Netzpolitik
19.11.2018

Umstrittener AMS-Algorithmus teilt Arbeitslose ab sofort in Kategorien ein

Für AMS-Mitarbeiter ist die Einteilung der Kunden in A, B und C-Segmente durch einen Algorithmus sichtbar.

Das Arbeitsmarktservice ( AMS) zeigt ab sofort den Mitarbeitern per Computer die Arbeitsmarktchancen von ihren Kunden an, wenn diese bei ihnen vorstellig werden. Wer sich beim AMS meldet, wird von einem Programm nach Kriterien, die teilweise transparent veröffentlicht worden wird, bewertet und eingeteilt. Im Segment A befinden sich Personen mit sehr guten Integrationschancen ohne Unterstützungsbedarf, im Segment B die Personen mit mittleren Integrationschancen, die „notwendige Unterstützung“ bekommen sollen, und im Segment C die Personen mit „geringen Integrationschancen“ in den Arbeitsmarkt. Konkrete Auswirkungen hat das allerdings erst ab 2020.

Neben zahlreichen Experten aus Informatik und Wirtschaftswissenschaften, sieht aber auch die Stadt Wien dieses neue System als kritisch, vor allem nachdem bereits die ersten Zahlen der Einteilung bekannt geworden sind. In Wien fallen etwa 3.800 Personen (rund drei Prozent der Arbeitslosen) in das Segment A. 53 Prozent der Arbeitslosen, bzw. etwa 74.000 Personen, wären im Segment B einzuordnen und 61.000 Personen, (44 Prozent) der Arbeitslosen, würden laut derzeitigem Stand unter Segment C fallen, heißt es seitens der Stadt Wien. "Die von der Stadt Wien kolportierten Zahlen sind überholt", sagte Beate Sprenger, Pressesprecherin des AMS, auf futurezone-Anfrage. Auch bisher habe es eine Segmentierung der arbeitslosen Kunden beim AMS gegeben. Dies sei bisher "rein nach vermutetem Betreuungsbedarf" geschehen, heißt es weiters.

Was bedeutet das für die Schwächsten?

Die Gemeinde Wien wirft nun dem Sozialministerium vor, die Arbeitsvermittlung für diese Gruppe stark einzuschränken. Zudem vermisst die Stadt „klare Anweisungen“ für die AMS-Mitarbeiter, wie sie mit der neuen Einordnung umzugehen haben. Die Segmentierung im Arbeitsmarktservice könnte „schwerwiegende Folgen“ für den Wiener Arbeitsmarkt haben, wird in einem Brief an Sozialministerin Beate Hartinger-Klein ( FPÖ) gewarnt. Befürchtet wird, dass vor allem Langzeitarbeitslose kaum mehr in den Jobmarkt finden.

Konkrete Aussagen, was mit der großen Personengruppe in Segment C passieren wird, gibt es bisher nämlich keine. AMS-Vorstand Johannes Kopf weist in einem Gastkommentar im „Standard“ darauf hin, dass zumindest in diesem Bereich derzeit ein „völlig neues, externes Betreuungsangebot“ entwickelt werde, das etwa auf Gesundheitsförderungen, Selbstvertrauen stärken und Einzelcoachings setze. Damit soll es möglich werden, dass „wenigstens ein Viertel“ der Personen, die an so einem Programm teilnehmen, wieder bessere Arbeitschancen bekommen.

Wie hoch die Fördermittel für das Programm sind und wie Personen aus dem Segment C in ein solches kommen werden, weiß man derzeit nicht. Das AMS hat diese Frage auch der futurezone nicht beantwortet. Man will nur so viel verraten: 2019 soll sich noch nichts ändern: "Sämtliche Förderinstrumente stehen auch 2019 weiterhin allen Jobsuchenden nach Maßgabe der Beraterentscheidung und der Benachteiligung der Jobsuchenden am Arbeitsmarkt offen. Zusätzlich werden 2019 die neuen, bereits erfolgreich pilotierten Dienstleistungen Perspektivencheck und die neuen Beratungs- und Betreuungseinrichtungen auf ganz Österreich ausgeweitet, um sie ab 2020 auch flächendeckend anbieten zu können."

"In der Schublade gelandet"

Die Gemeinde Wien sieht die Einordnung in „drei Klassen“ von Arbeitslosen, die vor allem Menschen mit Behinderungen, Frauen (mit und ohne Betreuungspflichten) und ältere Menschen (ab 45 Jahren) treffen würde. Kürzungen der Fördermaßnahmen würden hier weiter dazu führen, dass die schon jetzt niedrigen Vermittlungschancen für diese Personen weiter sinken würden, so die Argumente der Stadträte von Wien.

Auch die Arbeitsmarktsprecherin der Grünen Wien, Barbara Huemer, kritisiert das Vorgehen der Bundesregierung. „Einmal in der Schublade der „aufgegebenen Fälle“ gelandet, ist der Zugang zu qualitätsvollen Förderungen schwierig und die Chancen wieder Tritt zu fassen sinken. Damit droht ein, durch Computer-Algorithmen stabilisierter Teufelskreis, aus dem es kaum mehr ein Entrinnen gibt“, sagt Huemer.

Unterschiede Frau vs. Mann

Die Einteilung in A, B und C wird anhand verschiedener Kriterien getroffen. Dabei spielt etwa auch der Wohnort eine Rolle, ebenso wie die Tatsache, ob man eine Frau oder ein Mann ist, ebenso wie Betreuungspflichten – diese zählen allerdings nur bei Frauen. Auch für gesundheitliche Beeinträchtigungen werden als Kriterium herangezogen. Vor dieser Einteilung warnt, neben Experten der TU Wien und WU Wien, auch Maria Rösslhumer, Geschäftsführerin des Vereins Autonome Frauenhäuser. „Es wird unterstellt, dass es sich bei Frauen oder Alleinerziehenden um eine homogene Bevölkerungsgruppe handelt“, sagt Rösslhumer. „Es ist außerdem anzunehmen, dass das Programm nicht fehlerfrei arbeiten wird.“ Derzeit liegt die Fehlerquote des Programms etwa bei 15 Prozent. Das wären etwa 50.000 Personen pro Jahr, die in einer falschen Kategorie landen. „Der AMS-Algorithmus ist aus unserer Sicht frauen- und menschenverachtend.“

„Arbeitslose brauchen kein vom Computer vergebenes unpersönliches Etikett. Sie brauchen individuell maßgeschneiderte und gemeinsam entwickelte Angebote. Sie brauchen die Vermittlung von Zuversicht und echte Aussichten auf Verbesserung ihrer Lage. Sie brauchen Wertschätzung und das Wissen, einen wertvollen Beitrag für das gesellschaftliche Leben leisten zu können“, sagt etwa Huemer von den Grünen.

Zuvor hatten bereits zahlreiche Experten die Einführung des Algorithmus kritisiert. Zwar sollen die Modelle „laufend angepasst“ werden, aber trotzdem werden dadurch gesellschaftliche Werte und Ansichten festgeschrieben. „Man zurrt damit ein System fest, das bestimmt, welche Chancen man hat, bevor man auf den Arbeitsmarkt kommt“, warnte etwa der WU-Forscher Ben Wagner.

AMS-Vorstand Kopf versprach in seinem Kommentar, dass man mit der Einführung des neuen Systems „sehr behutsam“ umgehen würde. 2019 werde das „Jahr des Ausprobierens, der Evaluierung und der Qualitätssicherung“. "Für die Dienstleistungen, Ziele, Budgetverteilung und auch Fördermöglichkeiten im Jahr 2019 hat die errechnete Arbeitsmarktchance und die Zuordnung zu den drei KundInnengruppen keine Relevanz. Konkrete Regelungen dafür werden erarbeitet und später in Kraft gesetzt", heißt es auf futurezone-Anfrage seitens des AMS.

Forscher warnten bereits davor, dass Menschen häufig den Entscheidungen von Computerprogrammen folgen würden. Wenn die Einteilung in die Segmente also bereits jetzt angezeigt wird, wird es auch bereits vom Computerprogramm verursachte Auswirkungen geben. Ab sofort sind die Kunden, die in die für AMS-Mitarbeiter sichtbare Segmente zugeteilt werden, also Versuchskaninchen.

Hier geht es zu der futurezone-Serie:
Teil 1: Der AMS-Algorithmus ist ein „Paradebeispiel für Diskriminierung“
Teil 2: Warum Menschen Entscheidungen von Computerprogrammen nur selten widersprechen
Teil 3:
Wie ihr euch gegen den AMS-Algorithmus wehren könnt
Teil 4: Wo Algorithmen bereits versagt haben

Interview: AMS-Chef: "Mitarbeiter schätzen Jobchancen pessimistischer ein als der Algorithmus"