Netzpolitik
12.11.2018

"Firmen wie Facebook sind nicht unverwundbar"

Digitalministerin Margarete Schramböck (ÖVP) über Frauenmangel in der Techbranche und Facebook-Daten für heimische Start-ups.

futurezone: Welche Maßnahmen setzen Sie als Ministerin, um den Gender Gap im der Digitalbranche mittelfristig zu schließen?
Margarete Schramböck: Zunächst einmal überarbeiten wir alle Lehrberufe und wollen digitale Inhalte in die Lehrberufe hineinbringen. Es ist wichtig, dass es neue digitale Lehrberufe gibt, die auch für Frauen attraktiv sind. Ein solches neues Beispiel wäre etwa “E-Commerce-Kauffrau/mann”- der Beruf, ist erst seit drei Monaten am Markt und wir haben bereits 52 Lehrlinge, wovon 40 Prozent Frauen sind. Neu ist auch der Lehrberuf “Coder”, allerdings haben wir hier erst einen Frauenanteil von fünf Prozent, weshalb ich auch Frauen nochmals besonders auf diesen Beruf hinweisen möchte.

Letzteres ist doch ein sehr niedriger Anteil.
Ja, wir müssen schauen, dass wir mehr Frauen in technische Berufe bekommen. Momentan haben wir generell bei den Lehrberufen einen Frauenanteil von etwa einem Drittel. Davon wiederum machen 44 Prozent aktuell nur drei Lehrberufe: Frisörin, Verkäuferin und Bürokauffrau. Hier hat die Politik eine Verantwortung, gleichzeitig müssen sich mehr Frauen in die Technik trauen.

Was braucht es, um das zu ändern?
Neben den Lehrberufen selbst braucht es die stärkere Förderung  von Frauen in atypischen, sprich technischen Berufen. Dazu stelle ich fünf Millionen Euro bereit, die seit November zur Verfügung stehen. Bewerben können sich Programme, die sich speziell darum kümmern. Außerdem wollen wir eine duale Akademie schaffen: Zwei Jahre Lehre nach der Matura. Eine weitere Zielgruppe sind aber auch Frauen über 40, die wieder in den Beruf einsteigen.

Nun gibt es nicht nur im Bereich der technischen Lehrberufe einen Mangel an Frauen, auch in der Gründerszene sind Frauen nach wie vor stark in der Minderheit.
Ein Thema, das ich hier sehe, sind die Geldgeber: Venture Capital ist sehr stark männlich dominiert. Das heißt, Frauen kommen mit ihren Ideen gar nicht so stark durch. Hier braucht es unbedingt mehr Durchmischung, und da sehe ich in Österreich zumindest einen Fortschritt. Wo wir von staatlicher Seite was tun können, ist natürlich in der Frühphase, der Seedphase von Start-ups, da machen wir keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern. Ich sehe den größten Vorteil darin, wenn Start-ups aus gemischten Teams bestehen.

Braucht es auch Quoten in gewissen Bereichen?
Auf Ebene von Aufsichtsräten gibt es ja die Quoten, da bin auch dafür. Ich bin allerdings nicht dafür, dass die Quoten für mittelständische Unternehmen eingeführt werden.

Wie kann Europa im Wettstreit mit den großen US-IT-Riesen mithalten?
Ich forciere den Zugang zu Daten. Ich schlage vor, dass Daten von Unternehmen, deren Nutzer zu 30 Prozent europäisch sind, auch dem jeweiligen Markt anonymisiert zugänglich gemacht werden.

Was ist Ihre Überlegung dabei?
Die großen B2C-Unternehmen befinden sich in den USA. Die sammeln viele Daten europäischer Verbraucher und behalten diese Daten für sich. Europäische Firmen, Start-ups, die vielleicht auch dazu forschen, haben keinen Zugang zu diesen Daten. Daher die Idee: Diese Daten zu anonymisieren und Google, Facebook und Co dazu zu verpflichten, diese auch zur Verfügung zu stellen. So können Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen und Start-ups auch in Europa damit arbeiten. Ansonsten haben wir hier zur Zeit ein zu geringes Datenvolumen im Konsumentenbereich, um damit zu arbeiten. Es fehlt die Basis und es besteht die Gefahr, hier rasch zurückzufallen.

Nun gab es zuletzt zum Beispiel bei Facebook massive Datenlecks. Wie soll man damit umgehen bzw. wie übermächtig sind diese Konzerne aus Ihrer Sicht?
Es handelt sich grundsätzlich um Services, die Vorteile bringen und Nutzen stiften, sonst wären sie nicht so erfolgreich. Aber wir müssen in Europa unsere Sicherheitsstandards durchsetzen und unsere Standards für den Konsumentenschutz. Deshalb sind auch wir für eine Digitalsteuer, um eine Gleichberechtigung im Wettbewerb der verschiedensten Unternehmen zu erzielen. Eines muss man aber auch sagen: Firmen wie Facebook sind nicht unverwundbar. Facebook musste etwa Instagram oder WhatsApp kaufen, um an die jungen Zielgruppen heranzukommen und längerfristig bestehen zu können. Auch Facebook wird sich immer neu erfinden müssen. Und wenn solche Konzerne Sicherheitsstandards nicht einhalten, ist die Frage: Wie lange werden ihnen die Konsumenten bleiben?

Was ist Ihr erstes Resümee zur Datenschutzgrundverordnung (DSGVO)? Welche Rückmeldung bekommen sie dazu seitens der Unternehmen - viele haben sich ja regelrecht vor der Umsetzung gefürchtet.
Unser wesentlicher Schritt ist das “Beraten statt Strafen”. Es macht keinen Sinn, die KMU sofort zu bestrafen. Erst wenn ein Verstoß ein drittes oder viertes Mal passiert, muss man sagen, dass hier andere Konsequenzen zu ziehen sind.

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Wie kann man die heimischen Unternehmen ins digitale Zeitalter führen, viele sind dort ja nach wie vor nicht angekommen?
Die KMU brauchen Zugang zu Technologie und Innovation und beides brauchen sie praxisnah. Dazu haben wir die Digitalisierungsagentur gegründet, eine Anlaufstelle für mittelständische Unternehmen. Ein Beispiel: Ein Unternehmen stellt etwas her und interessiert sich etwa für 3D-Druck in der Produktion. Dann kann man sich hierhin wenden und erfahren, wo man einen 3D-Drucker bekommt, man kann sich beraten lassen. Unsere Aufgabe ist es auch, das vorhandene Wissen stärker zu vernetzen und die KMU mit der Forschung in Verbindung zu bringen.

Wie erfahren die Unternehmen überhaupt, dass es solche Programme und Stellen gibt, viele wissen das vielleicht gar nicht?
Da sind nicht zuletzt auch die Medien gefragt, das zu kommunizieren. Gerade bei älteren Menschen spielen regionale Zeitungen eine Rolle. Unsere Aufgabe ist es, zu kommunizieren und wieder zu kommunizieren, auch über Einrichtungen wie die Wirtschaftskammer.

Wir reden einerseits von Digitalisierung der Unternehmen, gleichzeitig herrscht ein Fachkräftemangel, wie löst man das auf?
Dazu gibt es ein dreistufiges Modell. Erste Stufe: Österreich. Wenn ich keine Lehrlinge ausbilde, dann bekomm ich auch keine Fachkräfte, das ist auch eine klare Ansage an die IT-Branche. Dabei geht es auch um die Ausbildung in den Schulen, es geht um digitale Grundkompetenzen für alle. Dann geht es natürlich darum zu schauen, wo gibt es in Europa Fachkräfte. Österreich hat sich da bisher unter seinem Wert verkauft. Und letztlich sind es die Drittstaaten: Hier sprechen wir von Regionalisierung der Mangelberufe und die Überarbeitung der Rot-Weiß-Rot-Card. Bei letzterem brauchen wir auch eine Entbürokratisierung.

Wie sieht es im Bereich der digitalen Kompetenzen aus, was unternehmen Sie, um diese zu fördern und gibt es hier auch eine Zusammenarbeit mit anderen Ministerien? Die Thematik spielt ja auch in den Bildungsbereich hinein.
Digitale Kompetenzen sind nicht nur in der Schule ein Thema, wo wir mit dem Bildungsressort zusammenarbeiten. Das fängt teilweise noch vor der Schule an und zieht sich über alle Lebensbereiche. Es ist auch dann wichtig, wenn man nicht mehr im Arbeitsprozess ist. Daher haben wir das Programm “fit4Internet” gegründet.

An welche Zielgruppen richtet sich das konkret?
Wir richten uns damit an verschiedene Altersgruppen, beginnen aber jetzt einmal mit der älteren Zielgruppe, da hier am meisten Aufholbedarf besteht. Bis Jahresende geben wir rund 1000 Menschen die Möglichkeit, in ein sogenanntes „Cafe digital“ zu kommen. Das bedeutet konkret zwei Stunden, in denen Experten und Trainer zur Verfügung stehen und zeigen, wie man ins Internet kommt und sich dort sicher bewegt. Wir setzen ganz niederschwellig an, man braucht dazu nichts, kein Handy, keinen Computer oder irgendwelche Vorkenntnisse. Ab Januar soll es dann in jedem Bezirk jede Woche so ein Training geben.

Wie unterstützen Sie jüngere Generationen?
Für die Menschen, die in den Unternehmen sind, ist vor allem “Re-Skilling” angedacht, besonders im mittelständischen Bereich. Da diese Leute nicht die gleichen Zugänge haben wie beispielsweise Menschen, die bei SAP oder IBM arbeiten. Wir stellen 1,4 Millionen Euro für sogenannte „Digi-Bootcamps“ zur Verfügung, um das digitale Know-how in den Betrieben auszubauen. Zudem braucht es eine Art Standardisierung der digitalen Fähigkeiten, um sich dann in dem Bereich auch selbst  gut einschätzen zu können. Hierzu gibt es einen Rahmen, der auf EU-Ebene ausgearbeitet wurde, aber noch nirgendwo umgesetzt wurde. Unser Ziel ist es, diese Rahmen flächendeckend umzusetzen. Zudem wollen wir, dass die großen Unternehmen, die ihre Trainings sonst nur den Mitarbeitern anbieten, diese auch der Öffentlichkeit zugänglich machen.

Thema E-Government: Wie zufrieden sind Sie mit der bisherigen Nutzung und was versprechen Sie sich von den neuen Angeboten, die aktuell eingeführt werden?
Was man besser machen kann als in der Vergangenheit, ist der Dienstleistungscharakter des Angebots. Der Nutzen muss im Vordergrund stehen. Unsere neue Plattform bzw. neue App ist “Österreich.gv.at” und soll auf allen mobilen Endgeräten voll verfügbar sein. Der offizielle Start ist für März kommenden Jahres geplant.