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Wissenschaft & Blödsinn
11/24/2019

Die Kuh, die auf Bäumen wächst

Fleischersatzprodukte werden immer populärer. Gleichzeitig werden sie heftig kritisiert, als „zu stark verarbeitet“ und „zu wenig naturnah“.

von Florian Aigner

Für einen Burger mit herzhaft-fleischigem Geschmack muss nicht unbedingt eine Kuh sterben. Dem Trend zum Fleischersatz-Produkt auf Pflanzenbasis schließen sich mittlerweile sogar Fast-Food-Ketten an. Aber der Gegentrend bleibt nicht aus: Als „zu künstlich“ oder „zu chemisch“ werden diese Produkte kritisiert. Dahinter steckt ein tiefsitzendes Bild von unversehrter Natürlichkeit, das sich wissenschaftlich nicht rechtfertigen lässt.

Zu viele Zutaten?

Gegner von pflanzenbasierten Fleischersatzprodukten warnen: Es handelt sich um „ultrahochverarbeitete Imitationen“ mit dutzenden Zutaten! Und zu diesen Zutaten zählen Chemikalien wie Methylcellulose oder Butylhydrochinon. Das ist schwer auszusprechen, und was man nicht aussprechen kann, muss höchstwahrscheinlich giftig sein, das weiß doch jeder.

Dass auch jeder Bio-Apfel ganz natürlicherweise zahlreiche Substanzen mit kompliziertem Namen enthält, die bei künstlich hergestellten Produkten auf dem Beipackzettel extra aufgelistet und mit mysteriösen E-Nummern versehen werden müssten, ist hingegen nicht jedem klar.

„Man sollte nur Lebensmittel ohne lange Zutatenliste essen!“ Diese Grundregel hört man erstaunlich oft, wissenschaftlich haltbar ist sie aber nicht. Natürlich gibt es hochverarbeitete Fertigprodukte, die ungesund sind, aber das ist nicht die Schuld der langen Zutatenliste. Rattengift hat eine ziemlich kurze Zutatenliste. Ein Omelett aus frisch geernteten Bio-Knollenblätterpilzen auch.

Tödliche Natur

Hinter dem Mythos der kurzen Zutatenliste steckt ein völlig realitätsfremdes Bild einer gesunden, lebensfördernden Natur, der eine ungesunde, lebensfeindliche Technik gegenübersteht. Nichts daran ist wahr. In der Natur versucht pausenlos irgendetwas, uns umzubringen. Unsere Vorfahren wurden von Raubtieren gefressen, ernährten sich im Winter von vitaminarmen Wurzeln oder starben an völlig natürlichen Krankheiten, die heute problemlos heilbar sind. Es ist höchst unnatürlich, das ganze Jahr hindurch abwechslungsreiche, gesunde, schimmel- und parasitenfreie Nahrung genießen zu können. Für diese Unnatürlichkeit sollten wir dankbar sein.

Auch Bioprodukte sind längst etwas „Ultrahochverarbeitetes“. Unsere Nutzpflanzen und Nutztiere haben mit ihren prähistorischen Vorfahren nicht mehr viel zu tun. Wir Menschen haben unsere Umwelt radikal umgebaut, sonst wäre es völlig unmöglich, Milliarden von uns auf diesem Planeten zu ernähren. Das hat Nachteile, über die wir reden sollten. Aber es ist unvermeidlich, egal ob man sich von Biogemüse oder Chicken-Nuggets ernährt.

Fleischersatz ist gut für die Umwelt

Der entscheidende Vorteil von Fleischersatz-Burgern liegt allerdings nicht darin, dass sie besser für unsere Gesundheit sind, sondern darin, dass sie besser für unseren Planeten sind. Sie lassen sich deutlich ressourcenschonender produzieren als Fleisch, man vermeidet das Klima-Gas Methan, das von Kühen ausgestoßen wird, und man braucht vor allem deutlich weniger Landfläche um die gleiche Anzahl von Menschen zu ernähren.

Wir bewahren die Natur also nicht, indem wir auf Technik verzichten. Wenn wir in Zukunft auf einem blühenden, gesunden Planeten leben wollen, brauchen wissenschaftlich durchdachte Lösungen. Nutzen wir sie – sie werden uns schmecken!

Zur Person

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen