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Kommentar
05/11/2012

Google lockt mit Tricks in die Datenfalle

Die Methoden, mit denen Google versucht, Nutzer für sein Online-Netzwerk Google+ zu ködern, werden immer aggressiver. Mit Tricks wird versucht, neue Nutzer einzukreisen und in die soziale Falle zu locken. Bestehenden Mitgliedern wird wiederum vorgegaukelt, Nicht-Mitglieder seien bereits dabei: Ein Spiel, das hart an den Grenzen des Datenschutzes und der Privatsphäre abläuft.

von Benjamin Sterbenz

Als ein auf Privatsphäre bedachter Mensch, dem innerhalb der futurezone-Redaktion ein Hang zur Datenparanoia nachgesagt wird, traute ich diese Woche meinen Augen nicht. Der morgendliche Blick in die Mailbox offenbarte eine Nachricht mit dem Betreff  „Claudia Zettel added you to her circles...". In einer ersten Reaktion dachte ich an plumpen Spam, denn ich war und bin bei keinem einzigen Webdienst unter meinem Namen und offizieller Mail-Adresse registriert. Nach der Durchsicht aller wichtigen Mails packte mich dann doch die Neugierde, wie Spammer mich wohl austricksen wollten? Die Nachricht entpuppte sich als offizielle Nachricht von Google.

Vorgegaukelte Mitgliedschaft
Claudia Zettel hat mich auf Google+ in einen Zirkel hinzugefügt, so die Botschaft der Mail. Wie das gehen soll, obwohl ich bei diesem Verein nicht Mitglied bin, war mir schleierhaft. Im Büro dann die nächste Überraschung: „Seit wann bist Du auf Google+?", fragte meine Kollegin Claudia erstaunt. Abends zuvor bekam sie auf ihrem Google-Profil mich als möglichen Kontakt vorgeschlagen („You may know") – und nahm mich sofort in einen ihrer Kreise auf. Seitdem wird Benjamin Sterbenz in Claudia Zettels Zirkeln geführt – ohne, dass ich jemals unter diesem Namen und mit dieser Adresse bei Google Dienste in Anspruch genommen habe.

Verbunden mit Google
Der Vorfall scheint das Ergebnis der neuen Verschränkung von Gmail und Google+ zu sein, die Google diese Woche angekündigt hat. Da Claudia kürzlich von ihrer Gmail-Adresse an meine Büro-Adresse gemailt hatte, sah dies Google offenbar als Freibrief, einen namentlichen Datensatz von mir, oder besser gesagt von benjamin.sterbenz@... anzulegen und mich mit einer Google+ Einladung zu ködern. Denn genau darum hat es sich bei dem Mail gehandelt: Die Benachrichtung der Zirkelaufnahme war ein geschickt verpacktes Invite zu Googles Netzwerk.

Dreistes Anwerben mit fragwürdigen Methoden
Als penibler Datenbeschützer und IT-Journalist wurde ich sofort stutzig und begann die Nachricht zu hinterfragen. Doch wie würde ein unbefangener Nutzer oder Laie auf so eine Message reagieren? Dass Services wie Facebook mit Mails versuchen, Außenstehende zu konvertieren, ist nicht neu und nicht verwerflich. Die Nachricht jedoch so zu verpacken, dass sie – auch für das vermeintlich befreundete Mitglied - den Anschein erweckt, man sei schon dabei und vom Dienst absorbiert, überschreitet die Anstandsgrenze. Wie kommt Google dazu, aus meiner Mail-Adresse eine virtuelle Identität zu generieren, die dann Fremden zum Klicken angeboten wird?

Dass Netzwerke fleißig Daten über Nicht-Mitglieder und somit ihre potenzielle „Beute" sammeln, hat erst zuletzt wieder eine Untersuchung der Universität Heidelberg belegt. Diese Praktiken sind nicht neu und EU und Datenschützern ein Dorn im Auge. Dass Google nun im Kampf mit Facebook, Microsoft und anderen Konzernen so offensiv und schamlos bei der Datenakquise wird, stößt jedoch negativ auf.

Aufgedrängt mit Penetranz
Die Gangart wird sicher noch verschärft und der Druck zur Google-Abhängigkeit erhöht. Wie Will Wheaton in einem Blog-Post beschreibt, sollen diverse YouTube-Funktionen nur mehr Mitgliedern des Google-Kosmos zur Verfügung stehen. Alle anderen werden ausgegrenzt oder zum Beitritt animiert. Mit steigender Penetranz wird auch der Chrome Browser beworben und an manchen Stellen so verkauft, als ob er die einzige Wahl wäre. Schließlich ist jeder, der sich neu bei Google oder Gmail anmeldet, automatisch bei Google+ dabei – und muss sich erst mühsam abmelden.

Der Konzern, der sich vor Jahren noch als sympathisches IT-Unternehmen positionierte, nützt immer mehr seine Monopol-Stellung, um seine Versäumnisse in anderen Bereichen durch Zwang zu kompensieren. Dieses Schema kennt man nur zu gut von Microsoft. Damals endete es in einer Wettbewerbsstrafe der EU.