Sascha Lobo sorgt sich um das Internet

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Medientage
09/17/2014

Sascha Lobo: USA töten auf Basis von Datenanalysen

Sascha Lobo kritisiert bei seinem Vortrag bei den Medientagen in Wien die zunehmende Überwachung in der digitalen Welt.

von Markus Keßler

Überwachung ist das Geschäftsmodell des Internets.” Dieses Zitat des US-Sicherheitsexperten Bruce Schneier stellt der Publizist Sascha Lobo an den Anfang seines Vortrags “Die digitale Illusion: Wie kaputt ist das Internet? Wie kaputt macht das Internet?” bei den Medientagen in Wien. Laut Lobo wird heute im Netz standardmäßig alles überwacht. Firmen und Behörden beobachten jeden Schritt, den User im Internet machen. Mittlerweile werde auch das Verhalten außerhalb der digitalen Sphäre wie selbstverständlich vermessen, sagt Lobo: “Google hat bereits angekündigt, die Besuche von Kunden in realen Geschäften mit in seine Werbe-Erfolgsmessungen miteinzubeziehen. Mit dem Projekt ‘Blue Dot’ kann das Unternehmen die Bewegung von Personen in Gebäuden schon längst nachvollziehen.”

Die Analyse von Verhaltensmustern nutzen Unternehmen, um auf künftiges Verhalten zu schließen. Lobo bringt diesen Trend mit Norbert Wiener in Verbindung, der im zweiten Weltkrieg Algorithmen schrieb, um das Verhalten von Piloten zu analysieren. So wollte er die Flugbahn deutscher Kampfflieger vorhersehen und sie so für britische Abwehrgeschütze verwundbar machen. Ähnliche Techniken werden heute auf das Verhalten von Menschen angewendet. “Viele Menschen glauben tatsächlich, dass man aus der Vergangenheit auf die Zukunft schließen kann. Das ist gefährlich. Der US-General Michael Hayden hat vor kurzem bei einer Anhörung zugegeben, dass die USA Menschen auf Basis solcher Verhaltensanalysen umbringen. Überschreitet die Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei einer Person um einen Terroristen handelt, einen gewissen Wert, wird sie exekutiert - und das oftt auf Basis der Auswertung von SIM-Karten und anderen digitalen Spuren”, so Lobo.

"Plattform Kapitalismus"

Solche “Paterns of Life”-Analysen werden laut Lobo auch im Marketing-Bereich routinemäßig angewendet. “Werbung hat sich zu einer Überwachungsdisziplin gewandelt. Eine Werbe-Fachfrau hat kürzlich gesagt, dass sie Big Data verwenden will, um herauszufinden, wann Frauen sich besonders hässlich fühlen, um ihnen dann Kosmetika zu verkaufen”, so Lobo. Die Medien spielen hierbei eine wichtige Rolle. “Es kann nicht Aufgabe der Medien sein, Inhalte zu produzieren, um Leute für die Werbeindustrie zu locken. Stattdessen sollten sie gegen diese Entwicklungen ankämpfen”, so Lobo.

In einer “sozialen Datenwirtschaft” geht der Trend aber in Richtung Ausweitung der Verhaltensauswertung. “Das ‘sozial’ bezieht sich hier nur auf die Daten, nicht auf die Wirtschaft. Plattformen wie Amazon arbeiten daran, dass die Leute sich daran gewöhnen, ihre Konsumdaten mit anderen zu teilen. Facebook hat eine Bankenlizenz in Irland beantragt, um an die Finanzdaten der Menschen zu kommen. So werden die Konsumdaten immer mehr mit sozialen Daten verknüpft”, erklärt Lobo. Das führt, wenn die Entwicklung weitergeht, zu einer neuen Wirtschaftsform. Lobo nennt diese “Plattform-Kapitalismus”: “Wenn die Angebotsabgabe extrem vereinfacht und die Nachfrage versteigert wird, wie das Internetkonzerne schon lange tun, hat das weitreichende Konsequenzen. Dann machen Amateure den Profis Konkurrenz und die Preise verfallen. Das ist etwa den Medien im Kampf um die Aufmerksamkeit passiert. Google hat die Plattform für Werbung geschaffen und die Preise sind in den Keller gefallen, weil auch Amateure Werbeplatz anbieten”, erklärt der Publizist.

Preisverfall

Die vielzitierte Sharing-Economy sieht Lobo ebenfalls als Teil des Plattform-Kapitalismus. Hier sieht Lobo den Faktor Arbeit als kritischen Punkt. Erst wenn Sharing-Plattformen Arbeit vermitteln, wird es für den Überwachungs-Kritiker brenzlig. "Bei Uber etwa, drücken Amateure mit ihrer Artbeitsleistung die Preise der Profis. Bei Car2Go ist das nicht der Fall, hier wird nur das Auto gestellt”, sagt Lobo. Weitere Zeichen des Plattform-Kapitalismus hat Lobo ebenfalls bereits definiert. So hat sich die Aufmerksamkeit der Kunden von Hardware über Software zur Vernetzung hin verschoben. “Android-Handys sehen alle gleich aus. Es geht den Kunden um die vernetzte Software. In Zukunft könnten etwa auch Autos nach dem Software-Ökosystem ausgewählt werden”, so Lobo. Hand in Hand damit geht die Entwicklung vom Produkt zur Dienstleistung. Im Internet werd versucht, alles auf Services auszulegen. Wo früher Computerspiele verkauft wurden, werden heute beispielsweise In-Game-Käufe als Geschäftsmodell angewandt.

“Der Einsatz von Überwachung und Kontrolle vervollständigt diese Entwicklung. Schon heute messen Autos, wie die Menschen fahren und Zahnbürsten, wie gut sie ihre Zähne reinigen. Das kann sich in Zukunft auf Versicherungsprämien auswirken”, so Lobo. Die Grenzen dessen, was erfasst wird, sind dabei fließend. “In den USA gibt es eine Plattform, auf der Geschlechtskrankheiten erfasst, verifiziert und geteilt werden können. Apples neue Uhr misst Temperatur, Puls und Sauerstoffgehalt des Bluts und der Konzern hat bereits weitere medizinische Sensoren - etwa zur Blutzuckermessung - angekündigt. Gesundheitsdaten sind also das nächste Ziel der Wirtschaft”, so Lobo.

Wenn der Datensammelwut kein Riegel vorgeschoben wird, werde bald alles, was technisch machbar ist, erfasst, erklärt Lobo: “Nur ein gesellschaftlicher Nachdenkprozess kann hier helfen. Wir müssen auf europäischer Ebene eine Ethik der Vernetzung entwickeln, auf Basis derer wwir analysieren können, was passiert und was wir wollen. Erst dann macht es Sinn, entsprechende Gesetze zu formulieren, die die Richtung vorgeben”.

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