie geholfen hat, oder ob wir auch ganz alleine gesund geworden wären.

Wie auch immer – ein Wunder ist jedenfalls eine tolle Geschichte, die man weitererzählen kann, und dann noch viel weiter erzählen kann, und irgendwann hat man sie so weit weg erzählt, dass man die ursprüngliche Geschichte mit freiem Auge gar nicht mehr sieht. Das macht auch nichts. Geschichtenerzählen ist großartig. Man darf nur nicht vergessen, dass es neben den schönen Geschichten auch eine echte, physische Realität gibt.

Wonder Woman Maria

Millionen Pilger reisen jedes Jahr nach Lourdes, dem wohl berühmtesten Wallfahrtsort der Welt. Die Gottesmutter Maria soll dort seit über 150 Jahren immer wieder allerlei Wunder vollbringen. Durch das Wasser der heiligen Grotte von Lourdes, so heißt es, habe sie schon viele Krankheiten geheilt, von Gedächtnisschwäche bis Krebs.

Ich finde das ziemlich nett von der Gottesmutter. Die hätte ja sicher auch andere Dinge zu tun. Vielleicht war es taktisch nicht besonders klug von ihr, gerade eine entlegene Gebirgsquelle mit Wunderkraft auszustatten. Hätte Maria zum Beispiel ihr Wunder an der Wiener Hochquellwasserleitung vollbracht, bekämen täglich Millionen Menschen Heilungszauber direkt ins Haus geliefert, das wäre deutlich effizienter. Aber ich will ja nicht undankbar sein.

Um das Wunderwasser nach Hause zu tragen kauft man wunderhübsche Plastikmadonnenfiguren, mit einem himmlisch blauen Krönchen auf dem Kopf, das man abschrauben kann, um die Muttergottes mit Wasser zu füllen. Nur um das klargestellt zu haben: Sollte ich irgendwann mal versehentlich heilig gesprochen werden, dann möchte ich, wenn ich es mir aussuchen kann, lieber nicht als Plastikfigur mit Abschraubkopf enden. Dankeschön.

Die katholische Kirche führt genau Buch über die Wunderheilungen aus Lourdes. Das muss schließlich alles seine Ordnung haben, sonst könnte ja jeder kommen und da einfach in der Gegend herumheilen, wo kämen wir denn da hin! Insgesamt gibt es mittlerweile 69 anerkannte WunderHeilungen, die medizinisch nicht erklärt werden können. Viele davon stammen allerdings aus einer Zeit, in der die medizinische Diagnostik noch nicht besonders verlässlich war, und man wohl so manche Lungenkrankheit etwas voreilig für lebensbedrohliche Tuberkulose hielt. Seit 1950 gibt es 17 offizielle Wunderheilungen aus Lourdes, die Wunder-Tendenz zeigt über die Jahrzehnte einen deutlichen Abwärtstrend.

Daheimbleiben ist gesünder als wallfahrten

Nun können wir die Heilungseffizienz der Gottesmutter mal grob abschätzen (Carl Sagan hat in seinem Buch „The Demon-Haunted World“ eine ähnliche Rechnung angestellt): Wir wissen, dass sich viele Krankheiten einfach von selbst zurückentwickeln. Bei Krebs spricht man in diesem Fall von „spontaner Remission“: Tumore können ohne klar erkennbaren Grund kleiner werden oder ganz verschwinden. Wie oft das geschieht, ist umstritten: Die Fachliteratur geht von einer spontanen Remission in 100.000 Fällen aus. Manche Studien halten die Rate sogar für deutlich höher.

Derzeit kommen jährlich über vier Millionen Pilger nach Lourdes. Nehmen wir mal an, dass es von 1950 bis 2000 etwa hundert Millionen waren. Wenn bloß zwei Prozent davon in Lourdes waren, um ihren Krebs zu heilen, dann sind das zwei Millionen Krebspatienten, unter denen man statistisch gesehen mindestens zwanzig spontane Remissionen erwarten würde. Das sind bereits mehr als die 17 offiziell anerkannten Wunder aus dieser Zeitspanne – und dabei haben wir die angenommenen 98% Pilger noch gar nicht berücksichtigt, die nicht mit Krebs, sondern mit anderen Leiden nach Lourdes kamen. Es gibt dort also weniger Wunderheilungen, als man allein schon durch reine Statistik erwarten würde.

In eine saubere Kosten-Nutzen-Rechnung müsste man nun auch noch all jene Leute einbeziehen, die sich in Lourdes mit gefährlichen Krankheiten anstecken. Wer weiß, mit welchen Bakterien die Gebetskollegen in der Grotte herumgeplantscht haben! Außerdem übertrifft die Zahl an Verkehrstoten, die man statistisch erwarten muss, wenn jährlich Millionen Menschen eine solche Reise unternehmen, deutlich die Zahl der beobachteten Wunder. Insgesamt lässt sich also eindeutig sagen: Für die Gesundheit ist es besser, nicht nach Lourdes zu fahren, sondern in aller Ruhe zuhause auf eine medizinisch durchaus mögliche Spontanheilung zu hoffen.

Hilft’s nicht, dann schadet’s nicht?

Trotzdem finde ich Wallfahrten nicht unbedingt bedenklich. In manchen Lebenssituationen kann eine Reise den Kopf freiräumen. Manche Leute touren um die Welt, um vor dem Studium oder angesichts eines beruflichen Richtungswechsels ganz losgelöst vom Alltag über allerlei Wichtiges nachdenken zu können. Ob man zu sich selbst findet, indem man einen Sommer lang am Mittelmeer herumliegt, mit dem Rucksack Kambodscha durchquert, oder Marienflaschen aus Plastik anfüllt, ist bloß eine persönliche Geschmacksfrage.

Problematisch werden Wallfahrten aber, wenn sie ein irrationales magisches Weltbild fördern, obwohl eigentlich Rationalität und Wissenschaft gefragt wäre. Jeder Krebspatient, der zu spät seine Chemotherapie beginnt, weil er denkt, die Gottesmutter heilt vielleicht auch ohne Krankenhausbesuch, ist eine menschliche Katastrophe. Und solche Fälle – das muss sich die Kirche genauso vorwerfen lassen, wie der fernöstliche Handaufleger oder der New-Age-Quantenheiler – produziert man ganz automatisch, wenn man Wunderheilungen in Aussicht stellt.

Gehen Sie zum Arzt!

Die Wissenschaft heilt heute Infektionen, die früher absolut tödlich waren. Sie lässt Lahme wieder gehen, mit Hüftgelenken aus Titan. Sie lässt Taube wieder hören, mit Hilfe von Mikrochips und Cochlea-Implantaten. Die wahren Wunderheilungen finden in unseren Krankenhäusern statt – und sie sind meist sogar rational naturwissenschaftlich erklärbar, was sie sogar noch viel wunderbarer macht.

Oft genug kommt es auch vor, dass sich im Krankenhaus Heilungen ereignen, die überraschend, unerwartet und unerklärlich sind. Schließlich sind wir noch weit davon entfernt, die Funktionsweise des menschlichen Körpers vollständig zu durchschauen. Auch solche Wunder sind nichts Übernatürliches. Wir freuen uns darüber, und forschen weiter, um auch sie verstehen zu lernen.

Selbst wenn sich die Wunderheilungen von Lourdes nicht als statistisch ganz normaler Selbstheilungs-Effekt erklären ließen, selbst wenn tatsächlich in den letzten Jahrzehnten dort 17 Personen auf absolut übernatürliche Weise von ihrem Leiden befreit worden wären: Selbst dann wäre diese Bilanz ziemlich lächerlich, verglichen mit dem, was jedes Jahr in jedem beliebigen europäischen Krankenhaus vor sich geht. Und trotzdem betrachten wir die Operationssäle der Unfallchirurgie nicht als heiligen Boden, trotzdem machen wir keine Dankespilgerreisen in die Intensivstationen, trotzdem tragen wir keine wassergefüllten Plastikbildnisse der Chefärztin nach Hause. Was Marketing betrifft, ist also das Übersinnliche immer noch erfolgreicher als die Wissenschaft. Sie sollten trotzdem zum Arzt gehen, wenn es irgendwo weh tut.

Florian Aigner

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.