Netzpolitik
03.04.2017

Welche Daten vernetzte Autos auslesen

Vernetzte Autos sind bereits mit zahlreichen Sensoren ausgestattet und sammeln Daten. Dazu braucht es künftig klarere Regeln, so Big-Data-Experte Viktor Mayer-Schönberger.

„Unsere Untersuchungen haben gezeigt, dass es manchen Herstellern sogar möglich ist, den Ladezyklus bei E-Autos aus der Ferne zu unterbrechen“, erklärt Oliver Schmerold, ÖAMTC-Verbandsdirektor, bei einem Pressegespräch am Freitag. Außerdem auslesbar sind heutzutage bei einigen Automarken Informationen, wie schnell man gefahren ist, welche Musik man gehört hat, wie oft Fahrerassistenzsysteme eingegriffen haben oder wie viele Personen im Auto angegurtet waren.

Zustimmung per Kaufvertrag

Schmerold, der auch bereits mit der futurezone zu diesem Thema gesprochen hat, sagt dazu: „Sogar wie oft eine DVD ins Laufwerk geschoben wird, wird ausgelesen. Ich frage mich, wozu muss der Hersteller das wissen?“ Andere Autohersteller würden zudem alle gesammelten Daten in einem zwei-Minuten-Intervall automatisch und in Echtzeit an den Hersteller übertragen. Connected Car-Kunden der unterschiedlichsten Automarken unterschreiben die Zustimmung der Nutzung dieser Daten mit dem Kaufvertrag. Es geht entweder: Alles oder nichts. Wer unterschreibt, stimmt zu, dass die Daten dem Auto-Hersteller gehören und er sie auch nutzen darf.

Laut Schmerold argumentieren die Auto-Hersteller damit, dass die Kunden Wahlfreiheit beim Autokauf haben und sich jederzeit für einen anderen Auto-Hersteller entscheiden könnten. Der ÖAMTC fordert hingegen die Wahlfreiheit des Konsumenten bei der Datennutzung. „Fahrzeugdaten sind in hohem Maße personalisiert. Mit wenigen Algorithmen kann ausgelesen werden, wer in einem Fahrzeug gesessen ist“, so Schmerold.

Freie Servicewahl bei Werkstätten

Neben der Wahlfreiheit für Konsumenten fordert der Autofahrerclub auch eine Recht auf freie Servicewahl bei den Werkstätten. Autohersteller von Connected Cars bestimmen immer häufiger, dass die Fahrzeuge nur noch in teureren Vertragswerkstätten repariert werden können. „Die gesetzlichen Regelungen zur Datensammlung bei Autos stecken im Gegensatz zur technischen Reife noch in den Kinderschuhen“, so Schmerold.

Der Big-Data-Experte Viktor Mayer-Schönberger von der Oxford University hingegen sieht in der Datenvielfalt prinzipiell mehr Chancen als Risiken. „Es ist immer besser, mehr zu wissen, als weniger und wir müssen Big Data als Chance verstehen, um bessere Entscheidungen treffen zu können.“ So könne man etwa an einer Stelle, an der besonders viele Unfälle vorkommen, sich den Straßenabschnitt in Kombination mit den Fahrzeugdaten genauer ansehen und analysieren, unter welchen Bedingungen das Fahren besonders gefährlich sei, so Schönberger. „Es ist wichtig, Daten nicht nur zu sammeln, sondern diese auch verantwortungsvoll zu nutzen.“

Pilotprojekt für Vorhersage

Der ÖAMTC testet laut Schmerold gerade in einem Pilotprojekt, ob man Pannen anhand von bestimmten Algorithmen vorhersehen kann. „Das würde dann dazu führen, dass ein Auto nicht gerade dann liegen bleibt, wenn man vollbesetzt mit seiner Familie auf Urlaub fährt, sondern es bereits vorher entsprechend gewartet wird“, sagt der ÖAMTC-Verbandschef.

Derzeit läuft zudem ein Match zwischen Autoherstellern und Zulieferern um die Herrschaft über die Daten. „Es ist unklar, wie dieses Spiel ausgehen wird. Wir werden auf jeden Fall hier noch viele Innovationen sehen. Ich glaube nicht, dass die Dystopien Zukunft werden“, sagt Schönberger. Natürlich würden die Autohersteller derzeit versuchen, die Daten in ihrer Hoheit zu halten, aber „Interessensvertreter müssen bei Politikern lobbyieren, um das zu ändern. Es ist keineswegs gesagt, dass sich die Autohersteller am Ende durchsetzen werden.“

Standardvertragsklauseln

Viele der Probleme kenne man zudem bereits aus anderen Branchen. „Im Konsumentenschutz gibt es beispielsweise Klauseln, die in Standardverträgen verboten sind und unterbunden werden. Dasselbe wird auch bei Verträgen im Auto passieren“, schätzt Mayer-Schönberger. Zudem wären Autohersteller gut darin beraten, von sich aus für mehr Transparenz bei der Datennutzung zu sorgen. „Nur so können sie das Vertrauen in ihre Produkte erhalten.“

Der Experte fordert hier zudem, dass die Hersteller zu sogenannten Risiko-Assessments verpflichtet werden sollen. „Die Algorithmen gehören von unabhängigen Stellen überprüft. Hier sollte es Test- und Regulierungsverfahren geben.“ Mayer-Schönberger unterstützt zudem generell die Forderungen des Autofahrerclubs ÖAMTC und fügt hinzu: „Wir müssen alle von den Daten profitieren können.“