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Analyse

Facebook: Videochat droht neuerlicher Flop

Nach Chat, SMS und eMail jetzt also Videoanrufe: Das Online-Netzwerk bietet seinen nunmehr 750 Millionen Nutzern einen weiteren Kommunikationskanal, über den man eingeloggte “Freunde” kontaktieren kann. Die Funktion wird in den kommenden Wochen und Monaten für alle Nutzer freigeschaltet, wer sie schon jetzt ausprobieren möchte, schaltet sie unter www.facebook.com/videocalling frei. Revolutionär sind die Videoanrufe keinesfalls: Ton- und Bildqualität sind, wie ein futurezone-Test zeigte, wenig berauschend. Denn technisch gesehen wurde alte Software verbaut: Facebook hat sie nicht selbst entwickelt, sondern den Videotelefonie-Dienst Skype integriert, der vor einem Monat für 5,9 Milliarden Euro von Microsoft gekauft wurde (futurezone-Bericht dazu

).

Dreikampf
Dass Facebook mit Microsofts Tochterunternehmen kooperiert - bald sollen Facebook-Mitglieder auch bei Skype-Nutzern anrufen können und umgekehrt -, verwundert nicht. Der Software-Gigant hält 1,6 Prozent an Mark Zuckerbergs Online-Netzwerk und hat es bereits in viele seiner Produkte (z.B. Xbox360, Suchmaschine Bing, Windows Phone 7) integriert. Mit dem neuen Video-Chat zieht das Microsoft-Facebook-Bündnis mit den beiden Erzrivalen Apple und Google gleich, die ihrerseits Videoanrufe in ihre neuesten Produkte (“FaceTime” für iPhone und iPad bzw. “Hangouts” bei Google+) integrierten. Bis die Videochats auch ihren Weg in das Handy-Betriebssystem Android und die Facebook-Apps finden, ist wohl nur eine Frage der Zeit.

Warum die IT-Riesen neuerdings auf den alten Videochat abfahren, verwundert: Schon 2003 führten A1 und Drei die Videotelefonie via UMTS ein und handelten sich damit einen der größten Flops des Mobilfunks ein - denn die Kunden wollten einfach nicht videotelefonieren. Auch das einst größte Online-Netzwerk der Welt, MySpace, bot bereits 2004 Videochat für seine damals 4,9 Millionen Nutzer an, wie Gründer Tom Anderson in einem Google+-Post schreibt. “Aber die Leute ware damals noch nicht bereit dafür”, so Anderson. Facebook hätte heute mit seinen 750 Millionen Mitgliedern aber ganz andere Rahmenbedingungen, den einstigen Flop in eine populäre Funktion zu verwandeln.

Skype-Chef Tony Bates reibt sich bereits die Hände. “Mit der Skype-Integration bei Facebook ist der Weg für mögliche kostenpflichtige Services frei”, sagte er im Rahmen der Präsentation im Facebook-HQ in Palo Alto, Kalifornien. Wer in Zukunft via Facebook bei einer externen Nummer anrufen will, der könnte dafür zur Kassa gebeten werden. Das bevorzugte Zahlungsmittel läge dann auf der Hand: Mit Facebook Credits verfügt das Online-Netzwerk über eine virtuelle Währung, die dem Unternehmen in Zukunft große Einnahmen bescheren soll. Von jeden ausgegebenen Credit (umgerechnet ca. 6 Cent) bekommt Facebook 30 Prozent - etwa auch von künftigen Telefonaten.

Skeptischer Markt
Dass Konsumenten ebenfalls auf die Videoanrufe abfahren und sogar für Zusatzfunktionen (z.B. bessere Bildqualität, mehr Teilnehmer) zahlen werden, wird derzeit aber sogar in der Branche selbst angezweifelt. Wie eine Studie des VoIP-Unternehmens Rebtel im Juni zeigte, nutzen nur 13 Prozent der US-Amerikaner Videochats, um mit Familienmitgliedern zu kommunizieren. Neun Prozent tätigen Videoanrufe bei Freunden, sechs Prozent beim Partner.

In Europa sind Videochats noch unpopulärer als in den USA. “Hierzulande sehen die User keinen realen Nutzen darin”, sagt etwa der Wiener Web-Unternehmer Michael Schöpfer, Chef des Internettelefonie-Dienstes Toolani. Zwar werde auch sein VoIP-Service demnächst Videoanrufe bieten, große Erwartungen diesbezüglich hätte man aber nicht. “Das seit vielen Jahren angelernte Telefonieverhalten lässt sich nicht so einfach auf Videochats umlegen”, sagt Schöpfer. ““Im Gegensatz zur Sprachtelefonie muss man immer schauen, dass man gut aussieht und ob der Hintergrund auch passt.” Spontane Privatanrufe seien per Video kaum möglich, weswegen sich die Technologie bis dato nur in der formellen Geschäftswelt durchgesetzt hat. Über Anbieter wie Cisco, Sony oder HP werden so genannte Telepresence-Konferenzen abgemacht, um schnell internationale Meetings einberufen und Reisekosten sparen zu können.

Lauschangriff
Videochats sind längst auch zum Politikum geworden und in autoritären Staaten gar nicht gern gesehen. In den Vereinigten Arabischen Emiraten (ein Techcrunch-Artikel dazu hier) etwa steht ein Facebook-Verbot wegen der neuen Skype-Integration an - zum einen, weil die kostenlose Internettelefonie den staatlichen Telekoms das Geschäft untergraben, zum anderen, weil sich Skype-Anrufe der staatlichen Überwachung entziehen und nicht so einfach abgehört werden können. In China etwa ist Skype ein populäre Software unter Dissidenten und deswegen offiziell gesperrt. Wer dort nach dem Internettelefonie-Dienst sucht, wird auf die Alternative TOM-Skype umgeleitet – Gespräche, die über die dort erhältliche Software laufen, können von der chinesischen Regierung mitprotokolliert werden.

Dass in Zukunft vermehrt Videotelefonate über Facebook ablaufen werden, beunruhigt aber auch Datenschützer im Westen. Denn Skype-Besitzer Microsoft wurde vor kurzem ein Patent (futurezone-Bericht

) zugesprochen, das im Wesentlichen das Abhören des VoIP-Dienstes ermöglicht. In den falschen Händen, könnten so genannte „Recording Agents“ der als „Legal Intercept“getauften Technologie zum Abfangen, Überwachen, Aufnehmen und Speichern der Gespräche eingesetzt werden. Auch die deutsche Polizei soll bereits Skype-Gespräche abhören können, wie der deutsche Anwalt Udo Vetteraufdeckte.

Versteckte Absichten
Zwar werkt Apple im Hintergrund schon an der nächsten Videochat-Generation für das iPhone: Ein neues Patent bringt die rückseitige Kamera des Apple-Handys ins Spiel, damit mehr als zwei Personen via Live-Übertragung kommunizieren können. Doch möglicherweise verfolgen Microsoft, Google und Apple mit ihren Videochats ganz andere Ziele. “Dahinter steckt die selbe Technologie wie bei Internettelefonie”, so Toolani-Chef Schöpfer. “Wer Videoanrufe anbieten kann, kann auch Sprachanrufe anbieten.”

Im Zusammenspiel mit den Handy-Betriebssystemen, mit denen die drei IT-Riesen derzeit um den Smartphone-Markt kämpfen, ergibt diese Technologie ein Szenario, das in den Chefetage von Telekom-Unternehmen für Kopfzerbrechen sorgen wird. Denn wenn Kunden nicht mehr Minuten, sondern Megabyte vertelefonieren, könnte das für große Umwälzungen im Mobilfunkmarkt sorgen - in diesem Falle wohl zugunsten von Google, Apple und/oder Microsoft.

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Jakob Steinschaden

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