Nobelpreis

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Meinung
10/13/2019

Schafft den Nobelpreis ab!

Die Nobelpreise sind vergeben. Aber sind sie noch zeitgemäß? Sie gehören zu einer Art von Wissenschaft, die es längst nicht mehr gibt.

von Florian Aigner

Um den Nobelpreis zu gewinnen braucht man vor allem einen guten Arzt. Das Alter, in dem man typischerweise für Nobelpreise in Frage kommt, muss man nämlich überhaupt erst mal erreichen. Bei den drei naturwissenschaftlichen Kategorien (Medizin, Physik und Chemie) lag der Altersdurchschnitt diesmal bei 72 Jahren. Der Chemienobelpreisträger John Goodenough ist mit 97 Jahren der älteste Laureat, den es je gab.

Alfred Nobel selbst würde das wohl nicht gefallen: Er stiftete den Preis für jene Personen, die „im vergangenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen erbracht haben“. Eigentlich sollte der Preis also gleich nach einer großen Entdeckung vergeben werden, nicht Jahrzehnte später. Dass sich das Nobelpreiskomitee nicht daran hält, ist aber durchaus verständlich: Die Wissenschaft wird immer komplexer. Unzählige Fachnischen und Sub-Disziplinen greifen heute auf unvorhersehbare Weise ineinander. Niemand kann genau sagen, ob eine neue Entdeckung die Wissenschaft revolutionieren wird, oder ob es sich bloß um eine schicke Idee handelt, die nach ein paar Jahren wieder vergessen ist. Das lässt sich erst im Nachhinein beurteilen – wenn überhaupt.

Kleine Schritte statt großer Sprünge

Meist bewegt sich die Wissenschaft heute nicht in großen Sprüngen, wie eine hungrige Raubkatze, sondern in unzähligen kleinen Wackelbewegungen, wie ein Wurm, der sich mühsam durch die Erde bohrt. Der wahre Schlachtruf der Forschung ist nicht „Heureka – ich hab’s gefunden!“, sondern „Oh, sieh mal, diese Daten sehen irgendwie komisch aus.“ Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass sich der Wissenschaftsbetrieb in den letzten Jahrzehnten deutlich verändert hat.

Als man im Jahr 1911 die einflussreichsten Köpfe der Physik zur berühmten ersten Solvay-Konferenz einlud, um endlich zu klären, was man denn nun mit diesen seltsamen neuentdeckten Quanten anfangen soll, da passte die gesamte Weltelite der Physik noch gemeinsam auf ein Erinnerungsfoto. Ein beträchtlicher Teil dieser Gruppe wurde dann irgendwann mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.

Heute gibt es wissenschaftliche Tagungen, bei denen sich Tausende Leute durch gigantische Konferenzhallen drängen. Die Forschung ist so kompliziert und vielschichtig geworden, dass niemand von ihnen einen Überblick über die eigene Forschungsdisziplin hat. Jeder kennt seine eigene kleine Nische und ein paar Anknüpfungspunkte zur Nachbarnische – mehr ist gar nicht möglich. Das Zeitalter der großen Genies ist vorbei. Das macht nichts, denn durch intensive Zusammenarbeit der richtigen Leute gelingen trotzdem gewaltige Erfolge. Nur – wer von ihnen soll dann den Nobelpreis bekommen?

Wissenschaft ist Teamarbeit

An wissenschaftlichen Großprojekten, etwa der Suche nach unbekannten Teilchen, kosmischen Objekten oder neuartigen Heilungsmethoden, sind heute oft Hunderte oder Tausende Menschen beteiligt. Diese Entwicklung konnte Alfred Nobel noch nicht vorhersehen. Aus diesen unüberblickbaren Scharen maximal drei Personen für den Nobelpreis auszuwählen ist eine Verzerrung der wissenschaftlichen Realität.

Heute wird Wissenschaft oft betrieben wie der Bau eines Ameisenhaufens, wo jede Ameise ihren Teil beiträgt, ohne dass es eine geniale Chef-Ameise geben muss, die den Überblick bewahrt – das ist eine neue Entwicklung, die sich in den letzten Jahrzehnten deutlich verstärkt hat.

Daher wäre es wohl klüger, den einzelpersonenbezogenen Nobelpreis abzuschaffen. Allerdings ist mit dem Nobelpreis jedes Jahr auch viel Aufmerksamkeit und Medienpräsenz für die Wissenschaft verbunden. Es wäre schade, darauf zu verzichten.

Party für alle!

Daher sollte man den Nobelpreis reformieren: Vielleicht könnte man stattdessen jedes Jahr einen Forschungserfolg des Jahres küren – und dann eine richtig große Party schmeißen, bei der all die Tausenden Leute eingeladen sind, die daran beteiligt waren. Das würde – bei allem berechtigten Respekt vor den Nobel-Laureaten – die heutige Forschungspraxis besser wiederspiegeln als goldene Medaillen für maximal drei Auserwählte.

Zur Person

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen.