Netzpolitik
19.01.2014

Deutsches Bundesamt warnt vor Gefahren im Netz

Der US-Lauschangriff auf das Merkel-Handy sorgte für Aufsehen. Das zuständige Bundesamt sieht die Attacken mit Sorge - und hofft auf mehr Risikobewusstsein in der Gesellschaft.

Die oberste Behörde für die IT-Sicherheit in Deutschland warnt vor wachsenden Gefahren im Netz. „Die Lage ist kritisch. Viele bestehende Systeme sind verletzbar“, sagte der Präsident des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), Michael Hange, der Nachrichtenagentur dpa. Mit Blick auf die zunehmende Internetkriminalität und die jüngsten Ausspähaktionen des US-Geheimdienstes mahnte Hange: „Wir müssen den Weckruf hören.“ Es gebe viele technische Optionen und Verschlüsselungsmethoden, um sich zu schützen und es Angreifern schwer zu machen.

Allein auf das Netz der Bundesregierung gibt es laut BSI 2000 bis 3000 Angriffe pro Tag. Etwa fünf Attacken am Tag seien auf so hohem technischen Niveau, dass ein nachrichtendienstlicher Hintergrund zu unterstellen sei, erklärte Hange. Mehrere Hunderttausend Rechner in Deutschland seien mit Schadprogrammen infiziert und könnten - zusammengeschlossen in sogenannten Botnetzen - für Cyberangriffe ferngesteuert werden. „Viele Nutzer wissen gar nicht, dass ihr Rechner ein Tatwerkzeug ist.“

Schäden sind hoch

Auch viele Firmen würden Opfer von Cyberangriffen, verschwiegen diese aus Angst vor Imageschäden aber oft. „Kriminalstatistiken geben das Bild nicht vollständig wieder, weil viele Vorfälle nicht gemeldet werden“, sagte der Behördenchef. Viele Attacken blieben auch unbemerkt. „Es gibt eine sehr hohe Dunkelziffer.“ Sicherheitsexperten weisen seit längerem auf eine wachsenden Gefahr durch Kriminelle im Internet hin. Nach Angaben der EU werden weltweit jeden Tag eine Million Menschen Opfer von Internetkriminalität. In Deutschland zählte das Bundeskriminalamt 2012 fast 64 000 Fälle. Die Delikte reichen von gehackten Banküberweisungen über Datenklau und digitale Erpressung bis zur Verbreitung von Kinderpornos.

Die groß angelegte Ausspähung von Telefonaten, Mails und anderen Daten durch den US-Geheimdienst in Deutschland legte zuletzt weitere große Schutzlücken offen. Selbst das Handy von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) wurde jahrelang ausgeforscht. Das BSI ist auch für den Schutz der Regierungskommunikation zuständig. „Sicherheit ist kein einfaches Geschäft“, sagte Hange. Die Sensibilisierung für die Gefahren im Netz brauche Zeit. „Wir haben sichere Technik, aber das Bewusstsein dafür muss auch da sein.“

Mit Blick auf sogenannte Krypto-Handys sagte er: „Sicherheit bedeutet beispielsweise, dass man beim Smartphone zwei Knöpfe mehr drücken muss. Manch einem ist das schon zu viel.“ Angesichts der Spähaffäre sei die Nachfrage nach Smartphones mit einem Verschlüsselungschip des BSI aber sehr gestiegen - von staatlichen Stellen, aber auch von der Wirtschaft. Es gebe auch Chancen, mit der Cybersicherheit neue Märkte zu erschließen. Die Nachfrage nach Sicherheit nehme zu.

Konferenz

Das Bundesamt veranstaltet am kommenden Mittwoch gemeinsam mit der Bundesakademie für Sicherheitspolitik in Berlin eine Konferenz zur Cybersicherheit. Dort geht es um technische und wirtschaftliche Fragen rund um das Thema, vor allem aber auch um politische Aspekte. Die Spähaktionen der USA in deutschen IT-Netzen etwa haben zu einer großen Belastung für das deutsch-amerikanische Verhältnis geführt.

Der Präsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik, Hans-Dieter Heumann, sprach von einer großen Vertrauenskrise in den Beziehungen. „Jetzt ist die Stunde der Wahrheit.“ Zu den stockenden Verhandlungen über ein bilaterales Geheimdienstabkommen sagte er dpa, so wie die Verhandlungen angelegt seien, als Gespräche nur zwischen Deutschland und den USA, seien sie zum Scheitern verurteilt. Sie könnten allenfalls ein Anfang sein für Verhandlungen zwischen den USA und der EU. „Hierbei sollten die Europäer ihre Standards durchsetzen, auf die sie sich allerdings vorher einigen müssen.“ Heumann beklagte zudem, viele Bürger gingen zu unbekümmert mit ihrer Kommunikation um. „Das ist nicht gerechtfertigt angesichts der Gefahren, die zunehmen.“