© Thomas Prenner

Fitness-Armbänder: Tamagotchi spielen mit sich selbst

Fitness-Armbänder: Tamagotchi spielen mit sich selbst

Analysten von Credit Suisse gehen davon aus, dass dieses Jahr am Wearables-Markt zwischen drei und fünf Milliarden US-Dollar umgesetzt werden. Von zahlreichen Experten wird der Branche in den kommenden Jahren ein rasanter Zuwachs prophezeit. Von Google Glass über Smartwatches und schlauen Schuhen bis hin zur Kleidung mit eingearbeiteter Computertechnologie - der Wearables-Markt ist gerade im Entstehen. Ein Teil davon sind Fitness-Armbänder, die beim Abnehmen helfen, zu mehr Aktivität anregen und ein Bewusstsein für einen gesünderen Lebensstil schaffen sollen.

Vergleichstest

Die vier miteinander verglichenen Armbänder - Fitbit Flex, Jawbone Up, BodyMedia Fit Core und Nike+ Fuelband - wurden für den Test herangezogen, da sie sich alle das Lifestyle-Mascherl umhängen und sich als Alltags-Gadgets verstehen. Sie haben ungefähr dieselben Funktionen und Absichten und befinden sich in derselben Preiskategorie. Alle vier Armbänder wurden während verschiedener Aktivitäten gleichzeitig am selben Arm getragen um vergleichbare Daten zu erheben.

Die schlauen Armbänder sind darauf ausgelegt, mithilfe von Bewegungssensoren Schritte zu zählen und die Intensität von körperlichen Aktivitäten aufzuzeichnen. Die getanen Schritte werden in Kalorien umgerechnet, damit man ein Bild des körpereigenen Energiehaushalts erhält. Während man schläft, zeichnen die Bewegungssensoren die Schlafphasen auf, sodass man sich mithilfe eines Vibrationsalarms in der richtigen Schlafphase wecken lassen kann. Die dazugehörigen Apps und Websites dienen zum Einsehen der Daten und zum Eingeben der konsumierten Lebensmittel.

Um valide Daten zu erhalten, muss bei allen getesteten Geräten zu allererst ein Profil mit Angaben zu Geschlecht, Körpergröße, Gewicht und Alter erstellt werden. Schnell wird klar, dass die Kernfunktion der Fitness-Tracker das Setzen von persönlichen Zielen ist, die es jeden Tag zu erreichen gilt. Diese Ziele können in Form von Schritten oder verbrannten Kalorien sein.

Um ein Verhältnis zwischen verbrannten und aufgenommenen Kalorien zu erhalten, wird man dazu animiert, laufend die konsumierten Lebensmittel einzugeben. In Abstimmung mit seinem Wunschgewicht, wird bei Fitbit und BodyMedia das tägliche Kalorienlimit angezeigt.

Das BodyMedia FIT Core wird per Klettverschluss am Oberarm befestigt

Eingabe von konsumierten Lebensmitteln

Bis auf das Nike+ FuelBand bieten alle Fitness-Armbänder über die dazugehörigen Apps die Möglichkeit des Kalorienzählens. Die Usability ist bei allen Apps gut gelöst und das Eingeben funktioniert intuitiv und selbsterklärend.

Zum Auflisten der konsumierten Lebensmitteln greifen die Apps auf Lebensmitteldatenbanken zurück, die standardmäßig den verschiedenen Nahrungsmitteln eine bestimmte Anzahl an Kalorien zuweisen. Bei Obst oder abgepackten Lebensmitteln von überregionalen Herstellern sind diese Angaben relativ valide.

Problematisch wird es allerdings, wenn man sich selbst bekocht oder in Restaurants speist. Dabei ist es mithilfe der Lebensmitteldatenbanken nahezu unmöglich verlässliche Kalorienangaben zu erhalten, da jedes Gericht individuell zubereitet wird und nicht auf standardisierten Mengenangaben basiert. Für die exakte Auflistung der konsumierten Kalorien müsste man die Menge jeder einzelnen Zutat eingeben, was in der Praxis zu einem kaum bewältigbaren Aufwand führt. Somit kann im alltäglichen Gebrauch das Zählen der zugeführten Kalorien nur als Richtwert gesehen werden.

Social-Kalorienverbrauch

Die Accounts bei Nike+, Jawbone und Fitbit lassen sich mit Facebook und Twitter verknüpfen, sodass man vor den Social-Media-Kontakten mit seiner steigenden Fitness prahlen kann. Wer sein Privatleben offen legen will, kann sich Teams anschließen oder seinen Account mit dem seiner Arbeitskollegen oder Freunden verbinden. Dabei werden die aufgezeichneten Daten geteilt, mit der Absicht, dass der Alltag zu einem Wettkampf wird, wer die meisten Schritte zurücklegt, wer bei der Arbeit mehr Kalorien verbrennt oder wer sich am gesündesten ernährt.

Auf ihren Websites versichern die Hersteller einen sorgsamen und respektvollen Umgang mit den erhobenen Daten. Dennoch sollte man sich im Klaren sein, dass die Verwendung von Fitness-Tracker eine Unmenge an sehr detaillierten, äußerst privaten Daten erzeugt.

Das Jawbone UP beim Synchronisationsvorgang

Bei der Anzahl der verbrauchten Kalorien können sich schnell ungewollte Abweichungen ergeben. Weil die Bänder beim morgendlichen Zähneputzen stark hin und her geschüttelt werden, glauben die Bewegungssensoren man geht gleich nach dem Aufstehen eine kleine Runde joggen und verbrennt dabei anständig Kalorien. Ebenso könnte ein Fensterputznachmittag als Ausdauersport interpretiert werden. Außerdem sind die Bewegungssensoren kaum in der Lage Aktivitäten wie Radfahren, Yoga oder Gewichtheben zu erfassen.

Für diese Zwecke verfügen Jawbone und Fitbit über eine nachträgliche Eingabe von Trainingseinheiten, die schwer mit dem Armband zu messen sind. Mithilfe von Trainingsart, -dauer und -intensität schätzt die App dann, wie viele Kalorien verbraucht wurden. Über die Genauigkeit der Messwerte lässt sich nur spekulieren. Hier ist das BodyMedia FIT Core Armband im Vorteil, da es über die Bewegungssensoren hinausgeht und mittels eigener Sensoren in der Lage ist auch Hauttemperatur, Leitfähigkeit der Haut und Wärmefluss zu ermitteln.

Ein wesentlicher Unterschied zeigt sich dadurch, dass BodyMedia, Jawbone und Fitbit auch verbrauchte Kalorien zählen, wenn man das Armband nicht trägt bzw. wenn man inaktiv ist. Diese Messungen sind Durchschnittswerte und basieren auf Alter, Körpergröße, Gewicht und Geschlecht. Das Nike+ FuelBand hingegen zeichnet nur die aktiv verbrannten Kalorien auf, was im Vergleich zu stark abweichenden Ergebnissen führt.

Das Anlegen der Armbänder ist nicht immer ganz einfach

Spazierengehen

Nach den ersten Gehversuchen, bei denen die vier Fitness-Trackert gleichzeitig angelegt wurden, ist schnell klar geworden, dass die erhobenen Daten stark voneinander abweichen können. Wer beim Spazierengehen etwa die Hand in der Hosentasche hat, eine Tasche trägt oder telefoniert, beeinflusst die empfindlichen Bewegungssensoren erheblich. Eine kleine Runde um den Häuserblock, bei dem rund 700 Schritte mitgezählt wurden, waren Fitbit Flex und BodyMedia FIT Core die genauesten.

Das Ergebnis: BodyMedia: 744 Schritte und 79 verbrannte Kalorien. Nike+ FuelBand: 334 Schritte und 28 verbrannte Kalorien. Jawbone UP: 780 Schritte und 99 verbrannte Kalorien. Fitbit Flex: 714 Schritte und 106 verbrannte Kalorien.

Radfahren

Beim Gehen, wenn der Arm regelmäßig vor und zurück bewegt wird, kommen die Fitness-Tracker auf vergleichsweise recht genaue Ergebnisse. Dies sieht aber völlig anders aus, wenn man mit dem Fahrrad unterwegs ist. Da dabei die Hand am Lenker ist und sie dadurch kaum bewegt wird, können die schlauen Armbänder kaum eine Aktivität verzeichnen, obwohl man schweißgebadet im Sattel sitzt.

Für diese Fälle lassen sich die Apps der Fitness-Tracker mit Partner-Apps wie Endomondo oder Runkeeper verbinden, die per GPS die zurückgelegte Strecke, Durchschnittsgeschwindigkeit und Höhenmeter berechnen, woraus dann der Kalorienverbrauch abgeleitet wird. Anschließend werden die erhobenen Daten mit den Apps der Fitness-Tracker synchronisiert. Der Nachteil dabei ist, dass die von den Armbändern gezählten Schritte mit der Radfahraktivität der Apps zusammengerechnet werden, sodass Aktivitäten doppelt gezählt werden.

An einem relativ inaktiven Tag, an dem am Abend dann doch eine 45-minütige Fahrt mit dem Fahrrad unternommen wurde, errechnete BodyMedia mithilfe der Schweiß- und Körpertemperatursensoren den höchsten Kalorienverbrauch. Das Ergebnis - BodyMedia: 948 Schritte und 2600 verbrannte Kalorien. Nike+ FuelBand: 2041 Schritte und 488 verbrannte Kalorien. Jawbone UP: 2121 Schritte und 1836 verbrannte Kalorien. Fitbit Flex: 3398 Schritte und 2057 verbrannte Kalorien.

Zusätzlich wurde die kleine Radtour von den GPS-Trackern Runkeeper, Endomondo und Runtastic aufgezeichnet. Runkeeper kam auf einen Kalorienverbrauch von 269, Endomondo kam auf 326 und laut Runtastic wurden während des Radfahrens 198 Kalorien verbrannt. Bei Jawbone und Fitbit wurde zusätzlich das Radfahren im Nachinhein als Aktivität eingegeben: Für 45 Minuten und 15 Kilometer wurde ein Kalorienverbrauch von 430 bei Fitbit und von 361 bei Jawbone errechnet.

Der Verschluss des Nike+ FuelBand

Tennis Spielen

Bei einer gut zwei Stunden dauernden Partie Tennis waren sich die von den Armbändern erhobenen Daten relativ ähnlich. Das Ergebnis: BodyMedia: 10088 Schritte und 2045 verbrannte Kalorien. Jawbone UP: 9256 Schritte und 1689 verbrannte Kalorien. Fitbit Flex: 10191 Schritte und 2005 verbrannte Kalorien. Einzig das Nike+ FuelBand fiel aus der Norm: 5905 Schritte und 1062 verbrannte Kalorien.

Büroalltag

An einem Bürotag - mit dem Bus in die Arbeit, einige Stunden im Büro und zu einem Außentermin mit öffentlichen Verkehrsmitteln - waren sich die Fitness-Tracker recht einig, wie viele Schritte gegangen wurden und wieviele Kalorien dabei verbrannt wurden. Das Ergebnis: BodyMedia: 7555 Schritte und 1971 verbrannte Kalorien. Nike+ FuelBand: 6218 Schritte und 591 verbrannte Kalorien. Jawbone UP: 6795 Schritte und 1659 verbrannte Kalorien. Fitbit Flex: 8312 Schritte und 2147 verbrannte Kalorien.

Von den vier getesteten Armbändern bietet Fitbit Flex die umfassendsten Funktionsmöglichkeiten. Es lässt sich kabellos sowohl mit dem Smartphone als auch mit dem Computer synchronisieren. Beim Handy kommt Bluetooth zum Einsatz und beim Computer funktioniert die Synchronisierung per Wireless-Synch-Dongle. Ist das Armband mit dem Smartphone verbunden, können die Schritte in Echtzeit verfolgt werden.

Aufgeladen wird das Band indem man den Flex Tracker aus der Fassung nimmt und mit einem Adapter an eine USB-Schnittstelle anschließt. Fünf kleine LEDs zeigen in 20-Prozent-Schritten an, wie weit man vom Erreichen des gesetzten Tageszieles entfernt ist. Fitbit Flex ist als einziges der Bänder wasserdicht. Es wird aber ausdrücklich darauf hingewiesen, dass das Armband nicht dafür geeignet ist, Schwimmaktivitäten aufzuzeichnen.

Das BodyMedia-Armband ist das einzige, das mithilfe von Sensoren die Körpertemperatur und den Schweißausstoß in die Berechnung der verbrannten Kalorien miteinbezieht. Das ist auch der Grund, warum das Armband am Oberarm getragen wird. Sein wuchtiges Design und die beige Farbe erinnern eher an einen Blutdruckmesser als an einen Fitness-Tracker. Im Vergleich ist der Tragekomfort beim BodyMedia-Armband am schlechtesten und musste öfter nachjustiert werden.

Da BodyMedia FIT Core nicht Bluetooth fähig ist, muss das Armband per USB an den Computer angeschlossen werden, damit die erhobenen Daten im Activity Manager auf der BodyMedia-Website aufscheinen. Für die Übertragung ist die Installation der BodyMedia Synch-Software notwendig. Aufgeladen wird der Tracker ebenfalls via USB-Kabel. Eine kleine LED am Armband zeigt den Ladestatus an.

Die dazugehörige App für iOS und Android ist leider nur in den US-Stores verfügbar und konnte somit nicht getestet werden. Im Activity Manager auf der Website ist auf den ersten Blick ersichtlich, wie weit man vom Erreichen der Tagesziele entfernt ist. Da sich BodyMedia eher als Helfer beim Abnehmen sieht, wird die Balance zwischen zugeführten Kalorien und verbrauchten Kalorien extra ausgewiesen. Die Eingabe von Lebensmitteln erfolgt im Activity Manager. Laut Beschreibung soll die Eingabe von konsumierten Lebensmitteln auch über die App funktionieren. Auf eine Social-Media-Anbindung verzichtet BodyMedia.

Das Jawbone UP ist nicht Bluetooth fähig und muss per 3,5mm-Klinke mit dem Smartphone verbunden werden, damit die Daten synchronisiert werden. Eine Desktop-Applikation ist nicht vorhanden, sodass das Smartphone das einzige Device ist, auf dem die Informationen gesammelt werden. Um das Jawbone UP aufzuladen, muss es mit USB-Klinke-Adapter an den Computer angeschlossen werden. Das Armband hat eine kleine Taste, über die der Schlafmodus eingeschaltet wird und die Stoppfunktion geregelt wird. Ein kleines Leuchtsymbol zeigt an, in welchen Modus man sich gerade befindet.

Das Nike+ FuelBand lässt sich nicht mit Drittanbieter-Apps verbinden. Dafür werden alle Daten, die per Nike+ Apps erhoben werden, im persönlichen Account gesammelt und in eine eigene Währung, dem so genannten Nike Fuel umgerechnet. Das FuelBand verfügt über eine kleine Anzeige, die über Schritte und verbrannte Kalorien informiert. Es ist Bluetooth fähig und sendet die Daten kabellos an die dazugehörige App. Im Vergleich lassen Website und App beim Nike+ FuelBand die wenigsten Einblicke zu. Die erhobenen Daten sind auf nur wenige Details beschränkt.

Positiv hervorzuheben ist, dass durch eine dauerhafte Verwendung der Fitness-Armbänder inklusive Eingabe von Lebensmittel ein langfristiger Trend erkennbar werden kann. Im Praxiseinsatz wurde allerdings schnell klar, dass die Technologie der Fitness-Tracker noch nicht ausgereift ist. Die Bewegungssensoren liefern zwar beim regelmäßigen Geradeausgehen recht valide Daten, lassen sich aber auch sehr leicht täuschen, sodass es zu starken Verzerrungen kommen kann. Außerdem weichen die Angaben über verbrannte Kalorien zum Teil eklatant voneinander ab, was die schwer beantwortbare Frage aufwirft, welcher Fitness-Tracker der ehrlichste ist.

Die smarten Armbänder sind nicht in der Lage, die Intensität der Aktivitäten entsprechend wiederzugeben. Dafür unterliegen die Bewegungssensoren zu vielen Schwankungen und Ungenauigkeiten. Ebenso ist die exakte Eingabe von verzehrten Lebensmitteln umständlich und kann nur als grober Richtwert gesehen werden, sodass sie nur beschränkt als Abnehmhelfer herangezogen werden können.

Ständigen E-Mails und Push-Nachrichten sollen dazu motivieren, sich mehr zu bewegen. Erreicht man das gesetzte Tagesziel, wird man auf dieselbe Weise von allen Seiten beglückwünscht. Dabei kommt man sich vor als sei man selbst sein eigenes Tamagotchi, das entsprechend gefüttert und ausgeführt werden muss. Das Einzige das vielleicht bleibt, ist ein gesteigertes Bewusstsein über seine persönlichen Bewegungs- und Ernährungsgewohnheiten.

Kommentare