Meinung
28.08.2012

Suchloses Finden

Innerhalb eines Jahrzehnts hat sich das Suchen von einem beiläufigen Dienst zur zentralen Schnittstelle im Internet gewandelt – eine überall verstandene Methode, durch das Informations-Universum zu navigieren. Dieses Instrument des modernen Lebens - allen voran die Google-Suche - wächst zu einer neuen Weltmacht heran, deren Entwicklung gerade erst begonnen hat.

Wer in den frühen neunziger Jahren im Internet etwas finden wollte, war auf Fachwissen angewiesen – oder er griff auf Suchmenschen zurück. Link-Listen mit Geheimtipps wurden herumgereicht, zugleich stöberte die erste Generation der algorithmischen Suchmaschinen durch das Online-Universum. AltaVista hieß der erste Star des Genres, dessen Ergebnisse erstmals auch nach Wichtigkeiten sortiert waren. Bei Yahoo! versuchte man das World Wide Web als einen rasch expandierenden Katalog zu sehen. Dann kam Google.

Als Google 1999 ans Netz ging, verblüffte die neue Suchmaschine mit einer minimalistischen Startseite, schnellen Antworten und einem zuvor nicht gekannten Grad an Relevanz bei den Suchergebnissen. Eine eigene Google-Ökonomie begann sich herauszubilden. Statt sich einen Laden zu mieten, brauchte man nun, wenn man etwas verkaufen wollte, nur noch dafür zu sorgen, dass man bei Google gefunden wird.

Eine neuen Industrie: Maschinenaustrickser
Die Deutung der Bewertungskriterien des orakelhaften Google-Algorithmus ließ eine neue Industrie entstehen. Suchmaschinenoptimierer begannen Tricks zu ersinnen, die Google dazu verleiten sollen, eine Website auf den Trefferlisten möglichst weit vorne zu platzieren. Als die Suchergebnisse immer vermüllter wurden, entschloß man sich bei Google zu einem Gegenschlag. Am 16. November 2003 änderten sich die Ergebnislisten erstmals dramatisch. Websites wurden degradiert oder waren nicht mehr zu finden; auf manchen versiegte der Besucherstrom, die Umsätze fielen. Die Änderungen an dem Ranking-Algorithmus gingen als „Florida-Update” in die Geschichte ein (Google-Updates werden, ähnlich wie Großwetterlagen, in alphabetischer Reihenfolge mit Namen versehen).

Eine weitere Veränderung hatte am 11. September 2001 ihren Anfang genommen, als die Google-Ingenieure feststellten, dass die Sucheingabe „World Trade Center“ nicht viel mehr als ein paar Firmen-Homepages auflistete. Wenige Monate später ging Google News an den Start. Beginnend mit den zum jeweiligen Suchbegriff passenden AdWords-Werbeanzeigen hat Google seine Suche kontinuierlich erweitert. Zu den Meilensteinen gehören die Bildersuche, Google Maps, die Büchersuche, Google Places (ortsbezogene Dienste), Blogs, eine Patentsuche, Weltspaziergänge mit Streetview, die Sprachsuche sowie eine Echtzeitsuche. Heute bieten sie gemeinsam mit der Universalsuche von Google die Möglichkeit, aus unterschiedlichen Facetten zusammengesetzte Blicke auf die Welt zu werfen. Inzwischen versucht Google schon bei jedem Tastendruck vorauszuahnen, was wir suchen („Suggest“).

Datenschutz, oder: Wie schütze ich mich vor Daten?
Mittlerweile liefern Suchmaschinen zu viele relevante Informationen. Eine Strategie, um diesem Problem beizukommen, ist Personalisierung. Dabei zieht die Suchmaschine auch Informationen über den Nutzer heran. Dass dadurch zwei Personen oft unterschiedliche Ergebnisse erhalten, auch wenn sie am selben Ort dieselbe Suchanfrage eingeben, veranlaßt manche zu der Befürchtung, dass sich eine gemeinschaftliche Öffentlichkeit in lauter „Filterblasen“ zerteilen könnte, in denen jeder in seine individuellen Vorlieben eingeschlossen bleibt.  

Viele neue Stimmen machen die Welt unübersichtlicher, aber  zugleich auf phantastische Weise neu zugänglich. Im Januar 2012 führte Google die „soziale Suche“ ein. Nutzer, die über einen Google-Account und ein Profil bei Google plus verfügen, können nun entscheiden, ob sie wie bisher die Ergebnisse der globalen oder die der sozialen Suche angezeigt bekommen, die auch auf Personen und Seiten aus dem eigenen Google-plus-Profil verweisen. Googles neue Suchpolitik ist eine Reaktion auf die Entwicklung der letzten Jahre. Immer mehr Menschen nutzen soziale Netze wie Facebook und Twitter, wo vor allem Links angezeigt werden, die Menschen miteinander geteilt haben.

Searchless Search
In der Forschung heißt die Zukunft des Suchens „Semantisches Web”. Derzeit können nur Menschen das Netz verstehen, bald aber soll die Bedeutung der vernetzten Informationen auch für Computer verwertbar werden. Ende 2010 gab die damalige Google-Vizepräsidentin und heutige Yahoo-Chefin Marissa Mayer der Suche der Zukunft einen Namen: „Searchless Search“. Dabei weiß die Suchmaschine genug über eine Person - den Aufenthaltsort, was sie tut -, um Interessantes aus dem Netz zu liefern, ohne dass man dazu noch Suchbegriffe eingeben müßte.

Schon heute fühlt sich Suchtechnologie manchmal an wie Magie. Sie könnte uns irgendwann sogar das Wünschen abnehmen, indem uns ständig Optionen serviert werden, die ein Algorithmus für wünschenswert hält – für uns.

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Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin und begleitet seit 30 Jahren die Entwicklung der digitalen Welt. Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs, Träger des Ingeborg Bachmann-Preises und Blogger. Für die futurezone schreibt er jeden Samstag eine Kolumne.