Das belgische Königspaar holt sich ein Jahr Glück, in dem es der Maca-Statue auf den Hintern greift.
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Wissenschaft & Blödsinn

Viel Glück! Sie werden es brauchen!

Silvester ist nicht nur der große Feiertag des Alkohols und der Feuerwerke, sondern auch der Tag der Glücksbringer. Dass Marzipanschweinchen, Hufeisen und vierblättriger Klee nicht wirklich einen Einfluss auf unser Glück im neuen Jahr haben, ist uns dabei hoffentlich allen klar. Die Chancen, am Roulette-Tisch reich zu werden, die große Liebe des Lebens oder den Traumjob zu finden, bleiben von verschenkten Glücksbringern völlig unbeeinflusst. Aber es ist schön, dass wir trotzdem an der Jahresschwelle einen Glücks-Feiertag eingeführt haben.

Wir neigen nämlich dazu, die Bedeutung des Glücks zu unterschätzen. Wenn ein Lottogewinner großspurig erklärt, er habe kein Glück gehabt, sondern er sei einfach nur verdammt gut im Zahlenankreuzen, dann werden wir ihn auslachen. Doch wir alle begehen diesen Fehler, Glück mit eigener Leistung zu verwechseln.

Die siegreiche Fußballspielerin erklärt, ihre Mannschaft sei einfach die mental stärkere gewesen – dabei hätte dieser Lattenpendler in der achtzigsten Minute auch ganz anders ausgehen können. Der Popsänger ist überzeugt, den Erfolg seiner Stimme zu verdanken – dabei hatte er einfach das Glück gehabt, die Cousine des Musikproduzenten aus der Schule zu kennen. Erfolgreiche Geschäftsleute erklären uns ganz genau, warum sich ihre Ideen logischerweise am Markt durchsetzen mussten – niemand erwähnt, dass andere Leute mit ebenso guten Ideen einfach weniger Glück hatten und in Konkurs gingen.

Die Evolution als Glücksspiel

Schon unsere bloße Existenz ist ein riesengroßes Glück. Hätte sich nicht vor Milliarden Jahren genau im passenden Abstand zur Sonne die Erde gebildet, wäre die Evolution niemals in Gang gekommen. Hätte vor gut sechzig Millionen Jahren nicht zufällig ein Meteoriteneinschlag den Dinosauriern das Leben schwer gemacht, dann hätten sich die Säugetiere vielleicht nie durchgesetzt. Vor etwas mehr als siebzigtausend Jahren, so wird vermutet, stand die Menschheit knapp vor dem Aussterben. Nur noch wenige tausend Menschen waren damals übrig geblieben, möglicherweise aufgrund schwerer Naturkatastrophen. Für uns war es ein riesengroßes Glück, dass diese bescheidene Population es dann doch noch geschafft hat, sich zu vermehren und die Welt zu besiedeln. Aber wer weiß – vielleicht hätte sich sonst statt uns eine andere, viel intelligentere Spezies entwickelt?

Die Evolution ist nichts als ein riesengroßes Glücksspiel. Viele Leute begehen einen Denkfehler und meinen, es hätten sich eben immer die Individuen mit den besten, erfolgversprechendsten Genen durchgesetzt. Das stimmt natürlich nicht. Vielleicht wurde der genetisch chancenreichste Tyrannosaurus aller Zeiten schon in frühen Jahren bei einem Felssturz dahingerafft, während einige seiner schwächeren, ungeschickteren, langsameren Artgenossen Glück hatten und eine reiche Nachkommenschar hervorbrachten.

Evolution funktioniert nicht, weil überlebenstauglichere Gene automatisch zu Erfolg führen, sondern weil sie statistisch die Wahrscheinlichkeit für ein Überleben ein kleines bisschen erhöhen. Die Giraffe mit dem etwas längeren Hals hatte eine minimal gesteigerte Überlebenschance, weil sie die Blätter ein Stück weiter oben am Baum auch noch fressen konnte. Über das Schicksal einer einzelnen Giraffe sagt das fast gar nichts aus – und trotzdem genügte dieser winzige statistische Effekt, um die Giraffenhalse im Mittel über Jahrmillionen länger werden zu lassen. Die einzelne Giraffe allerdings überlebt genau dann, wenn sie Glück hat.

In vielen anderen Bereichen ist das ähnlich: Firmen konkurrieren um Kunden wie Löwen um die Gazellen. Natürlich hat die Firma mit den besseren Ideen, mit dem besseren Service und dem klügeren Management höhere Chancen, am Markt zu überleben. Doch Automatismus ist das keiner. Manchmal hat jemand mit ziemlich dummen Ideen Glück, manchmal verschwinden geniale Einfälle wieder, bevor wir überhaupt von ihnen gehört haben. Es sind nicht unbedingt die schönsten Lieder, die im Radio gespielt werden. Es sind nicht notwendigerweise die besten Romane, die gedruckt werden. Es sind auch nicht immer die großartigsten Wissenschaftserklärer, die eine Wissenschaftskolumne schreiben. Qualität hat mit Erfolg zu tun, aber bloß statistisch.

Trotzdem sollten wir uns natürlich bemühen, unsere Sache so gut wie möglich zu machen. Für immer im Bett liegen zu bleiben, weil ja ohnehin der Zufall alles bestimmt, wäre evolutionär wie auch wirtschaftlich keine besonders erfolgversprechende Strategie. Aber wir sollten uns bewusst machen: Für Erfolg braucht man mehr als Qualität und Leistung. Für Erfolg braucht man immer auch eine große Portion Glück. Das ist nichts, worüber man traurig sein sollte – das ist einfach so, das war immer schon so, das wird immer so sein.

Viel Glück!

Glückbringer zum Jahreswechsel
Ich finde es deshalb schön, wenn wir zum Jahreswechsel das Glück ein bisschen feiern. In einer Zeit, in der man sich gerne der Illusion hingibt, die eigene Zukunft völlig im Griff zu haben, in der Achtzehnjährige ermahnt werden, sich endlich Gedanken über ihre Karriere zu machen und man Vierundzwanzigjährigen eine Pensionsversicherung einredet, tut es ganz gut, sich manchmal auf die Macht des Zufalls und die Notwendigkeit des Glücks zu besinnen. Vielleicht hilft uns das, mit Erfolg ein bisschen demütiger und mit Misserfolg etwas offenherziger umzugehen.

Ich wünsche Ihnen daher – ganz egal, ob Sie Hufeisen, Kleeblätter und Schweinchen eingekauft haben oder nicht – viel Glück und alles Gute im neuen Jahr! Wir werden es alle brauchen.

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.

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