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Peter Glaser: Zukunftsreich
07/16/2011

In den unerkundeten Weiten der neuesten Welt

Der frühe Vogel fängt den Wurm – in der digitalen Welt ist es der Early Adopter, der die Wege hinaus ins Neue erkundet. Von seinen Streifzügen bringt er manchmal eine besondere Jagdbeute mit: Begeisterung

Mit dem Erwerb eines höchstmodernen Stücks Digitaltechnik sucht der Early Adopter stets aufs Neue die Erfahrung, sich für so viel Geld wie nie zuvor so viel Probleme wie nie zuvor eingehandelt zu haben; allerdings eine neue, innovative Art von Problemen: "Mit dem Computer können viele Dinge in kürzerer Zeit erledigt werden, die ohne Computer überhaupt nicht hätten erledigt werden müssen" - wer diesen Satz von Marshall McLuhan im Sinn behält, wird auch in den unerkundeten Weiten der neuesten Welt nicht enttäuscht werden.

Manchmal ist das Frühadaptieren erfüllt von rätselhaftem Vergnügen. In den Achtziger Jahren habe ich einmal mit einer Tabellenkalkulation und ein paar Freunden einen digital angeheiterten Abend verbracht. Irgendjemand hatte eine Diskette mit dem Programm VisiCalc mitgebracht. VisiCalc war die Mutter aller Tabellenkalkulationsprogramme. Aber keiner von uns hatte auch nur den Hauch einer Ahnung von Buchhaltung oder Betriebswirtschaft. Wir sahen Kästchen am Bildschirm und gingen davon aus, dass es sich um ein Spiel handelt. Jemand tippte etwas ein und drückte so lange auf der Tastatur herum, bis sich etwas veränderte, dann war der nächste dran. Wer das nicht mehr komisch fand, hatte verloren. Willkommen in Early Adoptrien.

Oft sind es junge Menschen, die noch nichts von den schrecklichen Gefahren wissen, die im Cyberspace und dem Kommunikationsuniversum lauern (auch in den Krieg schickt man bevorzugt junge Menschen) und die sich frohgemut vorwagen. Anfang der Neunziger Jahre, etwa zur selben Zeit als das Internet vom Himmel fiel, beäugten Erwachsene skeptisch und gruselschaudernd, wie Jugendliche immer öfter und sogar im Gehen auf die Displays ihrer Mobiltelefone starrten, als wären irgendwo heimlich Außerirdische gelandet und würden den Kids nun ihre Befehle senden (“BUSSI VON NICOLE. TÖTE DEN PRÄSIDENTEN”): die SMS wurde gerade massentauglich gemacht.

Ein Akt der Demokratisierung
Früher war im übrigen alles besser. Damals konnten echte Informatiker noch ungestört durch die unendlichen Weiten des Datenraums reiten. Männer mit der Lizenz zu löten, die wussten, wie man Primzahlen siebt und Superuser im Zentralrechner der Nasa wird. Weit und breit keine Milchbubis, die blöd fragen, wie man Hacker werden kann. Im Zuge der digitalen Revolution findet nun seit ein paar Jahren ein weltweiter Akt der Demokratisierung statt. Die Technologie ist so neu, dass wir alle ungefähr gleich wenig davon verstehen. Der Early Adopter möchte so schnell wie möglich nichts verstehen.

Falls Sie selbst noch kein Early Adopter sind, aber einer werden möchten, ein paar Hinweise, um sich gegen die Fährnisse zu wappnen, die dieser Status mit sich bringt:

Erwarten Sie von digitaler Technik nicht, dass sie funktioniert. Seien Sie vielmehr misstrauisch, wenn alles wie geschmiert läuft: Das dicke Ende kommt noch. "Künstliche Intelligenz" bedeutet, dass die Hardware genau weiß, wann sie ausfallen muss, um den größtmöglichen Stress zu erzeugen (um vier Uhr früh vor einem Abgabetermin, am Wochenende oder wenn Sie gerade jemanden beeindrucken wollen, der sogenannte Vorführeffekt).

Software reift beim Benutzer
Das entsprechende Phänomen bei Software heißt bekanntlich Bananenprogramme und Menschen, die freiwillig damit umgehen, Beta-Tester. Software wird grün ausgeliefert und reift erst beim Benutzer. Unerwartet auftretende Fehler, die einen richtig Nerven gekostet haben, meldet man an den Hersteller, der daraufhin eine kostenpflichtige, überarbeitete Version des Programms verschickt („Update“), in die lustige neue Fehler eingebaut sind.

Wenn Sie wissen wollen, ob ein Verkäufer in einem Computergeschäft gut ist, fragen Sie ihn, was er am liebsten isst. Wenn er gern Pizza isst, können Sie ihm mit Vorbehalt weiter zuhören. Wenn er gern chinesisch isst, kaufen Sie alles, worauf er mit dem Finger zeigt. (Das hängt damit zusammen, dass Chinesisch immer geheimnisvoll klingt, das Essen numeriert ist und alles sehr schnell geht, also eine tiefe, mentale Verbindung zum Wesen von Programmierern und Nerds besteht). Verkäufer, die weder Pizza noch chinesisch essen, werden Ihnen z.B. einen möglichst schweren Laptop empfehlen, weil den niemand unerlaubt wegtragen kann.

Belasten Sie sich und ihre Maschinen und Lieblingsprogramme nicht mit Erwartungen. Genießen Sie stattdessen das Gefühl, im Morgenrot eines neuen Zeitalters zu stehen.

Vor allem müssen Sie sich ein paar solide Argumente zurechtlegen, die sich anhören wie Vernunftgründe und mit denen Sie ihrer Frau gegenüber eine Ausgabe von zwischen 500 und 3.000 Euro aufwärts rechtfertigen können, etwa a) Brauche ich auch beruflich oder b) Können wir von der Steuer absetzen und man kann damit auch unterwegs in Modeblogs kommentieren. Wenn herauskommen würde, dass niemand wirklich mit Computern arbeitet, sondern alle nur spielen wollen (was tatsächlich der Fall ist), würde es zu einer Zivilisationskrise kommen.

Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin und begleitet seit 30 Jahren die Entwicklung der digitalen Welt. Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs, Träger des Ingeborg Bachmann-Preises und Blogger. Für die futurezone schreibt er jeden Samstag eine Kolumne

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