Fiddler Crab ( Uca uruguayensis )

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Meinung
11/10/2019

Winkerkrabben und Wünschelruten

Ein Besuch auf der Esoterikmesse: Vielleicht ist es ein gutes Zeichen, dass sich Esoterik so gerne als Wissenschaft tarnt.

von Florian Aigner

Winkerkrabben beherrschen einen bemerkenswerten Trick: Wenn ihre Greifschere bei Revierkämpfen kaputtgeht, dann lassen sie sich einfach eine neue wachsen. Nach kurzer Zeit haben sie eine große, imposante Ersatzschere. Die ist zwar aus schlechtem Material und geht leicht kaputt, aber macht nichts, denn in Winkerkrabbenkreisen wird die Schere meist nur furchterregend in der Luft herumgewedelt, zum echten Kampf kommt es selten.

Für die anderen Krabben sehen die nachgewachsenen Schnellbau-Scheren täuschend echt aus, und so kommen auch Winkerkrabben mit völlig kampfuntauglicher Placebo-Schere meist recht gut durchs Leben - zumindest so lange sie echten Härtetests aus dem Weg gehen.

Räucherstäbchen mit Quantentechnologie

An diese Winkerkrabben fühle ich mich erinnert, wenn ich durch eine Esoterikmesse spaziere. Dort findet man nämlich nicht bloß Duftkerzen, Räucherstäbchen und Meditations-Klangschalen, sondern erstaunlich vieles, das täuschend echt nach Wissenschaft aussieht: Apparate und Messgeräte stehen herum, auf Plakaten kann man über „Quanten-Technologie“ und „Wassermolekülcluster“ lesen. High-Tech Informations-Plättchen werden mit geheimnisvoller Energie aufgeladen.

Ein Energethiker misst die „Bovis-Zahl“ einer Tomate, indem er seine Wünschelrute über eine hochseriös ausgedruckte Zahlenskala wedelt. „Nur dreitausend Bovis, fast schon gesundheitsschädlich!“, erklärt er mir. Doch als er die Tomate kurz mit heilendem Licht bestrahlt und seine Wünschelrute erneut in Schwingung versetzt, wackelt sie plötzlich einem viel höheren Bovis-Wert entgegen. Hurra! Nun ist alles gut.

In der Esoterik kann man blitzschnell neue Theorien wachsen lassen, doch einer intellektuellen Belastungsprobe halten sie nicht stand. Dass eine Wünschelrute in der Hand eines Wünschelrutenwacklers genau so wackelt wie sie der Wünschelrutenwackler wackeln lassen will, ist nun wirklich kein Wunder. Die vielgepriesenen „Wassercluster“ gibt es aus physikalischer Sicht zwar wirklich, doch sie zerfallen innerhalb von Pikosekunden von selbst. Und die „Quanten-Technologien“ haben mit Quanten überhaupt nichts zu tun, sie entpuppen sich als telepathische Schwurbelei, bei der angeblich durch bloße Konzentration „positive Gedanken“ auf ein Aluminiumplättchen übertragen werden.

Kopiert zu werden ist ein Kompliment

Dass sich Esoterik als seriöse Wissenschaft tarnt, kann man als bösartige Attacke gegen die Wissenschaft betrachten – aber vielleicht kann man es auch umgekehrt sehen: Nur was erfolgreich ist, wird kopiert. Wenn sich Esoteriker so sehr bemühen, möglichst wissenschaftlich zu wirken, dann heißt das doch, dass Wissenschaft grundsätzlich als etwas Vertrauenswürdiges anerkannt wird. Insofern sind solche Pseudowissenschaftler immer noch besser als Antiwissenschaftler, die jede Wissenschaftlichkeit überhaupt ablehnen, und lieber Botschaften von intergalaktischen Einhörnern aus der Indigo-Dimension channeln.

Die Kunden auf der Esoterikmesse sind gewiss keine dummen Leute. Sie sind begeistert von seltsamen neuen Ideen – und das ist grundsätzlich etwas Schönes. Aber irgendwann muss man eben auch lernen, zwischen belastbaren und weniger belastbaren Ideen zu unterscheiden. Spätestens wenn man wichtige Lebensentscheidungen nach dem Horoskop trifft, viel Geld in mysteriöse Unsinns-Geräte steckt oder eine ernste Krankheit vom Wunderheiler behandeln lässt, wird die Sache gefährlich.

Die Scheintheorien der Esoterik sehen vielleicht imposant aus, aber genau wie die nachgewachsene Schere der Winkerkrabben sind sie nur nützlich um respekteinflößend in der Luft herumgewedelt zu werden – für mehr nicht.

Zur Person

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen