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Smartphone-Test BlackBerry Priv im Test: Ein liebenswerter Freak.

BlackBerry Priv
BlackBerry Priv - Foto: Gregor Gruber
Schwer, dick, liegt nicht gut in der Hand, aber trotzdem sympathisch: Der BlackBerry Priv kombiniert ein gebogenes Display mit Android und physischer Tastatur.

Nachdem BlackBerry nur mäßig erfolgreich mit der Integration von Android-Apps in sein Betriebssystem BlackBerry 10 OS war, ist mit dem Priv jetzt das erste Android-Gerät des kanadischen Unternehmens verfügbar. Der Android-Einstand wird mit einer ungewöhnlichen Mischung gefeiert. Der Priv hat ein an der linken und rechten Seite gebogenes Display, wie man es von Samsungs Galaxy S6 Edge kennt. Darunter befindet sich eine ausschiebbare, physische Tastatur – das Markenzeichen von BlackBerry. Die futurezone hat den Priv getestet.

Stapel zum Schieben

Der BlackBerry Priv hat in etwa die Ästhetik eines Fiat Multipla, der von Abarth überarbeitet wurde. Sprich: eine neue Lackierung und ein bisschen Chrome, um einen Designunfall zu verbergen. Die Fiat-Multipla-Assoziation ist auf den Stapel-Look des Priv zurückzuführen, der wiederum dem Schiebemechanismus geschuldet ist.

Von vorne betrachtet sieht es so aus, als hätte man das Display einfach auf ein Gerät gelegt, anstatt es korrekt einzubauen. Die untere Gehäusekante, die nahezu über die volle Breite mit Bohrungen für den Lautsprecher durchlöchert ist, ist nach unten versetzt. Das ist nötig, um den Display-Teil mit dem Daumen nach oben schieben zu können, damit die darunter liegende Tastatur zum Vorschein kommt.

Anstatt die gebogenen Kanten des Displays zu nutzen, um die zwei Komponenten optisch etwas besser verschmelzen zu lassen, wurde noch ein grauer Rahmen um den Display-Teil herumgezogen. Dieser hebt sich dadurch noch stärker vom Unterteil ab, was den „zwei Geräte mit der Presse zu einem gemacht“-Look des Priv noch fördert.

Die Gehäuserückseite ist im Carbon-Design gehalten – ganz wie man es von einem getunten Auto erwartet. Wie bei aktuellen Smartphones leider üblich, steht auch beim Priv die Kameralinse aus dem Gehäuse hervor. Der dicke silberne Ring rund um die Optik lässt das immerhin wie Absicht wirken und nicht wie ein Umstand, den die Handyhersteller noch nicht zufriedenstellend lösen konnten.

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Foto: Gregor Gruber

Klotz

192 Gramm schwer und 9,4mm dick: Der Priv ist kein Leichtgewicht. Zum Vergleich: Samsungs Galaxy S6 Edge+, dessen Display um 0,3 Zoll größer ist, wiegt 153 Gramm und ist 6,9mm dick. Trotz der Gummi-ähnlichen Beschichtung des Priv-Gehäuses liegt er nicht allzu gut in der Hand. Er ist schwer, dick und die unteren Kanten drücken sich unangenehm in die Handflächen.

Die Tasten an den Seiten sind flach und scharfkantig, was das Erfühlen, wenn das Handy am Ohr ist, nicht gerade angenehm macht. Die alleinstehende Standby-Taste an der linken Seite ist kein Problem, die kleinen und flachen Lautstärken-Tasten, zwischen denen noch die Stummschalttaste untergebracht ist, sind nur schlecht ertastbar. Die Stummschalttaste deaktiviert das Mikrofon beim Telefonieren und die Tonausgabe beim Abspielen von Musik und Videos. Drückt man sie im Homescreen, wird die Lautstärken-Einstellung als Drop-Down-Menü angezeigt, aber nicht die Klingel- und Benachrichtigungstöne deaktiviert.

Der Vorteil des Stapel-Designs: Das Display lässt sich mit angemessenem Aufwand mit dem Daumen nach oben schieben, damit die Tastatur zum Vorschein kommt. Das Display landet mit einem satten Klack in der oberen Position. In der hochgeschobenen Position hat das Display ein wenig Spiel nach links und rechts, was im Alltag nicht auffällt – der Priv wirkt trotz Schiebemechanismus stabil und robust. Ist der Priv im Standby-Modus, muss noch die Leertaste auf der Tastatur gedrückt werden, um die Displaysperre zu lösen.

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Foto: Gregor Gruber

Physische Tastatur

Das Thumbing beim Priv ist gewöhnungsbedürftig, da das Smartphone mit hochgeschobenen Display kopflastig ist. Hält man das Gerät etwas lockerer, kippt es nach vorne über. Zwar könnte man den Priv auch mit der linken Hand halten und nur mit der rechten Hand tippen, das würde aber der Grundidee der BlackBerry-Tastatur widersprechen.

Die Tastatur entspricht am ehesten dem Keyboard des BlackBerry P9983. Die Tasten sind im Querformat, während sie beim BlackBerry Classic mehr hoch als breit waren. Der Anschlag der Tasten ist in Ordnung, fühlt sich aber etwas härter an, als er eigentlich ist. Das liegt an den Spitzen, die die Tasten haben. Diese sollen die Fingerspitzen zu der Hauptfläche der Tasten hinleiten, damit die Chance auf ein Vertippen reduziert wird.

BlackBerry-Fans werden sich sofort mit der Tastatur zurecht finden. Wer vorher nur Touchscreens verwendet hat, wird zu Beginn mit der physischen Tastatur langsamer sein – besonders wenn es um das Tippen von Sonderzeichen geht. Die Position von Frage-, Ruf- und Satzzeichen ist nicht da, wo man sie bei Android-Smartphones vermutet. Die Umlaute sind nicht sinnvoll belegt. Drückt man Alt und O, schreibt man ein +. Drückt man Sym und O, kommt ein ^. Trotz physischer Tastatur muss man O länger gedrückt lassen, damit eine Leiste mit den Sonderformen von O auftaucht. Und in dieser Leiste ist Ö nicht mal die erste Wahlmöglichkeiten, sondern die Zweite.

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Foto: Gregor Gruber

Wischgesten

Theoretisch ist das nicht so tragisch, da die Tastatur Wischgesten erkennt. Taucht die Leiste mit den Sonderzeichen auf, wischt man nach rechts um das Ö zu markieren. Das Problem dabei ist, dass das Wischen nicht sonderlich präzise ist und man schon Mal über das Ziel hinauswischt und in die andere Richtung zurückwischen muss.

Auf Websites, in Mails und vielen anderen Apps kann durch das Wischen nach oben und unten gescrollt werden. Auf dem Homescreen kann durch Wischen auf der Tastatur nach links und rechts gescrollt werden. Bei der Texteingabe mit der Tastatur kann schnell nach oben gewischt werden, um das vorgeschlagene Wort einzusetzen. Lästig: In einigen Apps, wie etwa Google Hangouts, fehlen die virtuelle Tastatur sowie die Wortvorschläge und die Autokorrektur für die physische Tastatur, wenn der Priv direkt in der App in den Standby-Modus gewechselt hat. Um diese Funktionen wieder zu aktivieren, muss man kurz in den Homescreen und wieder zurück zur App wechseln.

Die virtuelle Tastatur setzt ebenfalls auf Wischgesten. Über den Buchstaben werden Wortvorschläge angezeigt. Wischt man von dem Buchstaben aus nach oben, wird das Wort eingefügt. Anfangs kann die Tippgeschwindigkeit unter dieser Maßnahme leiden, die eigentlich das Schreiben von Texten beschleunigen soll. Das liegt daran, dass man kurz Inne hält, um die kleinen Wörter auf der virtuellen Tastatur zu lesen, damit man weiß ob das Wort dabei ist, dass man auch tatsächlich tippen will. Es werden bis zu fünf Wörter über die virtuelle Tastatur verstreut angezeigt.

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Foto: Gregor Gruber

Display und Sound

Das AMOLED-Display hat eine Diagonale von 5,4 Zoll und ist an der linken und rechte Ecke gebogen. Durch die Auflösung von 2.540 x 1.600 Pixel ergibt sich eine Pixeldichte von 540 PPI. Wie bei Smartphone-AMOLED-Displays üblich sind die Farben kräftig und kontrastreich, Weiß ist jedoch nicht Reinweiß.

Die gebogenen Kanten wirken sich nicht negativ aus, da zwischen Display und Rahmen ohnehin ein recht breiter schwarzer Rand ist. Das Display sieht in ausgeschaltetem Zustand dadurch stärker gebogen aus, als es tatsächlich ist.

Der Mono-Lautsprecher an der Front sieht durch die vielen Bohrungen brachial aus. Laut ist er zwar, die Tonqualität kann aber nicht mit der des Soundreferenz-Smartphones HTC One M9 mithalten.

Kein Mehrzweck

Die gebogenen Kanten des Displays stellen BlackBerry vor dieselbe Herausforderung wie Samsung: Wie vermittelt man den User den Eindruck, dass die Biegung einen Sinn hat? Und genau wie bei Samsung würden die meisten Funktionen auch bei einem geraden Display genauso denselben Zweck erfüllen. Steckt man das Ladegerät an, läuft eine färbige Leiste den Displayrand entlang, die den Akkuladestand symbolisiert.

Wahlweise kann am linken oder rechten Rand ein kleiner grauer Reiter angezeigt werden. Zieht man diesen ins Bild, öffnet sich ein Overlay. Hier werden wahlweise die heutigen Kalendereinträge, ungelesene Nachrichten, heute fällige Aufgaben und die bevorzugten Kontakte angezeigt. Das funktioniert bei allen Apps, die im Hochformat sind. Bei Apps im Querformat steht die Seitenleiste nicht zur Verfügung.

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Foto: Gregor Gruber

Software

Der Priv nutzt Android 5.1.1, das von BlackBerry aufgepeppt wurde. Die Cover-Flow-Ansicht der zuletzt genutzten Apps wurde durch eine Ansicht mit verschieden großen Kacheln ersetzt. Durch die verschieden großen Kacheln wirkt das zu Beginn etwas unübersichtlich, entpuppt sich aber als optisch aber als sinnvoll. Man sieht durch die Kacheln die Inhalte von mehreren Tabs, während bei der Cover-Flow-Ansicht immer nur der Inhalt einer App angezeigt wird.

Ein roter Stern bei den App-Logos zeigt an, wenn es neue Notifications bzw. Nachrichten gibt. Wischt man am Homescreen über ein App-Logo, das drei weiße Punkte hat, wird das dazu gehörige Widget als Pop-up geöffnet. Bei Chrome kann man so etwa schnell die Bookmarks anzeigen lassen. Wischt man vom Homebutton aus nach links oben, gerade oben oder rechts oben, wird eine Schnellverknüpfung geöffnet, wie etwa die Messenger-App oder Google Now. Die Verknüpfungen können selbst belegt oder deaktiviert werden.

BlackBerry hat bei dem Priv diverse Hardware-Maßnahmen ergriffen, um die Sicherheit zu erhöhen. Software-seitig soll die DTEK-App helfen das System sicherer zu machen. DTEK zeigt an, welche Sicherheitsmaßen ergriffen wurden, etwa ob die Bildschirmsperre und eine Verschlüsselung eingerichtet wurde. Interessanter ist, dass DTEK anzeigt, wie oft welche App auf welche Funktionen zugegriffen hat, etwa den Standort. Allerdings sind nicht alle Apps enthalten und es ist nicht möglich den Apps die Berichtigungen für den Zugriff auf bestimmte Funktionen zu entziehen.

In der App BlackBerry Hub laufen BBM, Textnachrichten und E-Mail-Konten zusammen. Diese Quellen können chronologisch gemeinsam oder getrennt angezeigt werden. Die Bedienung des Hubs ist gewöhnungsbedürftig. E-Mails können nicht sofort gekennzeichnet werden, sondern erst über das Optionen-Icon rechts oben. Klickt man im Hub auf eine SMS, wird diese in der Messenger-App geöffnet, anstatt im Hub.

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Foto: Gregor Gruber

Leistung und Akku

Die Kombination auf Snapdragon 808 CPU und 3 GB RAM sollte für ausreichend Leistung sorgen. In Den Benchmarks schneidet der Priv gut ab, liegt im Vergleich aber meist hinter aktuellen Spitzenmodellen wie dem Samsung Galaxy S6 oder LG G4.

Vellamo Metal: 1803
Vellamo Multicore: 2292
Geekbench 3: 1101 Single Core, 3137 Multi-Core
Quadrant Standard: 18840
3D Mark Sling Shot ES 3.1: 529
AnTuTu 6.0: 61522

Im Alltagsgebrauch fühlt sich der Priv aber nicht so schnell an, wie es die Hardware-Spezifikationen vermuten lassen. Arbeiten mit dem Priv wirkt nicht langsam, aber auch nicht so flott, wie es etwa beim Samsung Galaxy S6 der Fall ist – und wie man es von einem 800-Euro-Gerät erwarten würde. Der Priv wird auch relativ schnell warm an der Rückseite, selbst bei Anwendungen, die den Prozessor nicht auslasten sollten. Auch in der Hosentasche wird er manchmal warm, obwohl er nicht benutzt wird – und nein, es ist kein Butt-Dialing involviert.

Der Akku ist mit 3.410 mAh großzügig dimensioniert. Dennoch ist bei etwas häufigerer Nutzung nach einem Tag Schluss. Bei moderater Nutzung waren immerhin 1,5 Tage möglich.

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Foto: Gregor Gruber

Kamera

18 Megapixel, optischer Bildstabilisator, Dual-LED-Blitz und Video-Aufnahme in UHD: Die Spezifikationen der Hauptkamera lassen Großes erhoffen. Die Ergebnisse sind meist gut, aber nicht überwältigend. Die Schärfe ist in Ordnung, bei entfernten Motiven sorgt die zu starke Komprimierung für einen Detailverlust.

Der Weißabgleich ist nicht konstant. Manchmal können kurz aufeinander folgende Aufnahmen des selben Motivs in verschiedenen Farbstichen erscheinen. Das ISO-Rauschen bei Nachtaufnahmen ist ziemlich stark, trotz optischen Bildstabilisators. Der Dual-Blitz erfüllt seine Funktion beim Fotografieren von Menschen gut. Gesichter sehen nicht so kreidebleich aus, wie dies bei anderen Smartphones mit normalen LED-Blitzen der Fall ist.

Zwischen dem Betätigen der Auslösetaste und bis die Kamera-App bereit für das nächste Foto ist, vergehen bis zu zwei Sekunden. Das klingt nicht nach viel, für ein Smartphone im Preissegment der Android-Spitzenmodelle sollte dies aber flotter gehen.

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Foto: Gregor Gruber

Fazit

Obwohl der Priv etwas zu schwer, zu langsam und zu teuer ist, ist er doch irgendwie liebenswert. Vielleicht ist es ein seniler Anfall von Nostalgie, ausgelöst durch die Kombination aus Schiebemechanismus und physischer Tastatur. Oder es ist das Mitleid, das man für den leicht missgestalteten Priv, mit seinem Doppelkinn und den hängenden Display-Wangen, empfindet, der doch nur mit den anderen Jungs mitspielen will, die seit mehreren Generationen in der obersten Android-Liga sind.

Jedenfalls ist der Priv, bei einem empfohlenen Verkaufspreis von 799 Euro, noch viel mehr eine emotionale Entscheidung als Android-Spitzenmodelle anderer Hersteller. Man bekommt vielleicht nicht das beste Smartphone, aber ein sympathisches.

 

Disclaimer: Das Testgerät wurde für einen befristeten Zeitraum von A1 zur Verfügung gestellt. Der BlackBerry Priv ist bei A1 ab 199 Euro verfügbar.

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  • Hat BlackBerry als Handyhersteller Zukunft?


(futurezone) Erstellt am 13.01.2016, 06:00

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