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04/19/2020

Garmin Instinct Tactical im Test: Soldaten-Smartwatch mit 90er Vibes

Die Smartwatch richtet sich an Outdoor-Fans und taktisch Dienstausübende, die einen leistbaren Begleiter am Handgelenk suchen.

von Gregor Gruber

Garmin hat mit der tactix-Serie Smartwatches mit speziellen Funktionen für taktische Anwendungen. Die aktuelle Version tactix Delta kostet 900 Euro - für viele Soldaten und Taktik-Begeisterte sprengt das aber den Sold.

Deshalb hat Garmin jetzt die Instinct Tactical (UVP 350 Euro, Internet ab 270 Euro) herausgebracht. Dabei handelt es sich um eine Variante der Instinct-Smartwatch, die mit taktischen Funktionen angereichert wurde. Ich habe die Instinct Tactical getestet.

Pro

+ 90er-Jahre Design
+ bequemes Armband
+ gute Positionsbestimmung
+ lange Akkulaufzeit
+ Display in Wasser und bei Sonnenschein gut ablesbar
+ "Hellbraune" Farbe
+ deutlich günstiger als tactix Delta

Contra

- kein Farbdisplay
- kein NFC
- keine VO2max-Messung
- 5-Tasten-Steuerung nicht intuitiv

90er-Jahre Vibes

Das Design der Instinct Tactical hat mich auf Anhieb angesprochen. Es ist ganz offensichtlich 90er-Jahre inspiriert - G-Shock lässt grüßen. Das Alleine macht es aber nicht aus.

Die Uhr kommt nämlich wahlweise in der Farbe Schwarz oder „Hellbraun”. Was Garmin hier als Hellbraun bezeichnet, ist ein Farbton, der in der Tactical Community den Zeitgeist trifft. Er ist relativ nahe an Coyote Tan/Brown und verleiht der Instinct Tactical einen hochwertigen Look - obwohl das Gehäuse aus Plastik ist.

Bedienung und Komfort

Obwohl die Instinct Tactical eher groß und vor allem dick ist, trägt sie sich sehr angenehm. Hauptverantwortlich dafür ist das Silikon-Armband. Es hat genügend Verstellmöglichkeiten, um die richtige Mischung aus Tragekomfort und Rutschsicherheit zu finden. Selbst wenn man das Armband mal etwas fester schnallt, schneidet es nicht in die Haut. Mit 52 Gramm ist sie, gemessen an der Größe, überraschend leicht. Die teurere tactix Delta wiegt 97 Gramm.

Die Bedienung erfolgt über 5 Tasten (3 links, 2 rechts), die auch noch doppelt belegt sind (lange gedrückt halten). Hat man noch keine Garmin-Outdoor-Smartwatch in Verwendung gehabt, braucht man ein paar Tage, bis man sich gemerkt hat, wo welches Menü ist und welche Taste was im Trainingsmodus macht.

Die Tasten sind angenehm groß und auch bei Dunkelheit gut zu erfühlen. Sie sind flach, um unbeabsichtigtes Auslösen zu vermeiden. Ein 100-prozentiger Schutz ist das aber nicht. Beim normalen Kraft- und Cardiotraining ist es mir zwar nicht passiert, dafür aber 2 Mal im Alltag und einmal bei einem sportlichen Bewerb – in allen 3 Fällen war es die GPS-Taste links oben, die betätigt wurde.

Sonnenfreundliches Display

Der Hingucker und Hauptgrund für den G-Shock-Vibe ist die kreisrunde Abgrenzung im Display. Technisch ist die völlig unnötig, es ist lediglich ein Designelement. Es wurde aber ausgezeichnet in die Benutzeroberfläche integriert. Beim Radialmenü zeigt es etwa den gerade ausgewählten Menüpunkt, beim Training die Akkulaufzeit und beim Standard-Watchface das Datum. Kleiner Nachteil: Watchfaces, die nicht darauf angepasst sind, werden von dem Element überdeckt. Die Analog-Uhr sieht dementsprechend nicht gut aus. Außerdem lassen sich die Watchfaces weniger detailliert anpassen, als etwa bei der tactix-Serie. So kann der Akkustand immer nur als Grafik und nicht in Prozent angezeigt werden.

Wie bei vielen anderen Garmin Outdoor-Smartwatches, ist das monochrome Display sehr gut ablesbar. Im Gegensatz zu OLED-Displays wird es in der Sonne sogar noch besser leserlich, statt schlechter. Auch bei wenig Licht ist es gut ablesbar - die Taste für die Hintergrundbeleuchtung habe ich nur bei Dunkelheit benötigt. Das Display ist immer an. Da es weniger Energie verbraucht als ein OLED-Display, ist das Deaktivieren des Bildschirms nicht nötig.

Über das Menü kann ein Nachtsichtmodus aktiviert werden. Wer aber schon mal versucht hat beim Nachtsichtgerät den Fokus auf eine Armbanduhr einzustellen und die Uhr so zu halten, dass nicht von irgendwo Restlicht durch das Glas reflektiert wird, weiß, dass es deutlich schneller geht das Nachtsichtgerät hochzuklappen und dann auf die Smartwatch zu schauen.

Taktische Funktionen

Abgesehen vom Nachtsichtmodus hat die Instinct Tactical weitere Funktionen, die sie „Tactical” machen. Dazu gehört etwa ein Tarnmodus. Während dieser aktiviert ist, zeichnet die Smartwatch keine GPS-Daten auf und kappt alle Drahtlos-Verbindung.

Beim dualen Positionsformat werden die Koordinaten nach klassischen Längen- und Breitengraden, sowie dem militärischen MGRS-System angezeigt. Der Modus Jumpmaster ist für das Fallschirmspringen gedacht und zeigt Berechnungen für den Release Point und hilft bei der Navigation zum Ziel.

Außerdem gibt es bei den Trainingsarten den Modus „taktisch”. Was an dem anders ist als bei Cardio, Kraft, oder den unzähligen anderen Sport-Modi, weiß anscheinend nicht mal Garmin. Zumindest befindet sich weder auf der Website, noch in der App oder der Beschreibung eine Erklärung für diesen Trainings-Modus.

Was fehlt ist der Kill Switch - diesen gibt es nur bei der mehr als doppelt so teuren tactix Delta. Da das in erster Linie eine Software-Lösung ist (Knopf gedrückt lassen zum kompletten Löschen aller Daten), ist es für mich nicht nachvollziehbar, wieso die Instinct Tactical diese Funktion nicht hat. Schließlich gibt es ja auch den Tarnmodus. Oder geht Garmin einfach davon aus, dass sich Träger einer Instinct Tactical nicht soweit in Gefahr begeben, dass eine Gefangenschaft droht?

Sportskanone

Die Instinct Tactical hat eine Vielzahl von Sport-Modi, die ausgewählt werden können, inklusive Schwimmen. Outdoor-Aktivitäten, wie Laufen, Radfahren und Wandern, profitieren von der guten und schnellen Positionserfassung der Uhr per GPS, GLONASS und Galileo.

Beim Krafttraining zählt die Uhr automatisch die Wiederholungen mit – so gut sie kann. Bei Benchpresses, Bizeps Curls und Skullcrushers funktionierte das bei mir sehr gut. Bei anderen Übungen, wie etwa Deadlifts und Langhantel-Squats, gab es Abweichungen von bis zu 60 Prozent.

Die Ergebnisse der Trainingseinheiten werden in der App angezeigt. Dort können auch die Daten des Stress- und Schlaftrackings angezeigt werden. Für mich etwas ärgerlich: Garmin schafft es nach wie vor nicht, die Verwaltung von Karten und Wanderrouten in der Haupt-App zu integrieren. Will man die Navigations-Möglichkeiten der Instinct Tactical voll ausnutzen, benötigt man zusätzlich zur Garmin Connect App die Garmin Explore App.

Die Pulsmessung der Instinct Tactical ist präzise, allerdings nur, wenn die Uhr fest genug anliegt. Ist sie zu locker oder ein Handschuh zwischen den Rand der Uhr und den Arm gerutscht, wird ein falsches Ergebnis angezeigt. Statt 110 Puls hatte ich dann beim Krafttraining nur noch 60, bis ich die Smartwatch zurechtgerückt hatte.

Was die Instinct Tactical nicht kann: VO2max. Dies beherrscht die teurere tactix Delta. Dementsprechend findet man auch keine Funktionen zur Trainingsbelastung und Trainingseffekten.

Smarte Funktionen und Akkulaufzeit

Auch wenn ich Instinct Tactical als Smartwatch bezeichne, ist es immer noch eher eine Outdoor-Uhr mit smarten Funktionen. Trotz der Tasten- statt Touchscreen-Bedienung lassen sich aber Benachrichtigungen gut bedienen und lesen. Das Lesen von SMS klappt ebenso, wie auch die Bedienung der Musikwiedergabe. Beim Kalender wird es aber etwas unübersichtlich, wenn man, wie ein futurezone-Redakteur, 6 verschiedene im Google Kalender nutzt.

Garmin gibt für die Akkulaufzeit bis zu 14 Tage im Smartwatch-Modus an. Das stimmt nicht: Bei mir waren es 14,5 Tage. Die Benachrichtigungen waren aktiviert, die Uhr wurde 24 Stunden lang getragen, konstante Pulsmessung, Stress- und Schlaftracking waren aktiv. Sobald man aber Tätigkeiten mit Positionsdaten nutzt, nimmt der Akku rapide ab. Macht man etwa in 2 Wochen nur Indoor-Training ohne GPS, sind immer noch 10 bis 12 Tage Laufzeit möglich. Geht man aber 3 Mal pro Woche 30 bis 45 Minuten laufen, ist der Akku nach 7 bis 8 Tagen leer. Ist man draußen wandernd unterwegs und das GPS permanent aktiv, gibt Garmin die Laufzeit mit bis zu 16 Stunden an.

Fazit

Wenn man nicht gerade Fallschirmspringen geht, gibt es nur einen Grund die Instinct Tactical der normalen Instinct vorzuziehen: wegen der Farbvariante Hellbraun. Wer Mitglied der taktischen Community ist oder einfach nur den Military-Chic mag, dem wird das als Kaufgrund ausreichen.

Abseits davon ist die Instinct Tactical eine sehr gute Outdoor-Uhr, die auch als Smartwatch brauchbar ist und als Sportuhr gute Ergebnisse liefert. Sportbegeisterte werden allerdings die VO2max-Messung vermissen. Wer primär eine Smartwatch sucht, wird wenig begeistert von der Instinct Tactical sein, da man auf NFC-Zahlung und einen Touchscreen verzichten muss.

 

Technische Daten auf der Website des Herstellers