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Wissenschaft & Blödsinn

Wir entscheiden uns ins Unglück

Ich bin frei, ich kann machen was ich will. Kann mir jetzt mal jemand sagen, was ich wollen soll?

Wenn ich als Kind neue Turnschuhe brauchte, dann hatte ich im kleinen Laden unserer kleinen Stadt vielleicht die Wahl zwischen drei Modellen, die in meiner Größe gerade lagernd waren. Die einen waren zu breit geschnitten, die anderen zu eng, die dritten waren auch nicht perfekt, aber sie wurden gekauft, und die Sache war erledigt.

Heute, im Schuheinkaufszentrum in der Großstadt, irre ich durch eine Landschaft aus Turnschuhregalen und habe mehr Auswahl als sich überblicken lässt. Will ich Hallenturnschuhe, Laufschuhe, Tennisschuhe oder doch ein leichtes Trekking-Modell? Wenn ich diesen Laufschuh will, dann sollte ich dieses andere Modell noch probieren, das ist ganz ähnlich, aber hinten fester. Und würde eine andere Farbe vielleicht besser aussehen?

Die Turnschuhe, mit denen ich dann nach Hause gehe, passen ziemlich sicher besser als die, die ich vor dreißig Jahren im kleinen Schuhgeschäft am Land bekommen hätte. Doch so richtig zufrieden bin ich nicht. Bei dieser enormen Auswahl hätte doch das ultimativ großartigste Paar Turnschuhe aller Zeiten dabei sein müssen, aber so perfekt fühlen sich die neuen Schuhe nun auch wieder nicht an. Und wenn sie nicht perfekt sind, dann kann das nicht am Angebot liegen, sondern bloß an mir und meinen unzureichenden Entscheidungsfähigkeiten.

Das Marmeladen-Experiment

Die Psychologen Sheena Iyengar und Mark Lepper führten ein interessantes Experiment durch: Sie boten Leuten in einem noblen Nahrungsmittelgeschäft eine Auswahl von 24 Gourmet-Marmeladen an, die verkostet und zu Sonderpreisen gekauft werden konnten. In einer zweiten Runde reduzierten sie das Angebot dann auf nur noch sechs Marmeladen, und erstaunlicherweise stieg die Kauflust der Kunden dadurch deutlich an. Mit sechs Marmeladen können wir umgehen, 24 überfordern uns, da kaufen wir besser gleich gar nichts.

Das Problem kennen wir aus unterschiedlichen Bereichen: Ich sollte wohl eine Pensionsversicherung abschließen. Aber welche? Und wie war das mit den staatlichen Förderungen und Steuervorteilen? Ich sollte mich damit wohl wirklich mal näher befassen, aber heute habe ich keine Lust, vielleicht ja nächste Woche. Dummerweise ist nie nächste Woche. Es ist immer bloß heute.

Das heißt natürlich nicht, dass es besser wäre, keine Wahl zu haben. Niemand von uns sehnt sich nach diktatorischen Verhältnissen, in denen wir in Einheitswohnungen leben, Einheitsnahrung essen und staatlich verordnete Einheitskleidung tragen. Auswahl ist wichtig und macht uns glücklicher. Allerdings kann man daraus nicht schließen, dass immer mehr Wahlfreiheit unsere Zufriedenheit immer weiter steigert. Der amerikanische Psychologe Barry Schwartz nennt das „Paradox of Choice“. Es gibt offenbar einen optimalen Bereich, in dem wir genügend Wahlfreiheit haben um unsere Bedürfnisse zu befriedigen, aber nicht so viel, dass wir uns überwältigt fühlen und überhaupt keine Entscheidung mehr treffen können.

Werde gefälligst glücklich!

Das Problem der großen Auswahl betrifft nicht nur Konsumentscheidungen, sondern auch unsere Lebensplanung. Vor zweihundert Jahren wurde der Sohn des Schusters eben Schuster, jemand musste schließlich die Werkstatt übernehmen. Vielleicht wäre er viel lieber Gärtner geworden, möglicherweise hätte er auch ein grandioser Lehrer oder ein weltberühmter Musiker sein können, doch niemand hat ihn gefragt, diese Möglichkeiten standen nicht zur Auswahl. Und geheiratet hat der Schustersohn die Tochter des Bäckers. Wenn denn auch sonst? Im Dorf gab es sonst bloß nur noch wenige andere Frauen im passenden Alter, und die waren schon verheiratet.

Heute redet man jungen Leuten mit großem Enthusiasmus ein, die Welt stünde ihnen offen. Sie könnten alles machen und alles werden. Das ist natürlich schön, aber es ist gleichzeitig eine gewaltige Bürde: Husch, los, mach was dich zufrieden macht! Wie jetzt, du bist Ende zwanzig und noch immer nicht glücklich? Dir standen doch alle Möglichkeiten offen!

Und dann haben Leute einen ganz normalen Job, eine normal gut funktionierende Beziehung, wohnen in einer normal hübschen Wohnung. Anstatt sich zu freuen fragen sie sich: War’s das? Hätte ich nicht viel mehr erreichen müssen? Genau wie bei den Turnschuhen, die eigentlich völlig in Ordnung sind, oder bei den Marmeladesorten, die alle gut schmecken, denken wir an die unzähligen ungenutzten Alternativen, und dieser Gedanke nimmt uns die Freude an dem, was wir haben.

Wir können natürlich zu Konsumverweigerern werden, uns in naturgrüne Biomaterialien kleiden und nur noch glutenfreies Bio-Wurzelgemüse aus Freilandhaltung essen. Damit verringern wir das Spektrum an Auswahlmöglichkeiten, und genau deshalb liegen Verzicht und Vereinfachung auch im Trend. Das kann auch durchaus sinnvoll sein, das Perfide daran ist nur: Auch Konsumverzicht ist mittlerweile nichts anderes als ein bürgerlich-akzeptierter Lebensstil, den man sich aus dem unüberblickbar reichhaltigen Lebensstil-Angebotsregal hervorziehen kann. Das schützt niemanden davor, nachts wach zu liegen und zu grübeln, ob ein Lebensstil in rosa oder orange nicht doch besser gewesen wäre.

Der Weltanschauungs-Supermarkt

Und in diesem Umfeld, in dem von jedem verlangt wird, sich und seine Welt ständig neu zu erfinden, gedeihen dann wirre Weltanschauungen wie Brennnesseln im ungejäteten Gartenbeet. Wenn man den Druck spürt, unbedingt strahlendgroßartige Dinge mit seinem Leben machen zu müssen, dann wird man eben Energieheiler nach der Neu-schamanischen Auralehre, man besinnt sich seines früheres Lebens als Einhorn, oder hält Seminare über quantentelepathische Verbindungen zu den Außerirdischen des Planeten Nibiru. Wir können heute Weltanschauungen und spirituelle Systeme shoppen wie Turnschuhe. Und wenn wir wollen, legen wir uns monatlich eine neue Lebensüberzeugung zu. Glücklich macht das selten.

Der Schuster, der vor zweihundert Jahren in seinem Dorf die väterliche Werkstatt übernahm, hatte diese Auswahl nicht. Er ging in die Kirche und glaubte das, was man ihm dort sagte. Das ist nicht gut, das verleitet nicht zum eigenständigen Denken. Doch der heutige Überfluss an Auswahl – egal ob bei Käsesorten, Lebensplanungen oder Weltanschauungen – macht uns auch nicht glücklich.

Vielleicht müssen wir einfach aufhören, immer die ultimativ beste Lösung zu suchen. Während wir versuchen, den allerbesten Turnschuh zu finden, könnten wir mit dem drittbesten Turnschuh schon längst draußen in der Sonne herumlaufen, und uns dann noch ein Eis gönnen. Vorausgesetzt, wir können uns im Eissalon für die ultimativ besten Sorten entscheiden.

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.

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