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Reguliert

Preisobergrenze bei EU-Daten-Roaming zahnlos

Durchschnittlich werden innerhalb Europas aktuell 2,65 Euro für ein Megabyte bezahlt. Wer keine Spezialtarife oder Sonderpakte wählt, kann sogar mit bis zu zwölf Euro/MB kalkulieren. Seitens der EU gab es diesbezüglich nur eine Verordnung: Eine Info-SMS muss an Kunden geschickt werden, wenn Kosten von 50 Euro erreicht sind. Wer weitersurfen will, muss dies bestätigen, was vor allem Urlauber vor extremen Rechnungen bewahren soll. Neelie Kroes, die zuständige EU-Kommissarin, will nun auch die Preise deutlich reduzieren, damit sich die mobile Gesellschaft mit Notebook und Smartphone besser entwickeln kann.

Mit dem neuen Vorstoß der EU werden nun erstmals Preisobergrenzen für Konsumenten eingeführt. Bislang gab es nur Limits für Abrechnungen zwischen den Netzbetreibern. Die fallenden Obergrenzen bei den Großhandelspreisen haben sich bislang jedoch nicht auf die Tarife ausgewirkt. Ein Umstand, den Drei CEO, Jan Trionow gegenüber der futurezone anspricht: „Drei unterstützt die Kommission in ihrem Ziel, die Roaming-Preise weiter an das inländische Preisniveau anzugleichen. Drei ist jedoch der Auffassung, dass die vorgeschlagenen Maßnahmen erst dann richtig greifen, wenn die Großhandelspreise für Datenroaming deutlich niedriger als von der Kommission vorgeschlagen festgesetzt werden.“

Maximal 60 Cent pro Megabyte bleiben teuer
Trotz der Auffassungsunterschiede hinter den Geschäftskulissen soll laut dem EU-Vorschlag der momentane Durchschnittspreis in den kommenden Jahren auf ein Fünftel gesenkt werden. Die Regulierung sieht vor, dass ab 2012 ein Megabyte nicht mehr als 1,08 Euro kosten darf. Ab 2014 wird das Preislimit auf circa 60 Cent/MB abgesenkt.

Bei genauerer Betrachtung zeigt sich die Obergrenze aber als sehr kulant gegenüber den Mobilfunkern. Denn: Durchschnittlich werden von einem Smartphone-Nutzer in einem Monat rund 400 MB verbraucht. Ausgehend von diesem Wert käme dann eine Urlaubswoche mit regulärer Smartphone-Nutzung im EU-Ausland auf 100 Euro beziehungsweise ab 2014 auf 60 Euro.

Urlaubstarife und Roamingpakete in Österreich bereits jetzt günstiger
Vergleicht man dies mit jenen optionalen Spezial-Pakten und Urlaubs-Flatrates, die vor dem Sommer eingeführt wurden (

), wirkt der EU-Preis geradezu hoch. So bekommt man bei A1 ein Auslandspaket mit 100 MB für 20 Euro, bei Drei kostet ein ähnliches Angebot 24 Euro. Bei T-Mobile, das ein Flatrate-Prinzip anbietet, kostet eine Woche 20 Euro. Orange, das aktuell die günstigen Auslandstarife anbietet, verlangt für 250MB 15 Euro – für jedes weitere Megabyte werden 30 Cent verlangt. Somit ist man bereits jetzt mit den optionalen Datenpakten günstiger unterwegs als mit jenen Tarifen, die die EU ab 2014 anpeilt. Der größte Nutzen der Preisobergrenze ist somit, dass jene ohne Zusatztarif seltener in die Kostenfalle tappen werden.

EU solle sich lieber um Sprit- und Strompreise kümmern
Michael Krammer, CEO von Orange, steht dem neuen EU-Vorstoß daher auch besonders kritisch gegenüber. "Orange liegt mit den derzeit günstigsten Datenroamingpaketen Österreichs bereits weit unter der geforderten EU-Obergrenze. Da Datenroaming in erster Linie für Businesskunden und EU-Abgeordnete relevant ist, würde es Orange sehr begrüßen, wenn die EU sich stärker Preisentwicklungen annehmen würde, welche Konsumenten tatsächlich am Herzen liegen: wie z.B. Strom-, Gas- und Spritpreisen“, sagt Krammer gegenüber der futurezone.

Auch T-Mobile sieht die Eingriffe skeptisch und überholt. "Wir als T-Mobile und Teil der Deutschen Telekom haben nie an die Notwendigkeit einer Regulierung geglaubt, da der Mobilfunkmarkt sich aufgrund des starken Wettbewerbes selbst reguliert. Der beste Beweis dafür ist der heimische Markt und unsere kürzlich vorgestellten Roamingpässe“, sagt CEO Robert Chvátal zur futurezone.

Mehr Wettbewerb durch Freiheiten bei Wahl des Roaming-Netzes
Um für mehr Wettbewerb zu sorgen, soll es laut EU-Papier Kunden weiters möglich sein, im Ausland auf einen anderen Mobilfunker umzusteigen und dabei die Rufnummer temporär mitzunehmen. Kunden sollen ohne Einschränkungen, zusätzliche Gebühren und Hürden im Ausland den Roaming-Anbieter frei wählen dürfen.und hierfür zusätzlich zum heimischen Vertrag für die Handy-Nutzung im EU-Ausland Verträge mit fremden Mobilfunkern abschließen können. Die Kommission erhofft sich hierdurch eine härtere Konkurrenz und in Folge sinkende Preise sowie innovative Produkte und Lösungen."Wir begrüßen den neuen Roaming-Vorschlag der EU-Kommission, der für die gesamte Branche ein richtungsweisendes Signal für freien Wettbewerb und gegen eine starre Preisregulierung setzt. Der Vorschlag, Roaming unabhängig vom jeweils heimischen Mobilfunkanbieter als eigenständiges Auslandsservices zu etablieren, wird Roaming mehr denn je zu einem wettbewerbsgetriebenen Geschäft machen. Von dem neuen Ansatz werden daher die Kunden durch die Möglichkeit zu wählen, stark profitieren", sagt Hannes Ametsreiter, Genraldirektor Telekom Austria Group.

Konsumentenschützer kritisieren hingegen die Idee und zweifeln die Nutzerfreundlichkeit und Logik hinter dem Vorstoß an. Kunden müssten sich vorab informieren und dann aktiv einen Roaming-Anbieter wählen. Ein kompliziertes Prozedere, das wohl viele verwirren wird.

Ab 2016 keine Regulierung mehr
Die Daten-Roaming-Initiative soll der letzte regulatorische Eingriff sein. Ab 2016 – hier läuft die Verordnung aus  - sollen sich laut Vorstellungen der Kommission nationale wie EU-weite Tarife angeglichen haben. Smartphone- und Notebook-Nutzer sollen spätestens dann uneingeschränkte Mobilität genießen, da sie im In- und Ausland exakt dasselbe zahlen und keine Angst vor Horror-Rechnungen haben müssen. Damit die neue Regulierung in Kraft treten kann, bedarf es der Zustimmung des Europäischen Parlaments sowie der EU-Mitgliedsstaaten. Experten gehen jedoch aus, dass keine der beiden Einrichtungen die Umsetzung behindern wird.

Auch Kosten für Telefonie und SMS werden gesenkt
Mit 1. Juli traten erst kürzlich neue Maximal-Preise für Sprache und SMS in Kraft. Parallel zu den Daten-Tarifen sollen nun abermals die Telefonie- und SMS-Kosten gesenkt werden. Aktuell werden 42 Cent/Minute für aktive Telefonate verrechnet. Ab Sommer 2012 sollen Gespräche innerhalb der EU maximal 38 Cent, ab Sommer 2014 maximal 29 Cent/Minute kosten – eine Betrag, der dem durchschnittlichen Gesprächstarif aller EU-Länder entspricht. Gesenkt, wenn auch nur gering, wurden auch die Kosten von eingehende Anrufen sowie von SMS-Versand: Eingehende Anrufe im Ausland sollen ab 2013 maximal zwölf Cent/Minute kosten – bislang werden rund 13 Cent verrechnet. SMS werden ab 2012 ebenfalls von 13 auf zwölf Cent/Minuten gesenkt.

Außerhalb der EU bleibt es teuer
Teuer wird es jedoch weiterhin außerhalb der EU bleiben. In beliebten Destinationen wie Kroatien oder der Türkei bleibt Daten-Roaming und Sprachtelefonie ein teures Unterfangen. Wie die Arbeiterkammer vorrechnet, zahlt man für Gespräche von Kroatien nach Österreich bis zu 1,70 Euro/Minute, von der Türkei nach Österreich bis zu 2,50 Euro/Minute. Für ein Megabyte fallen Kosten von rund 15 Euro an.

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Benjamin Sterbenz

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