Garmin Varia RearVue 820 im Test: Fahrrad-Radar für sichereres Radeln
Rechtzeitig zum Start der Fahrradsaison hat Garmin mit dem Varia RearVue 820 einen Nachfolger des populären Fahrradradars RTL516 vorgestellt. Letzteres gilt immer noch als Goldstandard in seiner Gerätekategorie und wird abgesehen vom veralteten Micro-USB-Port von vielen Radlern als „perfekt“ beschrieben.
Garmin musste sich also ins Zeug legen, um einen Nachfolger zu schaffen, der diese Bezeichnung auch verdient. Ich habe ihn getestet.
Was ist ein Fahrrad-Radar?
Das Grundprinzip aller Radar-Rücklichter ist gleich. Primäre Funktion ist es, herannahende Fahrzeuge zu registrieren und die Radfahrerinnen und Radfahrer darauf aufmerksam zu machen. Das Gerät wird an der Rückseite des Fahrrades befestigt, mit Blick zurück.
Nähert sich ein Fahrzeug, wird man darüber informiert. Wahlweise entweder über das verbundene Handy oder (im häufigeren Szenario) über den Fahrradcomputer, mit dem Licht und Radar gekoppelt sind. Der Computer piepst dann und zeigt Fahrzeuge als Punkte oder Rechtecke an, die sich einem nähern. Je nach Geschwindigkeit werden die Punkte in verschiedenen Farben dargestellt, die die potenzielle Gefahr visualisieren sollen. Schnell und somit gefährlich ist rot, mittel gelb und wenn es erfolgreich überholt hat, wird das Symbol grün. Es können auch mehrere Autos gleichzeitig dargestellt werden.
Sinnvoll ist ein Fahrradradar in erster Linie, wenn man auf Landstraßen fährt. In der Stadt ist man mit so vielen Autos konfrontiert, dass die Geräte mehr oder weniger permanent piepsen, was nicht nur nervig, sondern auch nicht zielführend ist.
Garmin Varia RearVue 820 Lieferumfang
© Thomas Prenner
Was ist neu?
Die wohl wichtigste Neuerung für viele Nutzer: Das Radar-Rücklicht kommt mit einer USB-C-Buchse zum Laden. Das Gerät ist etwas dicker geworden und das Gewicht ist von 71 Gramm auf 90 Gramm gestiegen, wohl hauptsächlich aufgrund des größeren Akkus. Zudem hat sich die Halterung (Standard Garmin-Mount) verändert. Sie ist etwas robuster und wirkt stabiler. Adapter für alle Sattelstützenarten (rund, eckig, aero) liegen bei.
Im Vergleich zu Konkurrenzprodukten ist das RearVue 820 ein eher wuchtiges Gerät und trägt ordentlich auf. Eine richtige Orientierung gibt es übrigens nicht, man kann das Licht sowohl hochkant als auch „auf dem Kopf stehend“ montieren. Es erkennt seine Ausrichtung automatisch.
Falls man bei der Radfahrt einen ungewollten (oder vielleicht sogar gewollten) Abstecher in ein Gewässer macht, ist das Rücklicht nach IPX7-Standard wasserdicht. Das heißt, man kann es bis zu 30 Minuten einen Meter tief untertauchen. Auch bei starkem Regen ist das praktisch.
Höhere Reichweite
Das Gerät soll Fahrzeuge aus einer Distanz von bis zu 170 Metern erkennen, eine deutliche Steigerung von den 140 Metern des Vorgängers. Der Erfassungswinkel wurde von 45 Grad auf 60 Grad verbreitert. Fahrzeuge (oder andere Radfahrer), die mit der gleichen Geschwindigkeit fahren, werden nun zuverlässiger getrackt.
Auch beim Licht gibt es Neuerungen. So wurde eine dedizierte Bremslichtfunktion hinzugefügt. Die Sichtbarkeit des Lichts wurde von 1,6 km auf 2 km erhöht. Lichtmuster und Intensität können nun selbst erstellt und angepasst werden. Außerdem gibt es einen neuen „Nur Radar“-Modus (ohne Licht).
Für die weiteren Features benötigt man einen Garmin-Edge-Fahrradcomputer ab der x40er-Serie oder neuer. Auf diesen sieht man, wenn Fahrzeuge hinter einem die Spur wechseln. Zudem wird die Größe des Fahrzeuges angezeigt. Möglich wird das durch einen Wechsel der Radar-Frequenzen vom alten 24-GHz-Band auf das 57–69-GHz-Band. Diese höhere Frequenz ermöglicht eine viel feinere Auflösung der Objekte.
Hintergrund
Warum Features nur für Garmin-Computer?
Der Grund, warum das erweiterte Tracking von Fahrzeugen nur mit Garmin-Computern funktioniert, ist die Art der Verbindung. Mit neueren Edge-Fahrradcomputern verbindet sich das Radar über eine sichere Bluetooth-LE-Verbindung anstatt über ANT+.
Was im ersten Moment durchaus sinnvoll klingt, ist auch ein Problem. Denn diese Bluetooth-Verbindung ist Garmin-proprietär, während ANT+ quelloffen ist. Alternativ könnte man zwar theoretisch auch die Smartphone-App als Radar-Anzeige nutzen. In der Praxis dürfte für die meisten Radlerinnen und Radler aber keine Option sein, auch noch ein großes Smartphone am Lenker zu befestigen.
Weil ältere Garmin-Computer und die von Fremdherstellern diese sichere Bluetooth-Verbindung nicht unterstützen, kann offenbar das Mehr an Daten, das für die zusätzlichen Radar-Features notwendig ist, nicht übertragen werden.
Hintergrund für Garmins Verbindungswechsel ist übrigens die europäische Funkanlagenrichtlinie (RED, Radio Equipment Directive). Sie fordert eine sichere Authentifizierung und Verschlüsselung für drahtlose Sportgeräte.
Das Licht
Für die Sicherheit noch wichtiger als das Radar ist die Funktion des Radars als Rücklicht. Im Vergleich zum Vorgänger ist das Licht intensiver und erreicht folgende Stärken:
- Dauerlicht: 25 Lumen (statt 20)
- Peloton: 8 Lumen (unverändert, um niemanden zu blenden)
- Nacht-Blinken: 40 Lumen (statt 29)
- Tag-Blinken: 100 Lumen (statt 65)
Vor allem der Sprung auf 100 Lumen beim Tag-Blinken ist ein echtes Sicherheitsplus für Fahrten in der prallen Sonne. Jeder, der ab und zu auch mit dem Auto unterwegs ist, wird aus Erfahrung wissen, dass man Radfahrer mit Rücklicht auch bei grellem Tageslicht deutlich besser wahrnehmen kann.
© Thomas Prenner
Die Blink-Modi sind in Österreich zwar erlaubt, in Deutschland nach der StVZO am Fahrrad jedoch streng genommen verboten. Dort ist Dauerlicht offiziell Pflicht.
In der App kann man eigene Blink-Modi konfigurieren. Als wirklich notwendig habe ich das nicht empfunden, die Standard-Einstellungen sind eigentlich für alle Szenarien ausreichend.
Der Akku
Garmin hat auch die Akkulaufzeit optimiert. Wie lange man mit einer Ladung durchkommt, hängt vom gewählten Lichtmodus ab.
- Dauerlicht (Solid): 10 Std.
- Peloton (Gruppe): 15 Std.
- Nacht-Blinken: 11 Std.
- Tag-Blinken: 24 Std.
- Nur Radar (Licht aus): 30 Std.
Wenn man derzeit noch das ältere Vorgängermodell nutzt, dessen Akku schon etwas mitgenommen ist, wird man die langen Laufzeiten des neuen Geräts lieben. Selbst, wenn man ambitioniert viel am Rennrad unterwegs ist, muss man das Licht kaum öfter als einmal pro Woche aufladen, was ein großer Pluspunkt ist.
Ebenfalls positiv: Sollte der Akku irgendwann den Geist aufgeben, können ihn Nutzer gegen einen neuen tauschen. Das erfordert allerdings Schraubarbeit, für einen alltäglichen Wechsel ist das nicht gedacht.
Die neue Radar-Anzeige
Um in den Genuss der neuen Radar-Anzeige zu kommen, muss man wie erwähnt einen neueren Garmin-Fahrradcomputer ab der x40er-Serie nutzen. Verwendet man einen älteren Computer, sieht man herannahende Fahrzeuge in einer Spalte auf dem rechten Displayrand als Punkte.
Mit einem neueren Garmin-Computer wird die Sache deutlich interessanter. Die herannahenden Fahrzeuge werden zu Rechtecken. Anhand deren Größe sieht man, ob es sich um einen Kleinwagen oder um einen Lkw handelt, der einen überholen möchte.
© Thomas Prenner
Zudem sieht man, ob die Gefährte direkt hinter einem sind oder nach rechts oder links ausscheren. So kann man zum Beispiel abschätzen, ob ein Auto gerade zum Überholen ansetzt. Ebenfalls besser getrackt werden Fahrzeuge, die in gleicher Geschwindigkeit hinter einem fahren. Das ist besonders bei Gruppenfahrten sinnvoll oder dann, wenn ein anderer Radler im Windschatten fährt.
Man kann auf dem Fahrradcomputer einstellen, wie breit man die Radar-Spalte rechts haben möchte. Wahlweise erscheint diese über dem Datenscreen, entweder breit (siehe oben) oder schmal, siehe hier:
© Thomas Prenner
Möglich ist es auch, die Radar-Anzeige als eigenes Datenfeld auf dem Screen zu konfigurieren. Dabei nimmt sie dann die komplette rechte Hälfte des Bildschirms ein.
© Thomas Prenner
Das Erfassen von Fahrzeugen funktioniert Garmin-typisch tadellos. Während günstigere Radars regelmäßig Fehlalarme produzieren oder Fahrzeuge teilweise gar nicht erkennen, kommt das beim Garmin-Gerät so gut wie nie vor. Im mehrwöchigen Testzeitraum, in dem ich gut 1.000 Kilometer mit dem Radar zurückgelegt habe, kann ich mich an genau einen Fehlalarm erinnern. Als jemand, der auch mehrere Radars von anderen Herstellern besitzt, kann ich bezeugen, dass das nicht selbstverständlich ist.
Fazit
Das Aufpolieren der Kern-Features war eine solide Leistung von Garmin. Neben dem obligatorischen Wechsel auf USB-C sind die bessere Fahrzeugerkennung, die verlängerte Akkulaufzeit, die erweiterten Lichtmodi und die besseren Montagemöglichkeiten (kopfüber) alles sinnvolle Sachen, die ein starkes Produkt noch stärker machen.
Die erweiterten Radar-Features, wie etwa das Erkennen der Fahrzeuggröße, sind nett, im Endeffekt sind sie im Alltag am Rad aber verzichtbar. Ich muss primär einfach wissen, ob sich ein Auto von hinten nähert. Ob dieses jetzt klein oder groß ist, ist mir in diesem schnellen Moment am Rad erst einmal egal. Ich habe auch gar nicht die Zeit, mich so genau mit der Anzeige auf dem Fahrradcomputer auseinanderzusetzen. Am ehesten sinnvoll finde ich noch die Erkennung, ob ein Fahrzeug ausschert und zum Überholen ansetzt, aber auch das ist ein Nice-to-have statt ein Killerfeature.
Dazu kommt das generelle Manko, dass diese Features einen relativ neuen Garmin-Fahrradcomputer brauchen. Nutzer älterer Geräte (etwa des sehr populären Edge 530) oder die von Computern anderer Hersteller schauen durch die Finger. Auch wenn das regulatorische oder technische Gründe hat, ist es nunmal Realität.
© Thomas Prenner
Selbst ohne der Erkennung von Fahrzeuggröße und ob die Autos ausscheren, ist das RearVue 820 wohl das genaueste und beste Fahrrad-Radar, das man derzeit kaufen kann. Gleichzeitig ist es mit Abstand das Teuerste: 300 Euro UVP werden dafür fällig. Das ist viel Geld, vor allem wenn man die neuen Fahrzeugerkennungsfeatures nicht nutzen kann, weil man keinen aktuellen Garmin-Fahrradcomputer hat.
Wenn man mit Micro-USB, einer etwas geringeren Erkennungsdistanz und etwas weniger Akkulaufzeit leben kann, könnte man um 170 Euro zum immer noch sehr starken Vorgänger greifen. Oder man geht zur Konkurrenz. Hier gelten etwa das Sigma Reco 80 (133 Euro) oder das Lezyne Radar (um 131 Euro gesehen) als zuverlässige Alternativen.
Ganz generell: Trotz anfänglicher Skepsis bin ich von der Gerätekategorie extrem überzeugt. Auch wenn das Radar natürlich nicht verhindern kann, dass einen ein unaufmerksamer Autofahrer über den Haufen fährt, ist die rechtzeitige Benachrichtigung eines herannahenden Fahrzeuges immer sinnvoll. So kann ich mich als Radler darauf einstellen und mich möglichst vorhersehbar (keine unerwarteten Schlenker) verhalten. Ich bin seit rund 3 Jahren auf dem Rennrad nur mehr mit Radar (verschiedener Hersteller) unterwegs und konnte mein Sicherheitsgefühl auf der Straße dadurch merklich verbessern.
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