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Wissenschaft & Blödsinn
01/28/2014

Ich glaub, mich tritt ein Einhorn!

Ohne jeden Zweifel eines der weltweit allergroßartigsten Produkte, die es jemals gab und jemals geben wird: Einhorn-Essenzen.

von Florian Aigner

Mich wundert fast gar nichts mehr. Wenn man sich ab und zu auf merkwürdigen Esoterik-Webseiten herumtreibt, ist man einiges gewohnt, vom Quantenräucherstäbchen bis zum elektronischen Bioschwingungsstabilisator. Doch nun habe ich ein wirklich ganz besonders großartiges Produkt entdeckt: Die Einhorn-Essenzen.

Einhörner werden nämlich ziemlich unterschätzt, wie man nach einer kurzen Internet-Suche rasch feststellt. Sie sind Lichtwesen aus einer geistigen Welt, und können feinstofflich mit uns in Kontakt treten. Einhörner nehmen uns Angst und Leid und schenken uns Einheit mit der Weltseele. Na bitte! Dagegen kann man doch wohl wirklich nichts sagen! Normalerweise leben sie in Einhorngruppen zusammen, angeführt werden sie vom Hohen Rat der Einhörner, das ist so etwas Ähnliches wie unser Nationalrat, nur eben mit Lichtgestalten und ohne Wahlkampf.

Die Einhörner, so kann man nachlesen, kontaktieren uns, indem sie durch besonders begabte Menschen zu uns sprechen – man nennt das „Channeling“. Wenn man eine ganz außerordentlich hochentwickelte geistige Grundschwingung hat, kann man die Einhorngruppen sogar dazu bringen, hier auf der Erde in ihrer wunderschönen Lichtform zu erscheinen, himmlisch hell und strahlend, sodass die Lipizzaner neben ihnen wie billiger Leberkäse aussehen würden.

Ausprobieren will ich das bei mir zu Hause lieber nicht, schließlich ist in meinem Wohnzimmer viel zu wenig Platz für eine geflügelte Einhornherde. Außerdem weiß ich nicht, ob mein Fußboden feinstoffliche Huftritte aushält. Doch funktionieren würde es ganz sicher, als Quantenphysiker habe ich ohne jeden Zweifel eine ganz hervorragende feinstoffliche Grundschwingung. Für irgendetwas muss so ein Studium ja schließlich gut sein.

Ihr Einhorn können Sie sich jetzt in die Aura sprühen!

Was tut man allerdings, wenn man nicht zu den auserwählten Menschen gehört, durch die solche Einhornbotschaften in unsere Welt herübergechannelt werden? Macht nichts: Man kauft einfach die vierzehn verschiedenen „Einhorn-Essenzen“: Um etwa 30 Euro pro Stück ist man dabei. Die Essenz sprüht man sich einfach direkt in die Aura, und schon hört man die Engel singen, beziehungsweise die Einhörner galoppieren. (Allerdings sollten Sie vorsichtig sein: Nachdem die Essenzen in erster Linie aus Alkohol bestehen, könnte es im Büro für übles Gerede sorgen, wenn Sie sich ständig damit einduften.)

Das klingt natürlich alles hochseriös, aber ich werde trotzdem misstrauisch: Einhorn-Essenzen? Wie werden die hergestellt? Werden die Einhörner dafür ausgepresst? Oder destilliert? Werden die Essenzen in harter Arbeit ausgeschwitzt? Ist das mit dem feinstofflichen Tierschutzgedanken vereinbar? In meinem Kopf entstehen bedrohliche Bilder von kosmischen Einhornessenz-Batterien, mit rechtlosen Einhornherden in engen Käfigen. Haben die Essenz-Einhörner geregelte Arbeitszeiten? Oder hat sich am Ende im kosmischen Rat der Einhörner der konservative Flügel durchgesetzt, der Einhorn-Gewerkschaften verbietet?

Daher bin ich nun verzweifelt auf der Suche nach einer Essenz glücklicher Einhörner aus Bodenhaltung, am besten mit Bio-Gütesiegel, gefüttert mit gentechnikfreien Lichtquanten. Leider habe ich so etwas noch nicht gefunden. Kann mir dabei vielleicht jemand helfen? Oder noch besser: Stellt mir jemand das nötige Kleingeld zur Verfügung, um selbst einen Handel damit aufzuziehen? Mein Kapital ist derzeit leider langfristig gebunden, im Goldtopf am Ende des Regenbogens.

Florian Aigner

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.