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Peter Glaser: Zukunftsreich
10/22/2011

Sag zum Abschied leise Service

Ein/Aus: Das Prinzip der Lichtschalters auch auf menschliche Beziehungen anzuwenden, scheint eine verlockende Idee zu sein. Machen uns die sogenannten sozialen Medien in Wirklichkeit asozial?

Kairo hat etwa 20 Millionen Einwohner und viele müssen sich etwas einfallen lassen, um zu überleben. Die Palette der angebotenen Dienstleistungen ist immens. Eine der Tätigkeiten, die man sich hier abnehmen lassen kann, ist das Beschimpfen von unsympathischen Vorgesetzten, Kollegen oder Partnern. Es sind Spezialisten mit einem Talent fürs Furiose oder unterbeschäftigte Klageweiber, die sich gegen eine kleine Gebühr gern telefonisch dem gewünschten Gegenüber aufs Garstigste zuwenden. Das ganze verläuft sozusagen von Hand anonymisiert, indem man sich einfach nicht miteinander bekannt macht. Die Idee läßt sich, wie vieles, im Internet verbessern, ausdifferenzieren und beschleunigen.

Automatisch Schlußmachen
Die meisten Menschen erleben das Netz als eine Art von weltweitem Innenraum, der Geborgenheit ebenso vermitteln kann wie Abenteuer und eine sehr große – manchmal zu große – Bequemlichkeit im Umgang mit Beziehungen. In sozialen Netzen sammelt man Kontakte wie Briefmarken. Ob auf dem Smartphone in der Jackentasche oder am Rechner vor einem, alle Freunde sind immerzu da. Und wenn man jemanden nicht mehr mag, kann man ihn einfach abschalten.

Das Prinzip der Lichtschalters auch auf menschliche Beziehungen anzuwenden, ist ebenso verlockend wie naheliegend. „Was tun, wenn Du mit jemandem Schluss machen möchtest, aber Dich nicht traust, es persönlich zu sagen oder Dich schämst, es telefonisch mitzuteilen oder zu faul bist, es ist einer E-Mail detailliert auszubreiten?“ Es gibt Services wie BreakUpEmail, die für einen Schluss machen („It`s That Easy"). Amerikaner sind ja sehr für’s Praktische. Man wählt aus einer ausführlichen Liste mit Begründungen, der Dienst generiert dann daraus wunschgemäß einen Verabschiedungstext, den man einfach in eine E-Mail kopiert und abschickt – „And then, POOF: You`re. So. OVER." Sag zum Abschied leise Service.

Das Internet - eine bessere Welt
Das Internet sollte in seinen Anfangsjahren nicht nur eine neue Welt werden, sondern eine bessere Welt und die Menschen darin bessere Menschen. So war das mal angedacht. Eine Welt jenseits von Vorurteilen, getragen von Toleranz, Hilfsbereitschaft und maßvollem Umgang zwischen Leuten aus allen Ländern der Erde. Ein globales Dorf, unabhängig, unzensiert, offen für jedermann und kostenlos zur Verfügung gestellt von Vater Staat.

Auf dem Weg dahin gibt es die eine oder andere Schwierigkeit. Denn der Mensch, das wußte bereits Kurt Tucholsky, „hat neben dem Trieb der Fortpflanzung und dem, zu essen und zu trinken, zwei Leidenschaften: Krach zu machen und nicht zuzuhören.“ Krach in lautloser Form zu machen, könnte man für einen zivilisatorischen Fortschritt machen. Im Internet etwa finden Kräche fast immer in der stillen Schriftform statt. Aber das ist es nicht.

Neue Formen sozialen Versagens
Was manchmal übersehen wird, ist, dass das Netz nicht nur zuvor unbekannte Potentiale des Austauschs und der Verständigung geschaffen hat, sondern auch neue Formen sozialen Versagens. Probleme, die in der netztypischen Schriftform ausgebreitet werden, tendieren dazu, immer problematischer zu werden und sich emotional zuzuspitzen zu den sogenannten „flames“ – flammenden Mißfallensbekundungen, bis man schließlich vielleicht doch zum Telefon greift oder sich trifft, um der herbeigeschriebenen künstlichen Aufregung wieder Herr zu werden. Online funktioniert die kulturelle Selbstregulierung nicht mehr wie im Real Life über die volle Bandbreite von Mimik, Gestik und Tonfall mit ihren zahllosen abgestuften Möglichkeiten der Konfliktsteuerung. Plötzlich verspürt mancher eine destruktive Neigung und wird rigide. Notorische Nervensägen können mit aufreibenden Faselfeldzügen ganze Online-Communities lahmlegen. Andere werden stillos arrogant oder besserwisserisch. Die auf stets dudenkorrekte Schreibung bestehende Untergruppe etwa hat inzwischen den Beinamen „Grammatik-Nazis“.

Tools sometimes work better than rules
Für ganz harte Fälle gibt es Filtermöglichkeiten. Nachrichten von bestimmten Personen lassen sich damit bereits vor dem Lesen abfangen. Die Vor- und Nachteile des Filterns werden schon lange debattiert. Manche befürchten, die Stummschaltung würde den offenen Meinungsaustausch beeinträchtigen. Ein Instrument, mit dem man Ärger einfach ausweichen kann, kann die Bereitschaft zur kritischen Auseinandersetzung schwinden lassen. „Ich bin generell skeptisch, was technische Lösungen für soziale Probleme angeht“, sagt etwa der kalifornische Autor Howard Rheingold, „aber es gibt Programme, die das Online-Leben angenehmer machen. Tools sometimes work better than rules“.

Im Kommunikationsuniversum soll die Welt einen Zustand erreichen, in dem Wünsche frei fließen können. Jeder Wunsch soll sofort in Erfüllung gehen können – dieser Kern aller Beschleunigungsvorstellungen erinnert an kindliche Vorstellungen von Magie. Klick, und weg. Einen Haken an der Sache hat der Kulturwissenschaftler Lewis Mumford beschrieben: „Nichts kann die menschliche Entwicklung so wirkungsvoll hemmen wie mühelose, sofortige Befriedigung jedes Bedürfnisses durch mechanische, elektronische oder chemische Mittel. In der ganzen organischen Welt beruhe Entwicklung auf Anstrengung, Interesse und aktiver Teilnahme – nicht zuletzt auf der stimulierenden Wirkung von Widerständen, Konflikten und Verzögerungen. Selbst bei den Ratten kommt vor der Paarung die Werbung."

Der Mensch kennt noch eine weitere Qualität: Respekt. Das heißt: Einer Begegnung oder einer Konfrontation nicht auszuweichen, auch wenn einem Maschinen eine bequeme Ausflucht zu bieten scheinen.