Meinung 23.03.2013

Internet kills the Fashion Star

© Bild: Benoit Tessier, reuters

Die Mode muß zusehen, dass sie es in die Zukunft schafft. Denn die Umschlaggeschwindigkeit dessen, was gefällt und was nicht, nimmt ständig zu. Schuld daran ist der beispiellose Siegeszug des Digitalen.

In der Modeszene genießt Suzy Menkes einen Ruf wie Donnerhall. Die britische Journalistin, ist ebenso einflußreich und weitaus verbindlicher als die gefürchtete Vogue-Chefredakturin Anna Wintour. Neulich befand sie, dass die Mode zunehmend, naja: überschattet wird von Selbstdarstellerinnen und -darstellern, die sich vor die Kameraaugen einer immer größeren Vielfalt an Medienkanälen werfen. Eine bemerkenswerte Beobachtung angesichts der Tatsache, dass die Mode kaum einen anderen Zweck verfolgt, als die Aufmerksamkeit auf eine Person zu lenken.

Das eigentlich Interessante an Menkes Geschichte aber ist, dass es im Kern nicht um die Mode und auch nicht um Instant-Prominente geht. Es geht um das, was Digitaltechnik und das Internet in der High Fashion angerichtet haben.

Wenn etwa der „italienische Kleiderständer" Anna Dello Russo in der Pfauenparade auf der Straße vor einer Modenschau auftaucht („ein wandelndes Schaufenster für Designerkleidung"), rattert die Menge um sie herum sofort Tweets in die Smartphones, wie Geigerzähler, die sich einem stattlichen Brocken Radium nähern: WAS TRÄGT SIE?

Überall ist es viel zu eng geworden, überall drängeln sich Fotografen, die nun nicht mehr Menschen in Paparazzo-Manier abschießen, sondern umgekehrt verhindern müssen, dass sie überschwemmt werden von Aufmerksamkeitsgier. Jene, „die berühmt fürs Berühmtsein sind", kennt man über ihre Facebook-Seiten und Blogs. Und die Modeblogger machen sich nicht mehr einfach chic, wie man das früher gemacht hat, sondern promoten Modelabels.

ReutersAnna Wintour (3rd R), editor-in-chief of Vogue magazine, her daughter Bee Shaffer (2nd R) and Suzy Menkes (R), Fashion Editor of the International Herald Tribune (IHT), attend the French house Diors Haute Couture Fall-Winter 2012/2013 fashion show
© Bild: Benoit Tessier, reuters

"Unter dem Joch der Pöbelherrschaft"
Als Mitte der Neunziger die Digitalfotografie aufkam, war Suzy Menkes noch begeistert – „aber ich hatte ja auch nicht den leisesten Schimmer, welche Rolle diese Technik mal übernehmen würde." Neben den Modeprofis sitzt nun plötzlich die ganze Welt mit in der Front Row, der ersten Reihe am Laufsteg, und gibt ihren Senf dazu. „In gewisser Weise", so Menkes, „ist die Mode damit unter das Joch der Pöbelherrschaft geraten."

Die Menschen, die das Internet nutzen, verursachen an ganz unterschiedlichen Punkten der Welt kleine bis mittelschwere Demokratisierungsschübe, das heißt, die Leute können nun mitmachen und sich zu allem und jedem äußern, auch wenn sie das nicht können. Dieses kollektive Training, das irgendwann einmal dazu führen wird, dass der Online-Mensch sich etwas weniger trampelig durch den Cyberspace bewegt und seinen Mitusern etwas weniger beißfreudig begegnet, dieses weltweite soziale Expriment macht viele nervös oder ihrerseits aggressiv. Ein behaglich angewöhnter Zustand verändert sich plötzlich. Und den bisherigen Zustandshütern wird ein Teil der Kontrolle aus der Hand genommen. Sie sind es nicht mehr allein, die über schön und schaurig befinden und darüber, ob etwas oder jemand in dem nebenbei auch Geld verheißenden Universum der modernen Aufmerksamkeit überhaupt vorkommt und existiert.

Von Apple lernen
Die Modeindustrie muß nun ein paradoxes Kunststück lernen respektive pflegen, nämlich an möglichst viele Menschen etwas zu verkaufen und zugleich die elitäre Anmutung bewahren, die der Kundschaft das Gefühl gibt, Teil einer Hautevolee zu sein. Wie in vielen anderen Dingen, so kann die Fashionwelt auch hier von den Vertretern der mit virtuell wehenden Fahnen voranstürmenden Digerati lernen. Was den Zaubertrick angeht, die Leute in dem Glauben zu lassen, dass sie einer geheimen Bruder- und Schwesterschaft angehören, die einen etwas besseren Geschmack hat als der Rest der Menschheit, ist beispielsweise kein Unternehmen erfolgreicher als Apple. Mit der Runde-Ecken-Eleganz kauft man sich zugleich in das ebenso coole wie heimelige Gefühl ein, Mitglied in einer digitalen Version des kleinen gallischen Dorfs zu sein, nur dass sich da inzwischen noch einige hundert Millionen andere Kreative mit Zauberkräften angesiedelt haben.

Wobei Steve Jobs sich zu Lebzeiten durchaus als Künstler begriffen hat und seine Leute ermunterte, es ihm gleichzutun. Es gehe nicht darum, Konkurrenten zu schlagen oder Geld zu scheffeln. Es gehe darum, das Allergrößtmöglichste zu vollbringen, vielleicht sogar etwas, das noch ein bißchen größer ist. Das hat ja auch geklappt. Aber Jobs war auch Pragmatiker. Im Frühjahr 1982 besuchte er mit seiner ganzen Mannschaft das Tiffany-Museum in Orlando, Florida, denn Louis Tiffany war ein Künstler, der gelernt hatte, seine Arbeiten in die Massenproduktion zu überführen.

Erstaunlich unmodern
Wie auch immer - dafür, dass die Kleidermode, die Mode der Moden!, stets das Zeitgefühl treffen, ganz vorne sein und das Allerneueste zum Klingen bringen will, ist sie erstaunlich unmodern. Als im letzten Herbst auf einer Modenschau von Diane von Fürstenberg in New York die Models mit Prototypen der in Entwicklung befindlichen Google-Brillen über den Laufsteg marschierten, wirkte das im unpassenden Sinn aufgesetzt. Dass es nun die Idee gebe, „Mode und Technik miteinander zu vermählen", ist ungefähr so zeitgemäß wie Heckflossen an ein Auto zu montieren.

Die Mode muß zusehen, dass sie es in die Zukunft schafft. Denn die Umschlaggeschwindigkeit dessen, was gefällt und was nicht, nimmt ständig zu. Und das Problem der modischen Frequenzwechsel wird sich erst in dem Augenblick erübrigen, in dem man sich mit Lichtgeschwindigkeit umziehen kann. Farblich und strukturell umschaltbare  Textilgewebe ermöglichen das ansatzweise schon jetzt. Künftig wird in Design-Datenbänken die gesamte Entwurfspalette menschlichen Modeschaffens zur Verfügung stehen. Der ganze Mensch wird sich dann in einen Film, ein Farbenspiel oder eine ganz neue Figur verwandeln können. Biologische, quasilebende Gewebe werden der Herrschaft der Technologie darüberhinaus das Starre und Metallische nehmen.

Der vormals behäbige Rhythmus der Saison wird überholt vom Alles-Immer-Überall. Unsere Zeit ist die Echtzeit. Pausen gibt es keine mehr, im Internet-Zeitalter gibt es nur noch Downtimes. Atemlos sind wir schon jetzt von der Geschwindigkeit, in der das Neue immer schneller neu sein muß. Eine Aufregung, ein Flimmern, ein Abenteuer. Was nicht mehr neu ist, hat gar keine Zeit mehr, alt zu werden. Und rasch nimmt auch die Gefahr zu, dass auf dem Weg aus dem Geschäft ins Auto das Eingekaufte bereits wieder aus der Mode gerät.

 

Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin und begleitet seit 30 Jahren die Entwicklung der digitalen Welt. Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs, Träger des Ingeborg Bachmann-Preises und Blogger. Für die futurezone schreibt er jeden Samstag eine Kolumne.

( futurezone ) Erstellt am 23.03.2013