© Jakob Steinschaden

Interview
12/12/2011

Nordafrika: “Die Revolution wurde exportiert”

Der weltbekannte TV-Journalist Riz Khan ist derzeit als Experte für Nordafrika auf internationalen Konferenzen unterwegs. Im futurezone-Interview spricht der Ex-Al-Jazeera-Anchorman über den Einfluss des Senders und Social Media auf den Arabischen Frühling und die Occupy-Bewegung.

von Jakob Steinschaden

Er ist ein brillanter Witzeerzähler, charismatischer Redner und einer der renommiertesten TV-Journalisten der Welt: Rizwan “RizKhan (49) hat von der BBC über CNN bis zu Al Jazeera English eine bemerkenswerte Karriere hingelegt, Persönlichkeiten wie Dalai Lama, Kofi Annan, Bill Clinton oder Nelson Mandela interviewt und inspiriert seither Nachwuchs-Journalisten auf der ganzen Welt.

Derzeit referiert der ehemalige Anchorman und zweifache Buchautor, dessen ”Riz Khan Show” bis April 2011 lief, auf internationalen Konferenzen als Fachmann zum Arabischen Frühling. Die futurezone sprach mit Khan im Rahmen der SIME Stockholm über den Einfluss von Al Jazeera auf die nordafrikanischen Revolutionen, die Zeit nach den Aufständen und den Einfluss auf die Occupy-Bewegung.

Die Frage ist für viele immer noch offen: War es jetzt eine Facebook-Revolution in Nordafrika oder nicht?
Die Leute lieben es, etwas zu etikettieren. Vor ein paar Jahren wurde die philippinische Regierung gestürzt, das Volk hat sich auch via SMS organisiert, und man hat es SMS-Revolution genannt. Es besteht aber kein Zweifel, dass Facebook und Twitter primäre Quellen waren, über die die Menschen erfuhren, was vor sich ging. Es hat vor allem geholfen, Nachrichten in jungen Bevölkerungsschichten zu verbreiten, und das sind die, die mutiger und eher bereit sind, auf die Straße zu gehen.

Beobachter des Arabischen Frühlings wie der Afrika-Experte Ludger Schamonsky sind der Meinung, dass bei den Revolutionen in Ägypten und Tunesien Al Jazeera

wichtiger war als Social Media
. Wie sehen Sie das?
Konventionelles TV ist offensichtlich ein Mechanismus, mit dem die Massen erreicht werden konnten. In fast jedem Café im Nahen Osten läuft ein Fernseher, und üblicherweise ist dort Al Jazeera zu sehen. Das ist der erste Sender, der, bezogen auf seinen Inhalt, nicht zu einer bestimmten Regierung gehört. Es war auch der erste arabische Sender, in dem Israelis vorkamen, vorher hat man die nicht gesehen, weil es bei anderen arabischen Sendern die Regel gab, nicht mit Israel zu reden. Das hat die Dynamik in Nahost verändert, Al Jazeera erreicht in Ländern der Region bis zu 87 Prozent der Bevölkerung. Und genau deswegen war es ein wichtiger Faktor im Arabischen Frühling.

War Al Jazeera also wichtiger als Facebook?
Es ist die Mischung. Ich würde das so vergleichen: Social Media war der Funke, der das Feuer entfacht hat, und Al Jazeera war das Medium, wo man das Feuer brennen sehen konnte.

Ab welchem Zeitpunkt war man sich bei Al Jazeera gewiss, dass es sich nicht um eine kurzweilige Revolte, sondern um eine Revolution mit nachhaltigen Auswirkungen handelte?
Al Jazeera ist, anders als andere Sender, sehr präsent in der Region. Während andere ihre Reporter erst wohin schicken müssen, sind wir schon vor Ort. Sie sprechen die lokale Sprache, haben ein kulturelles Verständnis der Leute. Deswegen haben wir sehr schnell gewusst, dass da etwas Dramatisches passiert. Während viele von den Entwicklungen in Tunesien überrascht waren, wussten unsere Leute bereits, dass es in Ägypten eine riesige Bewegung gab.

Der Arabische Frühling hat scheinbar an Geschwindigkeit verloren. Woran liegt das?
Die Dynamik hat sich verändert. In Tunesien ging es schnell, in Ägypten hat es schon länger gedauert. Gaddafi hat in Libyen bis zum Ende durchgehalten, und in Syrien kann Assad auf die anderen Länder schauen und abwägen, welche Konsequenzen ihm drohen, welche Verbündete er noch hat, etc. Gemeinsam ist aber allen Ländern, dass die Stimme des Volkes lauter ist als jemals zuvor. Deswegen hieß es bei allen Regierungen: Wir müssen die Medien kontrollieren, wir müssen unsere eigenen Leute mobilisieren. Gaddafi hat das gemacht, in Syrien passiert das.

Das Internet abzudrehen, wird offensichtlich als Generallösung angesehen.
Regierungen haben keine Macht mehr über die öffentliche Stimme. Natürlich können sie das Internet abdrehen, aber es ist wie gesagt die Kombination. Selbst wenn das Feuer nicht hell brennt, ist es immer noch da und kann vor der Weltöffentlichkeit nicht versteckt werden. Syrien versucht, die Flamme zu verstecken, aber die Hitze ist immer noch zu spüren. Im Nahen Osten wissen sie, dass sie unter Druck sind und die Medien nicht zurückhalten können. Das betrifft sowohl die alten als auch die neuen Medien.

Nach dem Abgang von Mubarak war die Euphorie groß. Wie aber bewerten Sie die Früchte der Revolution?
Die große Frage ist, wie man jetzt ein Umfeld schafft, in dem junge Leute lernen, was gutes Regieren bedeutet. Sie kennen aber nur Diktatur und eine starke Führungsfigur. Der Frühling muss ein Ende haben und sich weiterentwickeln. Bis dato sieht man keine Stabilität oder ein Mehr an Demokratie, niemand weiß, wer das Land führen soll. In genau solchen Situationen sind auch Gadaffi und Mugabe gekommen, als die alten Herrscher fielen. Und ise sind länger geblieben als die vorherigen “bad guys”.

Was ist realistischer in Ägypten: Echte Demokratie oder ein Rückfall in alte Regime-Strukturen?
In Ägypten gibt es eine stärkere Kutlur der öffentlichen Debatte als in anderen Ländern der arabischen Welt. Aber die Gefahr besteht, dass die alten, reichen Eliten wieder die Macht übernehmen und das Land dorthin zurückbringen, wo es vor der Revolution war. Es muss sich eine breite Mittelschicht zwischen den wenigen Reichen und vielen Armen entwickeln, die die demokratischen Institutionen tragen.

Ist die Revolutionsbewegung eine regionale, oder gibt es Verbindungen etwa zur Occupy-Bewegung in westlichen Ländern?
Occupy Wall Street hat natürlich andere Ursachen und Ziele, aber der Mechanismus ist der selbe. Die Revolution wurde in gewisser Weise exportiert. Social Media wird genutzt, um etwas in Gang zu bringen, und konventionelle Medien sorgen dafür, dass das Feuer weiter brennt. Ein Problem ist aber überall das selbe, es wird zu wenig darüber nachgedacht, was nach der Revolution passiert, wie man verhindert, in alte Strukturen zurückzufallen. Es fehlt an moralischen Führern.

Themenwechsel: Social Media spielt bei Al Jazeera eine immer größere Rolle. Wie geht man mit User Generated Content um?
Das Gute ist dass man heute kaum etwas mehr verbergen kann, jedes handy hat eine Kamera. Und es gibt eine Masse an Leuten da draußen, die diesen Content verifizieren können. Al Jazeera betreibt viel Crowdsourcing, wenn es darum geht, herauszufinden, ob eine Story richtig ist oder nicht.

Wie garantiert Al Jazeera selbst, als unabhängig wahrgenommen zu werden? Der Sender baut ja auf Geldern aus Qatar auf.
Die britische Regierung sammelt ja auch Geld für den Betrieb der BBC, Al Jazeera ist in der selben Situation. Aber die qatarische Regierung ist sehr strikt darin, sich aus der Berichterstattung herauszuhalten. Es gibt dabei folgenden Effekt: Journalisten sind sehr vorsichtig dabei, etwas über Qatar zu berichten, etwa über wirtschaftliche Erfolge, was manchmal schade ist.

Kürzlich ist Al-Jazeera-Chef Wadah Khanfar zurückgetreten und wurde durch ein Mitglied der qatarischen Königsfamilie ersetzt. Das wirft ein schiefes Licht.
Sheikh Ahmed ist ein Business-Mann. Bis jetzt wurde der Sender hauptsächlich von Journalisten geführt, und die sind immer eher Mikro-Manager. Ich glaube deswegen nicht, dass es eine schlechte Entscheidung ist, wenn sich einer die Ausgaben und Prozesse genauer ansieht. Bis jetzt sind wir ja mit Volldampf voraus gefahren.

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