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Interview
10/15/2010

"Wir werden 300 Jahre alt"

Ray Kurzweil, der Stargast des diesjährigen "futuretalk" spricht im Interview mit der futurezone über implantierte Computer, das Gehirn zum Herunterladen und virtuellen Sex.

von Benjamin Sterbenz

Er forscht zu Künstlicher Intelligenz und gilt als der weltweit renommierteste Zukunftsforscher: Ray Kurzweil (62) spricht kommenden Montag beim "futuretalk" von A1Telekom über "Manchine" - die Verschmelzung von Menschen und Technik. Im //futurezone//- Interview gibt er vorab Einblicke in seine unglaublichen Thesen.

Futurezone: Ihre Eltern stammen aus Wien. Wie oft waren Sie schon in Österreich?
Ray Kurzweil: Ich war öfters in Europa, aber noch nie in Österreich. Ich bin gespannt, zu meinen Wurzeln zurückzukehren.

Sie werden am Montag über die Verbindung von Mensch und Maschine sprechen. Was kann man sich darunter vorstellen?
Die Leistung von Computern wächst seit den 80er-Jahren exponentiell und wird dabei immer günstiger. In 25 Jahren werden Chips eine Milliarde Mal schneller sein als heute und sie werden kleiner. Für die Leistung meines Handys brauchte man vor 20 Jahren eine Etage voll mit Computern. Was jetzt in der Hosentasche Platz hat, wird in 25 Jahren in eine Blutzelle passen.

Sie glauben ernsthaft, dass Menschen kleine Geräte in ihre Körper pflanzen?
Zuerst werden es Menschen mit Behinderungen nutzen. Sie haben ein großes Bedürfnis. Es gibt eine ethische Rechtfertigung gewisse Risiken einzugehen. Danach wird es sich langsam auf andere Menschen ausweiten und diese gesund halten. Wenn Leute den Fortschritt mögen, wird man es ohne Kontroverse akzeptieren. Außerdem geben wir jetzt schon Technik in unsere Körper. Es ist zwar alles noch in einem Frühstadium, aber denken sie an künstliche Bauchspeicheldrüsen. Zudem gibt es auch über ein Duzend Neuroimplantate, die man ins Gehirn einpflanzen kann. Heute hat das alles die Größe einer Bohne. In 25 Jahren wird es so groß wie eine Blutzelle sein und man wird es sie ohne chirurgischen Eingriff in das Gehirn schicken können.

Trotzdem klingt das alles sehr gespenstisch, zu gruselig, dass man es wirklich machen möchte.
Nehmen Sie das Handy. Es ist jetzt schon eine Erweiterung meines Körpers und Geistes. Es ist zwar noch nicht in mir, wird es aber bald sein. Wir verlassen uns auf diese Geräte, haben sie immer dabei. Also liegt es nahe, sie zu implantieren. Sie sind quasi elektronische Gehirnerweiterungen. Ziel der nächsten Jahre wird es sein, diese viereckigen Dinger verschwinden zu lassen und sie etwa direkt in unsere Kleider zu integrieren. Das Display wird in Brillen eingespiegelt oder direkt auf die Retina projiziert. Wir werden Augmented Reality haben, es werden Fenster aufgehen, die erinnern, wem man da gerade gegenübersteht, welche Gebäude man sieht, wie es innen aussieht.

Kritiker, wie etwa der Buchautor Nicholas Carr, meinen, dass wir genau durch solche Entwicklungen verlernen zu denken. Weil wir auf Technik vertraut, werden wir eigentlich dümmer und fauler.
Das Gehirn hat nur eine begrenzte Kapazität. Durch Handys, die banale Infos speichern, werden Kapazitäten frei, die man anderweitig nützen kann. Wir werden produktiver.

Glauben sie wirklich, dass wir die freie Kapazität für solchen hohen Ziele nützen?
Natürlich. Schauen Sie nur auf Facebook, Twitter oder in Blogs. Welche interessanten Sachen dort geschrieben werden. Leute machen sie mehr Gedanken, kommunizieren stärker. Leute werden besser mit der Sprache, sie schreiben und lesen mehr. Es gibt heute mehr intelligente Leute als vor der Technologisierung und dem Internet.

Der Brite Kevin Warwick experimentiert seit vielen Jahren mit Hightech-Implantaten. Was halten Sie davon?
Ich habe ihn mehrmals getroffen, was er macht ist abenteuerlich, fast brutal. In der Zukunft wird das alles viel dezenter ablaufen. Wir werden Millionen Computer in unserem Blutkreislauf haben, die durch den Körper wandern und uns gesund halten. Diese Nano-Bots werden künstliche weiße Zellen züchten, die Krankheitserreger zerstören. Und sie sorgen dafür, dass unsere Gehirne an das Internet angeschlossen sind und den Sinnesorganen eine virtuelle Realität vorspielen.

Das klingt alles zu fantastisch.
Menschen denken in linearen Schritten. Der Fortschritt passiert aber exponentiell, steigert sich viel schneller, als wir uns das vorstellen können. Außerdem sind wir die einzige Spezies auf der Erde, die ihre Grenzen überschreitet. Wir können fliegen, sind im All. Wir programmieren die Biologie eben um, wie einen Computer. Auch die Lebenserwartung steigt ständig an, was durch Technologie weiter verstärkt wird. Es ist ein schrittweiser Prozess, der passiert, ohne das man es merkt. Ein medizinischer Fortschritt hier, eine Erfindung da, und nach und nach wird die Lebenserwartung höher.

Wie lange werden wir durchschnittlich leben?
Wir werden 300 Jahre alt. Und dann wird die Technologie so weit sein, dass wir die das Gehirn "herunterladen" und eine Sicherheitskopie für die Ewigkeit erstellen können. Ein personenspezifisches Back-up, mit Talenten und Eigenschaften. Das wird in 50 Jahren so weit sein.

Glauben Sie, dass Leute wirklich 300 Jahre alt werden wollen? Sie sind ein erfolgreicher Mann mit viel Geld. Aber für den Durchschnittsbürger wird ein Pensionsantrittsalter von 250 Jahren nicht verlockend klingen.
Es geht ja nicht nur um die Lebensverlängerung. Dann würde es langweilig werden. Wir werden die Möglichkeit haben, aus Millionen von virtuellen Abenteuern zu wählen. Es wird neue Unterhaltungsformen und Freizeitaktivitäten geben.

Glauben sie, dass in 50 Jahren das virtuelle Erlebnis dem realen überlegen ist? Leute die Realität gar nicht mehr wollen?
Ja. Im virtuellen alles möglich ist. Man kann alles einstellen, anpassen. Die Umgebung, die Gebäude, die Menschen. Nichts ist unmöglich. Das kann man alles über die Neocortex gut steuern und beeinflussen.

Wenn alles virtuell abläuft, werden Menschen dann Sex so praktizieren?
Sex ist sehr wichtig. Sie müssen sich das jedoch anders vorstellen. Aktuelle Entwicklungen sind sehr grob. Künftig wird virtueller Sex direkt über das Nervensystem ablaufen. Man wird den Unterschied nicht mehr erkennen. Ich habe dafür bereits fünf Patente zugesprochen bekommen.

Wenn jeder vernetzt ist und mein Körper von Technologie durchsetzt ist, wie ist das dann sicher, wie schützt man sich vor Angriffen?
Wir machen jetzt schon sehr intime Sachen mit dem Computer. Das ist kein neues Phänomen. Man lernt eben einfach, aufzupassen. Außerdem ist Verschlüsselung mittlerweile so ausgereift, dass ich mir hier keine Sorgen machen. Die Vorteile überwiegen sicher die Nachteile, weshalb es sich ohne Zweifel durchsetzen wird.

Durch den ständig vernetzten Körper kann man noch einfacher überwachet werden. Das Handy lässt sich zumindest ausschalten, das Online-Gehirn nicht.
Wann schaltet man schon das Handy aus? Wie lange hält man das aus? Wir wissen, dass wir eine deutliche Daten- und Informationsspur hinterlassen. Ändern wir deshalb unser Verhalten? Nein. Außerdem habe ich das Gefühl, dass ich trotz Internet, Handy und GPS meine Privatsphäre nicht verloren habe. Außerdem gibt es Möglichkeiten, sie zu schützen. Und die werden sich auch in Zukunft weiterentwickeln. Ich sehe hier kein Problem.

Wenn nun jeder älter wird, werden wir dann nicht mit Überbevölkerung und Platzmangel kämpfen?
Platz gibt es genug. Viele Leute leben ja in Städten. Das hatte einen Grund: Kommunikation. Durch Technologie braucht man nicht mehr in einer Stadt wohnen. In Zukunft wird man nicht mehr ins Kaufhaus müssen, ins Kino, weil alles online und virtuell abläuft. Man wird 3-D-Drucker haben, die Produkte direkt zu Hause herstellen. So kann man sich wieder über das Land ausbreiten.

Und die Ressourcen werden nicht knapp?
Wir müssen nur umschichten. Solarenergie wird günstiger und ist sauber, Wasser kann wiederverwertet werden. Nahrung wird nicht mehr großflächig produziert, sondern in Laboren; in computergesteuerten Fabriken ohne ökologische Nebeneffekte.

Was passiert mit dem Abfall?
Das wird durch Nano-Technologie kein Problem. Alles wird - in 20 Jahren - wieder verwertbar sein. Auf Molekül-Ebene wird man alles zu Hause drucken, bauen, kreieren können. Etwa einen Toaster, eine Bluse, Lebensmittel.

Wie die Replikatoren in Star Trek?
Genau so kann man sich das vorstellen.

Sie haben 2002 20.000 Dollar gewettet, dass 2029 ein Computer wie ein Mensch sprechen kann. Warum so ein geringer Betrag, sie als Millionär hätten auch weit mehr bieten können. Sind sie nicht zuversichtlich?
Das Geld war nicht der Punkt. Es ging um das Statement. Ich glaube daran und habe meine Ansicht in den vergangenen Jahren auch nie geändert. 2029 wird der Turing Test bestanden werden. Der Konsensus innerhalb der KI-Gemeinschaft ist, dass wir nur mehr Dekaden entfernt sind. Vor 20 Jahren sprach man noch von Jahrhunderten. Der Konsens rückt immer näher zu meinen Ansicht.

An der von ihnen gegründeten Singularity University am NASA Campus wird unter anderem auch zu KI gelehrt. Welche Bilanz können Sie nach zwei Jahren Betrieb ziehen?
Es geht sehr gut. NASA und Google unterstützen uns tatkräftig. An der Uni unterrichten die Besten der Besten und lehren etwa über Künstliche Intelligenz und Nano-Technologie. Diesen Sommer haben wir aus 1600 Bewerbern 80 Studenten aus 35 Ländern ausgewählt.

Was müssen Studenten an ihrer Elite-Uni machen?
Es gibt nur Team-Projekt. Sechs Studenten arbeiten an einer Sache, deren Ziel ist, etwas zu entwickeln, was theoretisch eine Milliarde Menschen binnen zehn Jahren beeinflussen kann. Es geht hier um die grundlegenden Probleme der Menschheit. Etwa sauberes Wasser, Nahrung, Recyling.

Mit Larry Page, Sergey Brin, Keith Kleiner und Sonia Arrison sind aktuelle und ehemalige Googler involviert. Woher kommt deren Interesse?
Wir sind nur wenige Straßenblocks von ihnen entfernt. Larry Page ist sehr engagiert. Viele seiner Ideen wurden eingebunden. Wir beide stimmen bei vielen Punkten und Ansichten überein.

Wie kam eigentlich die Idee zu der Super-Uni?
Bei einem Essen mit einem Gründungspartner Peter Diamandis. Wir haben überlegt, wie wir mit Technologie die Welt verbessern und gute Ideen realisieren können. Der Fortschritt hat vieles ermöglicht. Jetzt hat eigentlich jeder, egal ob ein Student in Europa oder ein Bauer in China, die Möglichkeit, seine Ideen mit wenig Geld umzusetzen. Man muss keine riesige Organisation mehr sein, um radikale Umbrüche und Veränderungen herbeizuführen.

Das würde heißt, dass die wirklich fundamentalen Änderungen noch bevorstehen?
Jetzt geht es erst richtig los.

(Benjamin Sterbenz)


Zur Person:
Raymond Kurzweil wurde 1948, als Sohn eines emigrierten österreichischen Ehepaars, in New York geboren. Er studierte am Massachusetts Institute of Technology Informatik und Literatur. Er gilt als Miterfinder des Flachbett-Scanners, leistete Pionierarbeit bei automatisierter Text- und Spracherkennung und feierte Erfolge mit Synthesizern und Keyboards. Bereits in der 1980er-Jahren begann er Prognosen über die Zukunft zu erstellen.
Kurzweil ist Träger von 19 Ehrendoktortiteln und Autor mehrerer Bücher zu Themen wie Gesundheit, Künstliche Intelligenz und Zukunft. 2008 hat er die "Singularity University" gegründet, eine technologische Elite-Uni. Kurzweil ist verheiratet und hat zwei Kinder. Im Web tritt er als virtuelles Alter-Ego "Ramona" auf. Pro Tag nimmt er 200 Aufbaumittel und trinkt nur gefiltertes Wasser, um das von ihm prognostizierte Lebensalter zu erleben.

Einige von Kurzweils Zukunftsvisionen:
+ 2020 haben Computer die gleiche Leistung wie das menschliche Gehirn.
+ 2029 soll ein Computer so natürlich kommunizieren können wie ein Mensch.
+ Ab 2030 wird man vom Gehirn eine Sicherheitskopie speichern können.
+ Ab 2040 wird die virtuelle Realität "spannender" als die wirkliche und 2049 wird Nahrung nur noch künstlich in Laboren hergestellt.

Kurzweils Bilanz:
Kurzweil zufolge seien über 90 Prozent seiner Prognosen wahr geworden. Eine Auswahl:

+ UdSSR Mitte der 80er argumentierte er, dass die Sowjetunion durch Kommunikations-technologien wie Fax und Telnet zu Fall gebracht wird; was ihm Gorbatschow nachträglich bestätigte.

+ Anfang der 90er meinte er, dass in dem Jahrzehnt ein Computer einen Menschen in Schach schlägt - was 1997 passierte.

+ 1990 sagte er voraus, dass Anfang des 21. Jahrhunderts Milliarden Menschen das Internet nutzen werden - und zwar über Geräte, die sich kabellos einwählen. Was seit Smartphones der Fall ist.

+ Für die frühen 2000er-Jahre sagte er Autos voraus, die autonom fahren können. Erst 2007 gab es hierzu erste Versuche, Serienreife hat die Technologie noch immer nicht erreicht.

+ 1999 meinte er, dass es ein kontinuierliches Wirtschaftswachstum gäbe. Die Dot.Com-Blase und die aktuelle Wirtschaftskrise widerlegten dies.

+ Vor zehn Jahren sagte er voraus, dass 2009 Exoskelette und andere "Maschinenanzüge" Menschen mit Behinderungen wieder mobil machen; was bislang nicht eintrat. Weiters lag er mit der Prognose falsch, dass 2009 Ärzte vorrangig Untersuchungen und Diagnosen aus der Ferne mittels virtueller Realität durchführen.


future.talk der A1Telekom
Heuer lautet das Thema "Manchine - From Mankind to Machine". Neben Ray Kurzweil wird auch der Apple-Mitbegründer Steve Wozniak sprechen. Die Veranstaltung findet am Montag, den 18. Oktober 2010, ab 18:30 Uhr statt. Nähere Informationen finden sich auf der offiziellen Seite