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Interview

"Wir brauchen neue Verwertungsgesellschaften"

"Friede, Freude, Eierkuchen" lautete das Motto der ersten Berliner Loveparade 1989, zu deren Erfindern Dr. Motte zählt. Heute betreibt der DJ, der mit bürgerlichen Namen Matthias Roeingh heißt, auch ein Label und eine Booking-Agentur. Mit der Loveparade, die 2010 in Duisburg mit einem Fiasko endete, hat er seit dem Verkauf der Markenrechte an einen Fitnessstudiobetreiber im Jahr 2005 nichts mehr zu tun. Am 13. Juni ist Dr. Motte beim EU XXL Forum in Wien zu Gast, das sich urheberrechtlichen Fragen rund um Musik, Film und Literatur widmet.

Weder friedlich noch freudig ist das Verhältnis Dr. Mottes mit der deutschen Verwertungsgesellschaft GEMA, die er seit Jahren heftig kritisiert - ob bei Kopiergebühren für DJs oder Tarifen für Clubs. Im Interview mit der futurezone wirbt Dr. Motte für die geplante neue Verwertungsgesellschaft C3S, spricht über Veränderungen im Musikgeschäft durch das Internet und erklärt,  warum MP3s auf der DJ-Kanzel nichts verloren haben.

Sie liegen seit Jahren mit der Verwertungsgesellschaft GEMA im Clinch. Was stört Sie am System GEMA?
Die GEMA will keine Einzeltitelabrechnung, sondern pauschale Abgaben. Es haben auch nur fünf Prozent der Mitglieder ein Stimmrecht. Diese fünf Prozent erhalten 65 Prozent der Einnahmen. Die pauschalen Abgaben begünstigen große Verwerter mit vielen Titeln. Die GEMA ist nur dafür aufgestellt, dass am Ende jene, die schon ein großes Geschäft machen, noch mehr bekommen.

Sind Sie eigentlich noch Mitglied der GEMA?
Ja, denn man kommt aus der GEMA nicht so einfach raus. Es gibt eine Kündigungsfrist von zwei Jahren. Wenn ich heute kündigen würde und ich würde in einem Monat ein neues Stück veröffentlichen, dann wäre das auch GEMA-pflichtig und diese zwei Jahre würden sich um ein weiteres Monat nach hinten verschieben. Damit wäre ich weiterhin Sklave der GEMA.

Was müsste sich bei den Verwertungsgesellschaften ändern?
Es müssten alle Mitglieder eine Stimme haben und nicht nur mitdiskutieren, sondern auch mitbestimmen können. Heute haben 95 Prozent der Mitglieder kein Stimmrecht. Wir haben seit 1933 ein von der NSDAP und Goebbels eingeführtes Urheberrechtsmonopol und das gehört gebrochen. Auch die EU schlägt vor, dass es Pluralität bei der Urheberrechtsverwertung geben muss.

Es braucht also neue Verwertungsgesellschaften?
Auf jeden Fall. Wir brauchen Gesellschaften wie die C3S, die nicht als Verein, sondern als Genossenschaftsmodell aufgebaut werden soll. Man kann seine Musik dort anmelden, kann aber gleichzeitig auch bei anderen Gesellschaften Mitglied sein. Die C3S ist offen. Die GEMA sagt, wenn du bei uns Mitglied bist, darfst du nicht unter freien Lizenzen veröffentlichen. Mit der C3S soll eine Verwertungsgesellschaft im Sinne der Urheber und nicht im Sinne der Verlage und Drittverwerter geschaffen werden. Wir brauchen europaweit eine zusätzliche Institution, ein zusätzliches Angebot.

Könnte man als Kreativer auch überleben, ohne Mitglied einer Verwertungsgesellschaft zu sein?
Am Ende schon. Das Internet bietet sehr viele Möglichkeiten, man kann sehr viel selbst machen. Die großen Strukturen braucht man nicht mehr unbedingt. Man kann im Do-it-Yourself-Verfahren auch Geld verdienen, auch wenn es nicht sehr viel ist. Das Teuerste bei der ganzen Geschichte ist das Marketing.

Sie machen sich auch für GEMA-freie Musik in Clubs stark.
GEMA-freie Musik muss ein Thema sein. Das muss in die Köpfe kommen, um ein Zeichen zu setzen gegen die GEMA, die nur monitär ausgerichtet ist.

Sie haben auch ein Label und eine Booking-Agentur. Wie haben sich die Umwälzungen im Musikbereich durch das Netz auf Ihre Arbeit ausgewirkt?
Es ist nicht schlecht, dass es das Internet gibt, solange es nicht überwacht und ausspioniert wird. Das Internet bietet neue Vertriebswege und Möglichkeiten eine Fanbase aufzubauen. Es gibt eine Fülle von Download-Shops, wo man seine Musik ohne großen Aufwand weltweit anbieten kann. Das hat die Situation verbessert und ist gegenüber früher sicherlich ein Vorteil. Die traditionellen Vertriebswege sind mehr oder weniger zusammengebrochen. Wir entdecken aber gerade, dass sich das auch wieder ändert. Die Leute wollen wieder etwas Haptisches in der Hand halten. Mit der Schallplatte kann man den Künstler festhalten, die MP3 ist ja im ewig gleichaussehnden Handy oder Musik-Player verschwunden.

Spielen Sie eigentlich Vinyl, CDs oder MP3s?
Ich sage den Labels und Künstlern, die mich bemustern und mir Files zum Anhören oder Bewerten schicken, bitte keine MP3s. Schickt mir eine WAV, das hat eine bessere Qualität. MP3s sind ein komprimierte und verschlankte Version des Originals. Man kann sie vielleicht am Musik-Player über einen Kopfhörer hören, da spielt das Körperliche nicht so eine Rolle. Wenn ich aber im Club oder in der Diskothek bin, brauche ich den ganzen Umfang aller Frequenzen, damit ich die Leute zum Tanzen bringen kann. Ich kann entweder eine Schallplatte spielen, die eingefrorene Schwingung gerät durch die Rotation der Schallplatte wieder in Bewegung, oder ich brenne mir eine CD mit einer WAV. MP3 kann ich nicht verantworten, das geht gar nicht.

Praktiken aus der elektronischen Musik - wie Remix oder Sampling - haben über neue technologische Möglichkeiten die breite Masse erreicht. Braucht es diesbezüglich Änderungen im Urheberrecht, etwa Fair-Use-Regelungen für den nichtkommerziellen Bereich?
Wir sind im 21. Jahrhundert. Jeder trägt ein Gerät mit sich herum, mit dem man mit einem Finger ohnehin die ganze Zeit einen Remix veranstalten kann. Wir haben Bilder und Musik aus dem Netz auf unseren Mobiltelefonen und teilen sie mit unseren Freunden. Die Frage ist, wer eigentlich welche Rechte hat. Welche Rechte haben Nutzer, Künstler, Verlag, Label, Drittverwerter? Das ist ein dichtes Geflecht. Da blickt man nicht durch.

Wie könnte das Problem gelöst werden?
Der Künstler sollte die Möglichkeit haben, zu entscheiden, was erlaubt ist. Das ist mit Creative Commons Lizenzen möglich. Da kann ich festlegen ob Remixes erlaubt sind oder nur eine einfache Nutzung, ob es dazu eine Lizenzierung braucht und in welcher Form die Inhalte weiterverwendet werden können.

Über das Urheberrecht wurde in den vergangenen Jahren heftig diskutiert. Wo sehen Sie Änderungsbedarf?
Wir brauchen eine Novelle des Urheberrechts, die in Richtung der Künstler geht. Denn die werden immer benachteiligt. Derzeit werden die großen Verlage und Verwerter unterstützt und nicht so sehr der Künstler. Gerade erst wurden die Schutzfristen für Tonaufnahmen von 50 auf 70 Jahre verlängert. Das ist nur im Interesse der großen Verlage und der Major-Plattenfirmen, die große Kataloge mit vielen toten Titeln haben. Es geht nicht um eine gerechte Verteilung von Einnahmen. Man schafft Gesetze, um Geldflüsse in bestimmte Richtungen zu lenken.  Wir brauchen eine Novelle, mit der die Künstler unterstützt und nicht die Verwerter gefördert werden. Wir müssen diese Diskussion führen und wir müssen Monopole brechen.

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Was tun mit dem Urheberrecht?
Vom 12. bis 14. Juni findet im Wiener Künstlerhaus das EU XXL Forum 2013 statt. Bei der dreitägigen Konferenz diskutieren Kreative und Experten über den Stand der europäischen Urheberrechtsdebatte. Als Gäste werden neben Dr. Motte unter anderem auch Joost Smiers, Autor des Buches "No Copyright" und der Anwalt und Urheberrechtsexperte Till Kreutzer erwartet.

C3S: Neue Verwertungsgesellschaft im Aufbau
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Patrick Dax

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