© Dominik Leitner

Kommentar
04/13/2011

Sprachlosigkeit vs. Katastrophenvoyeurismus

Japan: Die Einen saßen geschockt vor ihrem Fernseher und sahen sich die furchtbaren Bilder der Zerstörung an. Andere hingegen nutzten diese Katastrophe und die daraus resultierende Aufmerksamkeit dazu, ihre Anliegen zu bewerben. Wäre ein Stückchen Sprachlosigkeit nicht viel eher angebracht gewesen? Ein Kommentar von Dominik Leitner.

Das Tōhoku-Erdbeben am 11. März war die erste wirklich multimedialisierte Katastrophe: ob durch Twitter, Livestreams oder mithilfe der klassischen Medien – der Konsument wurde ausgiebig mit Informationen versorgt. Nach den ersten überraschenden Kurzmeldungen auf Twitter und den ersten Fernsehbildern, war es für mich Grund genug, diesem rasch überberstenden Informationsfluss zu entfliehen. Die Bilder erinnerten mich zu sehr an den 11. September, als man mehr als hilflos zusehen musste, wie Tausende Menschen ihren Tod fanden.

Erste Reihe, fußfrei
Immer und immer wieder konnte man aus verschiedenen Blickwinkeln die starken Beben sehen. Verfolgte die Flutwelle, wie sie mit unbändiger Kraft ganze Landstriche hinwegriss. Das Fernsehen weiß, wie es mit Informationsarmut und Drama umzugehen hat. Und während Twitter und zunehmend auch Facebook mit betroffenen Tweets und Statusmeldungen befüllt wurden, wurden diese beiden Plattformen auch mehr und mehr abstoßend.

Social Media ermöglicht es einem, an weit entfernten Orten plötzlich hautnah dabei zu sein. Der Umsturz in Ägypten war das jüngste Beispiel, und man genoss es, voyeuristisch den Kampf der Bevölkerung gegen die Unterdrückung mitzuerleben. Diese Art des Voyeurismus kann ich sogar noch etwas verstehen, war ich selbst doch mal sehr anfällig für solch enthusiastische Solidarisierungsfehlversuche. Aber was Japan uns lieferte waren Tatsachen, Ergebnisse einer Naturkatastrophe – hier würde kein politischer Wechsel kommen, hier sah man „nur“ die Auswirkungen einer verheerenden Gewalt, die man allzu gerne zu unterschätzen wagt.

Die Halbwertszeit eines Tweets
Schon früh begann man, die Ereignisse in „witzigen“ Tweets zu unterstreichen. Ich weiß nicht, ob das nicht nur eine gewisse Abwehrreaktion mit sich brachte, oder ob jene Menschen von all dem wirklich nur mäßig betroffen waren, Twitter-User @marsti hat es treffend formuliert. Was aber aus dem Boden spross, waren die NGOs und privaten Weltverbesserer, die den drohenden Super-GAU in Fukushima zum Anlass nahmen, noch am selben Tag der Katastrophe, lauthals die Kernkraft zu verfluchen. Ich gebe ihnen in ihren Anliegen natürlich Recht, aber in Anbetracht der möglichen Entwicklungen stießen mir diese Tweets mehr als makaber auf. Beinahe wirkte es schon so, als wünschte man sich eine Atomwolke, um damit den gewünschten globalen Ausstieg aus der Atomenergie so schnell wie möglich voranzutreiben.

Heute, etwas mehr als einen Monat nach der Katastrophe, bemerkt man eindrucksvoll, wie schnell eine solches Ereignis in Vergessenheit gerät. Auf Twitter taucht #japan nur mehr für einige wenige Tweets zu den Nachbeben auf und auch Google Trends zeigt, wie schnell Menschen das Interesse verlieren. Die Solidarisierungen auf den Netzwerken zeigen dasselbe Bild wie schon bei #iranelection, #egypt oder #lybia: mit 140 Zeichen kann man die Welt nicht retten. Und in Wahrheit schafft man es nicht einmal, sich dem Vergessen zu wiedersetzen.

Sprachlos?
Die österreichische BloggerInnengemeinde hat sich alles in allem sehr stark zurückgehalten. Robert Lender hat in seinem sehr treffenden Beitrag „So ist das Leben, Baby“ seine Twittertimeline am Folgetag der Katastrophe zusammengefasst. Franz Josef belässt es dabei, in einem kurzen Artikel („Atomkraft im Arsch“) seinen Wunsch einer AKW-freien Welt mit uns zu teilen. Stefan Egger erklärt in „Nuklearer Deadlock: Mit Atomenergie droht der Untergang – ohne aber auch.“ auf neuwal.com, warum er nicht glaubt, dass sich viel an der Hassliebe zur Atomenergie ändern wird. Christoph Chorherr hingegen sieht die Atomkraft schon als Relikt der Vergangenheit an. Ich selbst habe mich in einem sehr persönlichen Beitrag („Die Welt und ihre Fugen“) mit dem Thema befasst.

Auch heute noch wird darüber geschrieben: @Nattl bezieht sich in “DerFukushima Effekt ” auf die Wahlergebnisse in den zwei deutschen Bundesländern; in ihrem letzten Beitrag stellt sie sich die wichtige Frage “Sinderneuerbare Energien die Zukunft? ” Ansonsten üben sich Österreichs Blogs aber in dezentem Schweigen. Aber wer kann es ihnen denn verübeln? Der schnelle Wechsel von Schock zu Sprachlosigkeit bis hin zur Resignation ist doch mehr als natürlich. Und warum sollten BloggerInnen anders agieren als die klassischen Medien? Denn auch dort bekommt Japan oftmals nur mehr eine kleine Spalte.

Verständigungsprobleme
Was soll aber nun das Resultat nach den Ereignissen in Japan sein? Einfach die verschiedenen Social Media-Plattformen zu meiden, um den Besserwissern keine Aufmerksamkeit zu schenken? Bis vor kurzem war es einem Twitter-Nutzer gar nicht bewusst, dass er so vielen Atomexperten folgt. Aber das kann wahrlich nicht die zielführende Lösung sein. Vielleicht sollte man ihnen Paroli bieten, ihnen zeigen, dass ihre Äußerungen zu Zeitpunkten wie diesen fehl am Platz sind. Oder sollten wir uns nicht einmal selbst bei der Nase nehmen und überlegen, welchen Sinn diese neue Form des Voyeurismus überhaupt hat? Ist es nicht schon erschreckend genug, die Bilder in den klassischen Medien zu verfolgen? Braucht man dazu die oft nicht belegten „Breaking News“, die sekündlich auf Twitter auf uns einprasseln?

Changing everything?
Niemand weiß wirklich, wie es um das AKW Fukushima steht. Die Anlage scheint wieder unter Kontrolle zu sein, und doch werden nach und nach immer wieder Meldungen verlautbart, die von erhöhten Strahlenwerten berichten. Und auch nach den Wahlen in Baden-Württemberg ist es noch nicht absehbar, ob nicht zumindest die Deutschen als eines der ersten Länder den kompletten Ausstieg aus der Atomenergie wagen. Eines hat Japan aber sicher verändert: meine Meinung und mein Nutzen von Social Media. Manchmal ist es vielleicht einfach besser, die News nicht mehr brühwarm (und unqualifiziert) serviert zu bekommen. Vielleicht hat Japan sogar meine Meinung zu klassischen Medien wieder etwas verbessert. Aber auch hier muss gesagt werden: die wahren Auswirkungen sind bis heute nicht absehbar.


Dominik Leitner bloggt seit mehr als fünf Jahren unter der Adresse just4ikarus.wordpress.com, schreibt seit 2008 für den Gemeinschaftsblog neuwal.com und twittert unter @just4ikarus. Er studiert Medienmanagement an der FH St. Pölten.