Meinung
07.07.2012

Zeit für zehn Millionen

© Bild: REUTERS/Mike Blake

Immer weniger Leute tragen Armbanduhren – dafür gibt es immer mehr Uhren, auf denen man nur auf abenteuerlichen Umwegen erkennen kann, wie spät es ist.

Die Menschen tragen kaum noch Armbanduhren. Man hat sein Zeitmaß auf dem Display seines Telefons bei sich. Bestimmte sich wiederholende Vorgänge in der Natur zu beobachten und später auch vorhersagen zu können, gehört zu den großen Kulturleistungen der Vorzeit (sic!). Schon die alten Ägypter - denen wir verdanken, dass der Tag 24 Stunden hat - stellten beispielsweise den Zusammenhang zwischen dem Aufgang des Sirius und der für die Ernte wichtigen jährlichen Nilflut her.

Das einzige, was uns wirklich gehört: Zeit
Heute sind auch die mechanischen Meisterwerke der klassischen Uhrmacherkunst bereits eher Sammlerstücke als nützliche Objekte. Als Gebrauchsgegenstände verschwinden Uhren, so der erste Eindruck, immer mehr aus der Öffentlichkeit. Um sich zu vergegenwärtigen, dass Zeit etwas Besonderes ist - das einzige, das uns wirklich gehört -, sind andere Dinge nötig. Der russische Designer Balykin Pavel etwa hat die Sanduhr ins digitale Zeitalter überführt. Die taillierte Form ist erhalten geblieben, aber in ihrem Inneren rieseln nun Pixel.

© Bild: REUTERS/Mike Blake

Moderne Uhren verleihen nicht Zeitgefühl, sondern neue Arten von Status. Vom japanischen Designbüro „e35" stammt beispielsweise eine Uhr namens „JLr7". Man kann auf ihr nicht einfach die Zeit ablesen, denn sie ist stilverschlüsselt. Schon den Namen muß man decodieren. Er erschließt sich einem erst, wenn man die erste Reihe der geometrischen Zeichen auf dem Display der Uhr – kleine Winkel – als stilisierte Buchstaben und Ziffern liest. Es ist eine Uhr, die nicht mehr einfach anzeigt, wie spät es ist. Sie bringt uns wieder in Berührung mit dem Geheimnis der Zeit.

Ein welkendes Sandwich als Uhr
Richtige Erfinder geben sich damit aber noch lange nicht zufrieden. Der englische Tüftler James Larsson ist bereits mit seiner ungewöhnlichen Garnelensandwich-Uhr aufgefallen. Sie zeigt an, in welcher zeitlichen Verfassung sich ein Sandwich befindet. Der Gedanke, dass man mit Hilfe von Sensoren und eines Computers jederzeit feststellen könnte, wie frisch ein Sandwich ist, hatte ihn nicht mehr losgelassen: „Es hat mich fasziniert, dass alles sich mit der Zeit verändert - speziell Sandwiches." Da sich die elektrische Leitfähigkeit sowohl der Garnelen, als auch der Mayonnaise und des Brots verändert, war es ein Leichtes, ein Sensorium für die Sandwichuhr zu basteln. Genau genommen müßte man sie als Garnelensandwich-Stoppuhr bezeichnen, da sie sozusagen einen Frische-Countdown laufen läßt. Und Larsson sucht weiter nach ungewöhnlichen Zugängen zur Zeitmessung. Ein echter Hack war auch sein Umbau eines alten VHS-Videorekorders, der danach als timer-gesteuerte Katzenfütteranlage fungierte.

Uhren, die die Zeit geheim halten
Die Vielfalt an uhrzeitverweigernden oder -verkomplizierenden Uhren, die es inzwischen gibt, ist erstaunlich. Und nicht nur Mobiltelefone machen der puren Uhr die Nützlichkeitsfunktionen streitig. Futuristische Entwürfe für zeiteisenähnliche Vielzweckschöpfungen weisen nicht nur Start Trek-Fans darauf hin, dass wir in der Zukunft angekommen sind. Hightech-Armbandgadgets enthalten nicht mehr nur Uhren, sondern MP3- und Videoplayer, Fotoalben etc. pp.

Smartwatches, oder: Kommt die Armbanduhr wieder?
Und womöglich erleben wir mit dem überraschenden Erfolg der sogenannten Smartwatches gerade eine hypermoderne Renaissance der Armbanduhr. Die Gerätchen verfügen über ein wenig Intelligenz, halten per Bluetooth die Verbindung zum Smartphone und zeigen auf ihrem Display neben der aktuellen Uhrzeit an, ob es neue Mails zu checken gibt, Nachrichten über entgangene Anrufe eingetrudelt sind oder Termine anliegen. Für die Produktion einer Smartwatch namens Pebble sollten im Frühjahr auf der Finanzierungsplattform Kickstarter 100.000 Dollar eingesammelt werden. Am Ende waren es mehr als 10 Millionen Dollar – es ist das bislang erfolgreichste Projekt dieser neuen Art von Geldbeschaffung.

Ein ähnliches Unterfangen ist ebenfalls bereits überfinanziert: 285.000 Dollar statt der angezielten 150.000 haben Zeitinteressierte für die Smartwatch Cookoo zusammengelegt, eine Art Kuckucksuhr für`s digitale Zeitalter. Sie zeigt Minisymbole auf dem Zifferblatt, wenn eine neue Mail, ein Tweet oder ein Anruf auf dem Smartphone eingegangen ist. So soll das manchmal nervtötende Nachschauen auf dem Handydisplay durch einen wie gewohnt diskreten Blick auf die Uhr ersetzt werden. Die Cookoo soll in einer Verpackung ausgeliefert werden, die später als Vogelhäuschen weiterverwendet werden kann.

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Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin und begleitet seit 30 Jahren die Entwicklung der digitalen Welt. Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs, Träger des Ingeborg Bachmann-Preises und Blogger. Für die futurezone schreibt er jeden Samstag eine Kolumne.