Meinung
14.06.2016

Superfoods – viel Geld für nichts

Wie wär’s mit Chia, Acai und Goji? Wundernahrungsmittel sollen uns angeblich gesund, schön und glücklich machen. Ich nehme dann mal lieber eine Käsekrainer und ein Bier.

Wir konnten wir nur so naiv sein! Jahrelang dachten wir, Müsli sei gesund. Gedankenlos haben wir uns irgendwelche ordinären Getreidemischungen in die Frühstücksschüssel gefüllt, während wir mit hängenden Augenlidern darauf warteten, dass dieser verdammte Kaffee endlich seine Wirkung zeigt. Heute jedoch gönnen wir uns hochwertige Luxuszutaten – das goldene Zeitalter der Wundernahrungsmittel ist angebrochen. Wer etwas auf sich hält, kauft Chia-Samen und Goji-Beeren, dazu trinkt man Pak Choi-Smoothies mit Acai-Pulver.

All diese merkwürdigen Produkte mit den seltsamen Namen haben in den letzten Jahren ihren Siegeszug als „Superfoods“ angetreten. Sie haben es auf die Titelseiten von Gesundheitsmagazinen geschafft, Bücher werden über sie geschrieben, auf halbesoterischen Ernährungsseiten kann man sie online bestellen. Billig sind die neuen Superfoods nicht. Für ein Kilo Pflanzenpulver kann man schon mal zweihundert Euro loswerden. Aber was macht man nicht alles für die Gesundheit! Das Problem daran ist nur: Ob es der Gesundheit tatsächlich hilft, ist aus wissenschaftlicher Sicht höchst unklar.

Kann Spuren von Gesundheit enthalten

Eines haben die Superfoods alle gemeinsam: Sie enthalten tatsächlich irgendwelche wichtigen Nährstoffe in besonders hoher Konzentration. So wird etwa Camu-Camu als Frucht mit dem höchsten Vitamin-C-Gehalt überhaupt angepriesen. Sie schlägt in dieser Sparte sogar Zitronen und Orangen.

Dazu kann man der Camu-Camu ganz herzlich gratulieren. Doch gemäß der Rezepte, die in einschlägigen Kochbüchern nachzulesen sind, wird diese Frucht teelöffelweise in Pulverform verwendet – also in ziemlich kleinen Mengen. Ein Glas frischgepresster Orangensaft enthält somit immer noch mehr Vitamin C als ein Spezialshake mit Camu-Camu-Pülverchen.

Ähnliches gilt für die berühmten Chia-Samen, die als Wundernahrung gefeiert werden, weil sie zehnmal mehr Omega-3-Fettsäuren enthalten als Lachs. Eine typische Portion Lachs liefert trotzdem viel mehr Omega-3-Fettsäuren als eine Hand voll Chia-Samen.

Selbst wenn diese Wunderlebensmittel interessante Inhaltsstoffe haben, heißt das noch lange nicht, dass sie unserer Gesundheit helfen. Von Medizin Transparent ( Cochrane Österreich) wurden Superfoods wiederholt unter die Lupe genommen. Von Chia-Samen bis Chyawanprash, von Aroniabeeren bis zum Moringabaum-Extrakt – immer wieder durchforsteten die Experten die medizinische Literatur nach wissenschaftlich sauberen Studien, mit denen sich die ambitionierten Versprechungen der Superfood-Händler belegen lassen könnten. Fündig wurden sie dabei nie. Die Datenlage ist schlecht, man weiß es einfach nicht. Statt wissenschaftlicher Fakten bleiben bei näherer Betrachtung bloß Werbesprüche übrig.

Ekelfrüchte und Schadstoffe

Nicht einmal mit ihrem großartigen Geschmack können die Superfoods zuverlässig punkten. Die exotische Noni-Frucht stinkt nach fauligem Käse, das hindert sie aber nicht daran, zu den Superfood-Stars gezählt zu werden. Man mengt den Noni-Saft in kleinen Mengen anderen Säften bei, um seinen Ekelgeschmack zu übertönen. Das ist so ähnlich als würde man Xavier Naidoo bloß ganz leise aufführen, während daneben von einem großen Orchester Beethovens Neunte über die Bühne gedonnert wird – im Prinzip keine schlechte Idee, aber wenn man von vornherein weggelassen hätte, was man dann zu übertünchen versucht, wäre die Sache einfacher, und Geld hätte man auch gespart.

Richtig bedenklich werden Superfoods, wenn sie neben Vitaminen, Mineralstoffen und ähnlichen erfreulichen Dingen auch gefährliche Schadstoffe enthalten – und das kommt leider immer wieder vor. Egal, ob sie aus Bioproduktion stammen oder nicht, in Superfoods wurden Schwermetalle, Pestizidrückstände und Mineralöle gefunden. Nachdem sie oft aus Ländern stammen, in denen Landwirtschaft und Nahrungsmittel-Qualitätskontrollen ganz anders gehandhabt werden als bei uns, ist das schwer zu vermeiden.

Aber auch die Unbedenklichkeit der Superfoods selbst ist nicht garantiert: Wenn eine Pflanze außergewöhnliche Inhaltsstoffe enthält, ist auch schwer zu sagen, welche Wirkungen sie auslösen kann. Tierversuchen legen beispielsweise nahe, dass Moringa in hoher Konzentration zu Schäden bei Ratten führen kann. Ob sich solche Erkenntnisse auf Menschen übertragen lassen und ob bei gewöhnlichem Konsum eine Gefahr besteht, ist natürlich wieder eine ganz andere Frage.

Anstatt sein Geld für Superfoods zu vergeuden, sollte man lieber darauf achten, sich möglichst abwechslungsreich zu ernähren. Wer regelmäßig Obst und Gemüse isst, muss sich vor Vitaminmangel nicht fürchten und hat daher auch kein spezielles Defizit mit irgendwelchen Wunderpflanzen auszugleichen. Obst ist gesund, aber es muss nicht unbedingt Noni sein, wenn man auch zum ganz gewöhnlichen Apfel greifen kann.

Wundersamen Heilsversprechungen sollte man auf jeden Fall misstrauen. Wenn man uns einredet, dass Superfoods den Alterungsprozess aufhalten, vor Krebs schützen und den Körper entgiften, dann haben wir es höchstwahrscheinlich mit unwissenschaftlichem Marketing-Gelaber zu tun. Mit demselben Recht kann ich behaupten, dass das Lesen meiner Artikel zu samtweicher Haut verhilft. Das klingt auch gut, hat auch noch niemand wissenschaftlich getestet und ist auch schwer widerlegbar. Also lesen Sie auch in Zukunft weiter – wer weiß – ihre Haut wird es Ihnen danken. Vielleicht. Möglicherweise. Es ist zumindest nicht ausgeschlossen.

Mehr über Superfoods auf http://www.medizin-transparent.at/

Florian Aigner

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.