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03.12.2011

Autos: Smart heizen statt Eis kratzen

Nach Freisprecheinrichtung, Navis und Klimaanlagen sind Standheizungen die nächsten Geräte, mit denen Autos (nachträglich) aufgerüstet werden. Die neueste Generation schaltet man via App ein. In einer Kältekammer, in der der Winter simuliert wird, wurden die vier gängigsten Systeme getestet.

Noch hat sich der Winter, der offiziell erst am 22. Dezember beginnt, nicht von seiner eisigen Seite gezeigt, dennoch hat die Saison für Standheizungen bereits begonnen. Was vor einigen Jahren noch eine Luxus-Ausstattung war, entwickelt sich immer mehr zur Standardausstattung. Die Hersteller verzeichnen Zuwachsraten im zweistelligen Bereich. Gründe dafür gibt es einige – abgesehen davon, dass die Zahl jener steigt, die gerne auf das Kratzen mit klammen Fingern verzichten und in ein warmes Auto einsteigen, ist es laut ÖAMTC-Techniker Anton Lerch ein Sicherheitsthema: „Wenn das Auto temperiert ist, muss der Fahrer nicht mit einem dicken Mantel im Auto sitzen, denn der kann im Falle eines Unfalles zum Problem werden, weil der Gurt zu lose sitzt.“ Zudem hätten Studien ergeben, dass gerade nach dem Kaltstart die Unfallgefahr am größten ist.

„Es gibt Untersuchungen, wonach die Unfallgefahr in den ersten vier, fünf Minuten am größten ist“, so Lerch. Ein weiterer Grund für den Standheizungs-Boom ist, dass sie günstiger und auch „digitaler“ geworden sind. Seit Jahren schon können Standheizungen via Handy und Festnetz eingeschaltet werden, 2011 ist man im App-Zeitalter eingelangt.

Die aktuellen Tests
Doch alles der Reihe nach, denn Standheizung ist nicht gleich Standheizung. Sowohl der ÖAMTC und auch des Touring Club Schweiz (TCS) haben in ihren aktuellen Tests die gängigsten Standheizungen in einer Kälte- bzw. Klimakammer, in der der Winter simuliert werden kann, getestet. Die Kammer kann auf minus sieben Grad gekühlt werden.

Akku-Scheibenenteiser
Die preisgünstigste Lösung sind portable Akku-Scheibenenteiser (ab etwa 150 Euro). Dabei handelt es sich um ein Batteriepaket, das einen elektrischen Heizlüfter zum Enteisen der Frontscheibe betreibt. Das System ist zwar umweltfreundlich, weil keine Abgase ausgestoßen werden und es daher zu keinem Treibstoff-Mehrverbrauch kommt, allerdings wird der Motor nicht vorgewärmt und der Akku reicht nicht aus, um den Innenraum zu heizen. Im Test schaffte es der Scheibenenteiser nicht einmal seine eigentliche Aufgabe, die Scheiben zu enteisen. Das Urteil des Touring Club Schweiz: „Dieses System ist nur bedingt empfehlenswert.“

Fahrzeugvorwärmsysteme
Der norwegischen Hersteller Defa hat sich auf „Fahrzeugvorwärmsysteme“ (ab etwa 250 Euro) spezialisiert, und die sind in der Anwendung für unsere Breiten ein wenig unkomfortabel. Die Defa-Lösungen bestehen aus einem elektrischen Innenraumheizer, der zwar relativ schnell installiert ist, allerdings einen externen 230V-Stromanschluss benötigt. Man kann den Heizer also nur auf Stellplätzen verwenden, wo es eine Steckdose gibt. „In Kopfhöhe wird es zwar warm, die Scheiben tauen aber nicht so rasch auf“, schildert Lerch, der beim Test in der Kältekammer dabei war. Die Steckdosen-Lösung ist allerdings nicht wirklich ideal, denn wo gibt es schon öffentliche Parkplätze oder Parkgaragen mit Steckdosen? „In Norwegen“, sagt Lerch, „dort gibt es praktisch auf jedem Parkplatz Steckdosen.“

Standheizungen sind am effektivsten
Wesentlich effektiver sind echte Standheizungen, die man nicht an eine Steckdose anschließen muss, weil sie kleine Öl- und Benzinbrenner sind. Lerch: „Sie heizen das Kühlwasser im inneren Motorenkreislauf auf und wärmen über die Autoheizung und das Gebläse das Wageninnere.“ Der „Nachteil“ dieser Lösung ist zwar, dass sie Treibstoff verbrauchen, der Vorteil aber, dass dadurch der Motor vorgewärmt ist und betriebswarme Motoren emittieren um 50 Prozent weniger Kohlenmonoxid als Motoren im Kaltstart. „Beim Diesel werden auch die Partikel um gut die Hälfte reduziert“, erklärt Lerch.

Zwei Standheizungen im Vergleich

Das eigentliche Standheizungs-Duell lief zwischen der „Hydronic II“ (etwa 1990 Euro inklusive Einbau) von Eberspächer und der „Evo 5+“ (etwa 2000 Euro inklusive Einbau und Funkfernbedienung) von Marktführer Webasto, die als klarer Sieger hervorging. Im Test wurden sowohl die Abtaugeschwindigkeit der beschlagenen Scheiben als auch die Temperatur an verschiedenen Punkten in einem Auto (im Kältekammer-Test wurde ein Ford S-Max verwendet) gemessen. Bereits nach zehn Minuten bildete sich bei beiden Standheizungen der erste Spalt in der angeeisten Windschutzscheibe, nach 20 Minuten waren bei der Webasto die Scheiben fast eisfrei, die Fahrzeug-Innentemperatur war bei der Evo 5+ um etwa drei Grad höher als bei der Hydronic II und um gar acht Grad höher als bei der Defa.

Die neue Webasto-Generation
Webasto ist im Frühjahr 2011 mit einer neuen Generation von Standheizung auf den Markt gekommen, die nicht nur leichter einzubauen ist, sondern auch eine größere Heizleistung vorweist. Nach 30 Minuten Laufzeit waren die Scheiben frei und das Auto auf 25 Grad vorgewärmt. Die Webasto hat im Smartphone-Zeitalter noch einen weiteren Vorteil, sie kann auch per App gesteuert werden – Voraussetzung ist, dass die Standheizung mit einer Thermo Call Comfort-Steuerung (etwa 500 Euro) verknüpft ist.

Diese wird mit einer SIM-Card bestückt, was bedeutet, dass die Standheizung Teil des „Internet der Dinge“ wird. Sie kann per Handy ein- und ausgeschaltet und programmiert werden. Seit kurzem gibt es für die Evo5+ auch eine App „Thermo Call“ (9,99 Euro), sowohl für iPhone als auch Android. Über diese kann die Standheizung programmiert werden. Aus der App heraus werden die SMS-Befehle verschickt. So kann schon am Vortag festgelegt werden, wann sich die Heizung einschalten soll.

Die Zukunft
Dass den Herstellern einmal ein ähnliches Schicksal ereilen könnte wie den Herstellern von Navis, die bei vielen Autos als Standardausstattung eingebaut sind, glaubt Webasto-Österreich-Chef Dieter Hahn nicht. Zwei Drittel seines Geschäfts macht Marktführer Webasto mit Standheizungen für Pkw. „Auch in zehn Jahren noch wird das Nachrüsten von Pkw ein Thema sein“, so Hahn, „allerdings erweitern wir unsere Geschäftsfelder stetig, denn praktisch rüsten wir alles, was zu Land oder zu Wasser bewegt, mit Heizungen oder Kühlungen aus.“ Von Militär- über Schwerfahrzeuge bis hin zu Feuerwehr-Autos oder Schleifbaumaschinen und Schienen-Verlegfahrzeuge.