Das höchste Gebäude der Welt: der Burj Kahlifa in Dubai

© AP / Kamran Jebreili

Meinung
10/27/2019

Klimakrise: Warten auf die Wundermaschine?

Technologische Lösungen suchen, statt schmerzhafte Verhaltensänderungen durchsetzen? Diese Strategie wird uns beim Klimawandel nicht helfen.

Das höchste Gebäude der Welt wollte man bauen, aber niemand wusste wie. Als der Burj Khalifa in Dubai geplant wurde, gab es noch gar keine passende Technologie um Beton hoch genug nach oben zu pumpen. Trotzdem startete man das Projekt und vertraute darauf, dass man schon rechtzeitig eine Lösung finden würde. Und so kam es auch.

Können wir diese Zuversicht nicht auch auf den Klimawandel übertragen? Irgendetwas wird uns doch sicher einfallen! Sollten wir unser Geld statt in die Reduktion von Emissionen nicht lieber in die Forschung stecken? Warum sollen wir jetzt Kohlekraftwerke abschalten, Kerosin besteuern oder Verbrennungsmotoren ersetzen, wenn es in ein paar Jahrzehnten vielleicht ohnehin technische Wundermaschinen gibt, mit denen wir dann ganz mühelos und kostengünstig die Welt retten können?

Auf das Unerwartete können wir uns verlassen

Grundsätzlich ist das eine kluge Strategie. Das Einzige, was in der Wissenschaft immer gleichbleibt, ist dass sich alles verändert. Ständig finden wir Lösungen für Probleme, die ein paar Jahre zuvor noch unüberwindlich schienen. Große Pläne sollte man niemals voreilig für unerreichbar erklären, nur weil uns auf dem Weg zum Erfolg noch eine geniale Idee fehlt.

Als Anfang des 20. Jahrhunderts Europas Städte rasend schnell wuchsen, machte man sich Sorgen, dass irgendwann die Menge an Pferdemist nicht mehr bewältigbar sein würde. Heute wissen wir: Ein schmerzhaftes Programm zur innerstädtischen Pferdereduktion und ein Verbot des Städtewachstums wäre damals eine schlechte Idee gewesen. Die Technik kam, das Problem verschwand. Und genauso kann man auch bei anderen Problemen argumentieren: Atommüll, der Millionen Jahre gefährlich bleibt? Unerfreulich – aber dass uns in den nächsten paar Jahrhunderten eine Lösung dafür einfällt, ist stark anzunehmen. Unsere Batterien brauchen Rohstoffe, die nicht ewig verfügbar sein werden? Unangenehm – aber dass die Materialforschung irgendwann bessere Varianten findet, ist sehr wahrscheinlich.

Beim Klima ist es anders

Doch leider klappt das beim Klima nicht. Und der Grund dafür ist ganz banal: Wir haben keine Zeit. Der Weltklimarat IPCC hat berechnet, wie viel CO2 wir weltweit noch ausstoßen dürfen, um unsere Chancen auf einigermaßen stabile Ökosysteme nicht völlig zu verspielen. Die Grenze, die uns immerhin noch eine 66-Prozent-Chance lässt, die Erwärmung auf 1,5°C zu beschränken, werden wir bei gleichbleibendem CO2-Ausstoß in weniger als 10 Jahren erreichen. Dann müssten wir von einem Tag auf den anderen auf CO2-Ausstoß verzichten. Oder wir bremsen uns jetzt drastisch ein, dann bleiben uns ein paar Jahre mehr. Aber wie man es dreht und wendet: in den 20erjahren muss die radikale CO2-Wende umgesetzt werden, sonst wird sich unser Planet dramatisch verändern.

Erst mal abwarten und forschen! – Das wäre in den 1990erjahren vielleicht wirklich noch eine gute Strategie im Umgang mit dem Klimawandel gewesen. Doch die Phase, die wir für technische Innovationen zur Verfügung hatten, haben wir leider nicht besonders gut genutzt. Wir hätten neue Kraftwerkstypen entwickeln können, bessere Autobatterien, neuartige Fluggeräte. Das haben wir aber nicht gemacht. Nun ist es zu spät.

Tag der Prüfung

An neuen Ideen zu forschen ist natürlich nach wie vor eine gute Idee. Aber selbst wenn bereits morgen in irgendeinem Universitätslabor ein großer Durchbruch gefeiert wird, vergeht bis zur Marktreife mehr Zeit als wir noch übrig haben. Bis Autos und elektrische Straßenbahnen das Pferdemistproblem in den Städten lösten, vergingen auch viele Jahre. Die CO2-Wende muss genau mit jenen Technologien gelingen, die wir heute haben.

Es ist wie in der Schule, wenn der Tag der Prüfung gekommen ist: Man hätte wohl mehr lernen sollen. Aber darum geht es jetzt nicht mehr. Jetzt muss man das, was man weiß, optimal umsetzen. Machen wir das Beste draus!

Zur Person

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen.