Netzpolitik
21.10.2017

Wie China Jugendliche über soziale Medien manipuliert

Virale Propaganda, Big Brother und Zensur: Das chinesische Regime investiert Millionen, um das Internet und seine jungen User zu kontrollieren.

China. Die Jungen hören amerikanische Popmusik, schauen amerikanische Serien, amerikanische Filme. Dem chinesischen Regime ist das ein Dorn im Auge. Denn die US-amerikanische Popkultur vermittelt Werte wie Liberalismus, Eigenverantwortung und die Freiheit des Einzelnen. Werte, von denen sich viele junge Chinesen begeistern lassen.

Eine Studie, die 2007 durchgeführt wurde, zeigte, dass Studierende, die sowohl über das chinesische als auch über das amerikanische System gut informiert sind, das amerikanische System präferieren. Das könnte auch mit Chinas Konjunktur zu tun haben, die nicht mehr so rasant ansteigt wie in der Vergangenheit. Junge Chinesen sind ein Leben in einer boomenden Wirtschaft gewohnt. Dies könnte sich nun langsam ändern.

Unkonventionelle Propaganda

Konventionelle Propaganda funktioniert also nicht. Zumindest nicht bei den chinesischen Millenials. Das Regime hat erkannt, dass es seine Strategie anpassen muss und gründete bereits 2013 eine eigene Regierungseinheit, die sich mit „unconventional security threats“ befasst.

Eines der Hauptthemen der Einheit: Westliche Popkultur. Serien wie Big Bang Theory, eine Comedy-Serie mit kaum politischem Subtext, werden verboten. 2015 wurden Lehrmaterialen verboten, die westliche Werte vermitteln. Über Jahre hinweg investierte das Regime Millionen in eine Art von Propaganda, die rein das Ziel hat, Menschen auf sozialen Medien zu erreichen: Virale Propaganda.

Propaganda, die zum Internet-Hit werden soll

Es sind Batman, Spiderman und Superman, die plötzlich zur Erklärung des neuen Sicherheitsgesetzes gezeigt werden; singende Comicfiguren, die den neuen Fünfjahresplan bewerben. Virale Propaganda nutzt Elemente aus (nicht nur ausschließlich westlicher) Popkultur, um ein positives Bild vom Handeln des Regimes zu vermitteln. Dabei spielt Verniedlichung eine große Rolle. Christian Göbel, Professor für Sinologie an der Universität Wien, identifiziert einfache, leicht einprägsame Melodien und einen comichaften Stil als immer wiederkehrende Elemente in den Videos.

Produziert werden viele Propagandavideos von journalistischen Betrieben wie „CCTV“, dem Fernsehsender der Volksrepublik. „Für die chinesische Regierung ist Propaganda und Journalismus ein und dasselbe“, sagt Göbel. Seit der Machtübernahme von Präsident Xi Jinping ist der Einfluss auf journalistische Inhalte stark gestiegen. Kein Beitrag wird veröffentlicht, ohne dass er zuvor überprüft wird, vieles wird in Auftrag gegeben.

Steuerung von Information

In China sind hierzulande bekannte soziale Medien wie Facebook, Twitter und andere gesperrt. Stattdessen gibt es für das chinesische Publikum eigens geschaffene soziale Medien, die stark von der chinesischen Führung reguliert werden. Die kurzen Clips werden auf Videoplattformen wie „youku“ und „todou“ geteilt. Universitätsprofessor Christian Göbel merkt an, dass zwischen Innen- und Außenpropaganda zu unterscheiden ist. Zwar wird auch bei Innenpropaganda die englische Sprache instrumentalisiert, allerdings werden in dem Fall Untertitel beigefügt, um eine breite chinesische Masse anzusprechen. Da YouTube und Co. in China nicht verfügbar sind, seien offiziell aufrufbare Videos auf diesen Plattformen immer zur Außenpropaganda gedacht.

Kritische Stimmen auf sozialen Medien sollen möglichst zum Schweigen gebracht werden. Laut einer Harvard-Studie soll einer von 178 Social Media Posts von Personen geschaffen sein, die mit der Führung in Verbindung stehen und über diese positiv berichten. Chinesische Regierungsbeamte sollen Pro-Regime-Posts fabrizieren. Der Sinn ist nicht, mit Kritikern eine Konversation zu führen, sondern eher, eine Überflutung zu schaffen, sodass negative Posts untergehen und insgesamt eine Pro-Regime Stimmung herrscht.

Zusätzlich wurde 2013 das „Anti-Rumour-Law“ verabschiedet, welches das „Gerüchte“ (also auch möglicherweise negative Äußerungen) verbreiten strafbar macht, wenn diese eine große Gruppe erreichen (z.B. durch Retweets).

Doch laut Göbel würde das nicht heißen, dass das chinesische Internet abgeschottet bleiben könne. Selbst, wenn dies technisch möglich wäre und andere politische Einstellungen die Bevölkerung nicht mehr erreichen könnten, wäre dies nicht die Intention. Plattformen wie Google Scholar und Github seien Wirtschaftsfaktoren. Sie enthalten Informationen, die genutzt werden könnten, um Verkaufszahlen zu generieren. Somit sei es letztlich das chinesische Ziel, zwar Informationen ins Land zu lassen, allerdings in kontrollierter Form.

Inszenierung als unerreichbare Elite

Göbel vergleicht die Inszenierung der Regierung mit einem Theaterstück. Jegliches Handeln sei klar vorbereitet, Interviews würden vorher eingereicht werden, es gebe so etwas wie Klatsch und Tratsch in den Medien nicht. Das Regime stelle sich fast schon als gottgleich dar, so Göbel. Das habe den Effekt, möglicherweise größer zu erscheinen, als es tatsächlich sei.

Donald Trump und die Demokratie

Die Studie, die besagt, dass chinesische Studierende das amerikanische Regierungssystem besser finden als das chinesische, wäre womöglich nach der Wahl Donald Trumps anders ausgefallen, ist Göbel überzeugt. Die Vereinigten Staaten galten lange Zeit als Referenzpunkt für eine Herrschaft durch das Volk. Die Regierung Trump lege die Schwachpunkte eines solchen Systems offen. „Trump hat das Bild der Demokratie geschädigt“, folgert er. Die Propaganda, die teilweise auch gegen die USA gerichtet ist, scheint zumindest in dieser Hinsicht ihre Wirkung zu erzielen.

Ob aber ein negatives Bild von den USA auch bedeutet, dass sich das Bild zum chinesischen Regierungssystem bessert, bleibt allerdings offen. Letztlich ist virale Propaganda ein Phänomen, bei welchem Videos mit einer subjektiven und offensichtlich von der Regierung vorgegeben Nachricht an eine Jugend gesendet werden, die durch die Digitalisierung kritischen Stimmen ausgesetzt ist.