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02/14/2019

Lenovo Yoga Book C930 im Test: E-Ink-Display ersetzt Tastatur

Um das formschöne Notebook zu öffnen muss man vorher anklopfen.

von Gregor Gruber

Alle Notebooks sind im Grunde gleich: Display im Deckel, Tastatur im Unterteil. Lenovos Yoga Book C930 (ab 949 Euro) durchbricht dieses Schema, indem die Tastatur ausgetauscht wird. Nicht etwa gegen ein zweites LC-Display, als eine Art Vorgeschmack auf die Faltbare-Bildschirme-Zukunft, sondern gegen ein E-Ink-Display.

Das hat auf den ersten Blick einen großen Vorteil. Das C930 ist sehr flach. Ober- und Unterteil schließen formschön ab. Das Gelenk, das Display und E-Ink-Display verbindet, ist extravagant und doch dezent. Es imitiert den Bug eines Buches.

Klopf Klopf

Sieht man sich das C930 etwas genauer an, fällt auf, dass es keine Aussparung im Gehäuse gibt, um es zu öffnen. Da Ober- und Unterseite noch dazu von Magneten zusammengehalten werden braucht man zwei Hände, um das Display sicher zu öffnen – oder man setzt auf die höfliche Methode.

Dazu klopft man an. Wenn man es richtig gemacht hat, öffnet sich das C930 wie von Geisterhand etwa einen Zentimeter. Das ist genug Platz, um das Notebook mit einer Hand öffnen zu können. Beim Klopfen muss man allerdings die richtige Stelle treffen, damit das funktioniert. Diese ist am unteren Rand in der Mitte. Auch darf man nicht zu zaghaft zu klopfen. Ein sanftes Antippen mit dem Finger reicht nicht. Am sichersten ist ein schnelles „klopf klopf“ mit dem Fingerknöchel.

Verlässlich ist der Klopf-Mechanismus nicht. Im mehrwöchigen Testzeitraum wurde das C930 etwa ein paar Tage nicht genutzt und verweigerte danach den Einlass per Einklopfen – obwohl der Akku zu über 40 Prozent geladen war. Manchmal hat der Klopf-Mechanismus gut funktioniert, etwa auch wenn in Windows das Gerät heruntergefahren statt nur in den Standby-Modus versetzt wurde.

Zutritt verweigert

Andere Male hat es erst beim fünften oder sechsten Versuch funktioniert. Lästig ist auch, wenn zwar das Klopfen erkannt wird, aber der Mechanismus den Deckel nicht weit genug anhebt und weil er nur ein paar Millimeter aufgeht, wird er durch die Magneten sofort wieder geschlossen: Zutritt verweigert. Dieses Problem trat gegen Ende des Testzeitraums vermehrt auf.

Ein mindestens ebenso großes Ärgernis ist der eingebaute Fingerabdruckscanner des C930. Ich musste ihn vier Mal neu einrichten, bis endlich beim Anmelden der Fingerabdruck erkannt wurde. Nach einer viertätigen Pause wurde der Fingerabdruck wieder überhaupt nicht erkannt: Für mich ist er damit unbrauchbar.

Selbst wenn er mal funktioniert, ist der Scan sehr langsam. In der Zeit hat man schon längst sein Passwort oder den PIN eingegeben. Die Anmeldung per Gesichtserkennung wird vom C930 nicht unterstützt.

Tippen ohne Tasten

Das Tippen auf dem berührungsempfindlichen E-Ink-Display ist überraschend akzeptabel. Das liegt zum Teil daran, dass der E-Ink-Bildschirm weniger glatt als ein herkömmliches Display ist und dass es ein wenig nachgibt. Wer will kann noch eine Vibration einschalten, um ein haptisches Feedback für einen Tastenanschlag zu bekommen.

Gewöhnen muss man sich dennoch an diese Art des Tippens. Da das C930 nur ein 10-Zoll-Display und eher dicke Ränder hat, ist relativ wenig Platz, weshalb etwa die linke Shift-Taste klein ausgefallen ist. Und weil es ein E-Ink-Touchscreen ist, kann man nicht die Finger auf den Tasten ruhen lassen, wie es manche gerne bei normalen Tastaturen machen.

Schade ist, dass die Tastatur nur sehr wenig angepasst werden kann, obwohl sie virtuell ist. Man kann zwischen Schwarz und Weiß wählen, die Eingabesprache und ob man ein virtuelles Trackpad permanent oder zum Umschalten eingeblendet haben will. Ein Entfernen des Pseudo-3D-Effekts oder gar das Verschieben oder Entfernen unnötiger Tasten ist nicht möglich. Aber Hauptsache die Erhebung bei der F- und J-Taste ist grafisch dargestellt, die bei einer normalen Tastatur zum Erfühlen der korrekten Fingerposition dient.

Malen und lesen

Im Lieferumfang des C930 ist ein Stift enthalten, um damit auf dem Touchscreen und E-Ink-Display zu werkeln. Der Stift ist etwas länger als ein handelsüblicher Kugelschreiber und gut zu halten. Per Magnet kann er an der Außenseite des C930 angebracht werden. Sehr stabil hält er dort aber nicht. Beim Ziehen des Notebooks aus dem Rucksack hat sich der Stift im Test mehrmals gelöst.

Beim Malen am E-Ink-Display werden die verschiedenen Druckstufen gut erkannt. Wie die meisten E-Ink-Displays ist auch dieses nur monochrom – wer in Farbe zeichnen will macht dies am Touchscreen. Sinnvoll ist die E-Ink-Funktion einen Screenshot direkt einzufügen, um ihn dann mit dem Stift zu bearbeiten. Das Skalieren des Screenshots ist allerdings mühsam, genauso wie fast alles auf dem E-Ink-Display.

Zu langsam für High-Tech

Diese Trägheit kommt nicht von der Refresh Rate des E-Ink-Displays. Diese ist Industriestandard. Etwas deutlicher als bei anderen, aktuellen E-Ink-Produkten ist das Nachziehen, also das Inhalte vom vorigen Refresh noch sichtbar sind.

Das wahre Problem liegt in der Software. Das Umschalten zwischen den E-Ink-Funktionen Tastatur, E-Reader und Zeichnen ist sehr langsam, ebenso, wenn Untermenüs oder Einstellungen geöffnet werden. Das Öffnen des Menüs für die Dicke des Strichs benötigt gut zwei Sekunden.

Die E-Reader-Funktion ist zwar nett gemeint, funktioniert aber nur mit PDFs. Andere Dateien, seien es .doc, .txt oder Dateien im EPUB-Format, werden nicht unterstützt. Das Spiegeln des Hauptbildschirms auf das E-Ink-Display, etwa um akkuschonend im Web zu browsen, ist nicht möglich.

Ein Manko ist noch, dass das E-Ink-Display keine Hintergrundbeleuchtung hat. Tippen, Zeichnen oder handschriftliche Notizen bei wenig Licht machen, ist eine Herausforderung.

Flexibel

Beim LCD-Touchscreen gibt es nicht viel auszusetzen. Der 10,8-Zöller löst mit 2560 x 1600 Pixel auf, ist hell und farbkräftig. Er reagiert präzise und flott auf Berührungen per Finger und Stift. Schade ist, dass der Rahmen rund um das Display eher dick ausgefallen ist. Gerade beim C930, das ansonsten sehr dünn und elegant geraten ist, sieht das nicht zeitgemäß aus.

Ein Vorteil der Yoga-Serie ist, dass das Display um 360 Grad geklappt werden kann. So lässt es sich etwa flach auf den Tisch legen, im Zelt-Modus zum Anschauen von Videos verwenden oder komplett nach hinten umklappen, um das Gerät wie ein Tablet zu verwenden – wahlweise mit dem Touchscreen oder E-Ink-Display. Da das C930 dünner als ähnliche Geräte und mit unter 800 Gramm auch etwas leichter ist lässt es sich tatsächlich einigermaßen brauchbar im Tablet-Modus nutzen.

Bescheidener Akku

Schmale Maße bedeuten meist bescheidene Ausstattung. Das C930 hat immerhin zwei USB-C-Anschlüsse – einer mehr, als manch andere Geräte. Es gibt noch einen Slot für eine MicroSD-Karte, auf einen 3,5mm-Kopfhöreranschluss wird verzichtet. Der Klang der Stereolautsprecher ist zumindest nicht furchtbar, dafür aber nicht besonders laut.

Furchtbar ist hingegen die Akkulaufzeit. Bei durchschnittlicher Nutzung waren es im Test nur etwa fünf Stunden. Auffällig ist, dass im Standby-Modus die Akkuladung nicht so gut gehalten wird, wie von anderen Notebooks.

Teurer Spaß

Vom C930 werden drei Modelle angeboten. Das Günstigste kostet 949 Euro, hat eine Intel m3 CPU, 4 GB RAM und 128 GB Speicher. Der Stift ist nicht enthalten. Bei der getesteten Version um 1349 Euro ist der Stift dabei und ein Intel-i5-Prozessor an Bord, sowie 256 GB Speicher. Die Variante um 1539 Euro hat zusätzlich ein LTE-Modem.

Leistungswunder darf man sich von keiner der Varianten erwarten. Das getestete Modell mit i5 CPU erfüllt aber die Alltagsanforderungen problemlos, wie das Schauen von UHD-Videos, Bearbeiten von Fotos und Editieren von Dokumenten. Wer darauf spielen will, wird aufgrund der Onboard-Grafikkarte zu älteren Games und Retro-Spielen greifen müssen.

Fazit

Das Lenovo Yoga Book C930 ist ein spannendes Konzept, bei dem man aber zu viele Kompromisse eingehen muss. Formfaktor und Design sind zwar toll, für ein mobiles Arbeitsgerät ist aber die Akkuleistung zu gering. Das E-Ink-Display ist kein Verkaufsargument, da dessen Software schlecht ist und es nicht ausgereizt wird. In Anbetracht dessen ist der Verkaufspreis von 1349 Euro überzogen. Am ehesten ist es ein Zweit-Notebook, das man mitnimmt, damit andere Personen darüber staunen und es „aufklopfen“ können.

 

Technische Daten auf der Website des Herstellers