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Meinung
01/19/2020

Was heißt hier „zu viele Menschen“?

Die große Angst vor der „Bevölkerungsexplosion“ ist unbegründet. Der Planet kann Milliarden Menschen versorgen.

von Florian Aigner

Wir sind richtig viele. Das bemerken wir nicht nur, wenn wir uns morgens in die überfüllte Straßenbahn quetschen, das bestätigt auch die Statistik: Über 7,7 Milliarden Menschen leben auf unserem Planeten, und es werden täglich mehr. Aber ist das ein Problem?

Schon seit über 200 Jahren muss das Bevölkerungswachstum immer wieder für schreckliche Horrorszenarien herhalten: Die Menschheit könne bald nicht mehr ernährt werden, Katastrophen seien unausweichlich. Doch das ist falsch. Im Gegenteil: Eigentlich haben wir Grund zum Optimismus.

Alle 140 Meter ein Mensch

Die Zahl von 7,7 Milliarden kann man sich kaum vorstellen. Würde man die gesamte Landfläche der Erde auf alle Menschen aufteilen, bekäme jeder ein Quadrat mit einer Seitenlänge von 140 Metern. Die meisten Tierarten, die ungefähr unsere Körpergröße haben, würden bei einer solchen Populationsdichte ziemlich verzweifeln. Und dabei sind bei diesen 140 mal 140 Metern auch alle Wüsten, Urwälder und Permafrostgebiete miteinberechnet. Die nutzbare Fläche, die uns statistisch zur Verfügung steht, ist also noch viel kleiner. Und auf der müssen wir nicht nur wohnen und uns ernähren, sondern auch Industrieanlagen, Straßen und Kraftwerke unterbringen.

Das Erstaunliche daran ist: Wir kommen damit recht problemlos aus und leben heute besser, komfortabler und gesünder als in vergangenen Zeiten mit niedrigerer Bevölkerungsdichte. Das gelingt uns einerseits, weil wir komplizierte politische Regeln entwickelt haben, die ein einigermaßen friedliches Zusammenleben ermöglichen, und andererseits durch unsere Technologie, die unsere Nahrungsversorgung völlig revolutioniert hat – vom der Bewässerungstechnik bis zur Entwicklung moderner Hochleistungs-Pflanzensorten. So können wir heute deutlich mehr Menschen ernähren als derzeit auf der Erde leben. Das ist ein triumphaler Erfolg, den wir der Wissenschaft verdanken.

Wie geht es weiter?

Aber kommen wir durch das Bevölkerungswachstum nicht trotzdem irgendwann an einen Punkt, an dem auch die modernste Landwirtschaft uns nicht mehr ernähren kann? Diese Angst ist alt und wird immer wieder hervorgeholt – manchmal auch mit hässlichen politischen Hintergedanken.

Die Wirklichkeit sieht anders aus. Der schwedische Wissenschaftler Hans Rosling zeigte in seinen Studien, dass wir in Europa oft eine völlig falsche Vorstellung vom Leben in anderen Weltgegenden haben: So ist etwa in Bangladesch in wenigen Jahrzehnten die Geburtenrate von 7 auf 2,1 Kinder pro Frau gesunken – eine Entwicklung, von in europäischen Medien kaum die Rede war. Die meisten von Rosling befragten Menschen lagen in ihren Schätzungen grob daneben.

Auch in anderen Ländern Asiens ist die Geburtenrate stark zurückgegangen, in Europa und Amerika ist sie noch niedriger, in Afrika ist das Bevölkerungswachstum von Land zu Land sehr unterschiedlich, aber überall rechnet die UNO mit deutlichen Rückgängen. Weltweit zeigt sich ein klares Muster: Der Wohlstand steigt, der Bildungsgrad ebenso, die Geburtenrate sinkt.

Weltweit hat die Zahl der Kinder bereits ihren Höchststand erreicht. Nie wieder werden so viele Kinder leben wie jetzt. Die Gesamtzahl aller Menschen wird nur deshalb noch eine Weile anwachsen, weil die Lebenserwartung steigt. Bis zum Ende des Jahrhunderts wird ein Maximum von etwa 10 Milliarden Menschen erreicht, und danach wird die Zahl wohl wieder sinken.

Mehr Gerechtigkeit

Die Zahlen sind also viel weniger dramatisch als manche Katastrophenwarner meinen. Natürlich haben wir mit Problemen zu kämpfen: Viele Menschen bedeutet auch viel CO2-Ausstoß und viel Ressourcenverbrauch. Wir werden für bessere Verteilung und mehr Gerechtigkeit sorgen müssen – nicht nur zwischen uns Menschen, sondern auch zwischen uns und anderen Spezies, die schließlich auch ein Recht auf Leben haben. Aber Bevölkerungs-Panik ist jedenfalls unangebracht.

Viele Menschen heißt schließlich auch eine Vielfalt an Kulturen, an Ideen und an Talenten. Genau das macht uns als Menschheit aus. Darüber sollten wir uns freuen, und das müssen wir nutzen um unsere gemeinsamen Probleme zu lösen.

Zur Person

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen.