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02.05.2014

MedCase bringt den Doktor in jedes Dorf

Das österreichische Unternehmen MedCubes will mit einem Telemedizin-Koffer mit diversen Diagnosewerkzeugen die medizinische Versorgung in Gebieten mit Ärztemangel verbessern.

Der MedCase ist ein Bündel aus diversen medizinischen Diagnosewerkzeugen und einem Tablet, das es medizinischem Personal vor Ort erlaubt, Patienten zu untersuchen und die Daten über das Internet an einen Arzt zu schicken. Der Doktor kann die Informationen analysieren und seine Diagnose und Therapieanweisungen anschließend via Video- oder Sprachchat mit dem Patienten und dem Helfer vor Ort teilen. “Unser Ziel ist es, die medizinische Versorgung in ländlichen Regionen, wo es oft einen Mangel an Ärzten gibt, zu verbessern. Das gilt vor allem für Entwicklungsländer in Asien und Afrika, wird aber auch in Österreich, beispielsweise in Oberkärnten, zunehmend aktuell”, sagt MedCubes-Geschäftsführer Veit Isopp im Gespräch mit der futurezone. Auch Pflegeheime, mobile Versorgungsdienste oder NGOs wie Ärzte ohne Grenzen sind eine Zielgruppe.

Das Personal, das den MedCase bedient, soll möglichst regional rekrutiert, ausgebildet und wieder in den jeweiligen Heimatregionen eingesetzt werden. “So hoffen wir flächendeckende Netze aufbauen zu können und schaffen gleichzeitig Arbeitsplätze in den Regionen. Teilweise gibt es in ländlichen Gebieten schon heute entsprechende Netzwerke aus Arzthelfern, die allerdings ohne Kontakt zu Ärzten auskommen und deshalb oft überfordert sind”, so Knes. Die Gesundheitssysteme in Entwicklungsländern sollen allein dadurch entlastet werden, dass Patienten nicht mehr wegen jeder Beschwerde die Krankenhäuser aufsuchen müssen, sondern in ihren Dörfern behandelt werden können.

Verschiedene Größen

Der MedCase ist in verschiedenen Ausstattungen erhältlich, vom großen Koffer bis zu kleinen Rucksäcken. Die Kosten belaufen sich auf 3.000 bis 20.000 Euro. “Das Set enthält verschiedenste Geräte, vom EKG über ein digitales Stetoskop bis zu Puls und Blutdruckmessgeräten. Im Grunde ist - bis auf ein Labor - die gesamte Ausstattung einer modernen Arztpraxis vorhanden. Die Geräte übertragen die Daten direkt an ein Tablet, wo sie gesammelt und als Paket an den Arzt geschickt werden”, erklärt Gernot Knes, Marketing- und Produktmanager bei MedCubes. Die enorme Preisspanne bei den Paketen ergibt sich durch die verschiedenen Automatisierungsgrade und den Umfang der Ausstattung. “Bei günstigeren Varianten muss etwa der Fiebermesser-Wert manuell eingetragen werden. Für andere Messungen gilt dasselbe”, so Knes. Neben den Anschaffungskosten wird auch eine monatliche Gebühr für die Nutzung der Software fällig, deren Höhe derzeit aber noch ungewiss ist.

Die Tablets sind mit Windows und einer speziellen Software von MedCubes ausgestattet, welche die Messdaten sofort analysiert und nach einem standardisierten System in fünf Prioritätsstufen einteilt. Der Arzt hat je nach Bewertung zwischen fünf und 120 Minuten Zeit, um zu reagieren. Damit das System in Echtzeit funktioniert, ist allerdings eine 3G-Mobilfunkverbindung notwendig. Ansonsten müssen die Daten gespeichert und bei nächster Gelegenheit an den Doktor übermittelt werden, was die Reaktionszeit deutlich verlängert. Windows kommt deshalb zum Einsatz, weil es im medizinischen Bereich vielfach das Standardsystem ist. “Es gibt zwar Nachfragen nach Apple-Tablets, aber die meisten System-Administratoren lehnen das ab”, sagt Knes.

Politik gefordert

Die Abrechnung der telemedizinischen Versorgung ist derzeit vielerorts noch ein Problem. In Asien sind die Gesundheitssysteme aber bereits darauf eingestellt und die Verrechnung kann wie bei einem normalen Arztbesuch erfolgen. In Österreich gibt es noch keine entsprechenden Gesetze. “Wir sind überzeugt, dass wir die Versorgung in ländlichen Gebieten praktisch ohne Mehrkosten verbessern können. Das wäre weitaus billiger, als ein konventionelles Netz aus Praxen und Krankenhäusern zu errichten, zudem wollen Ärzte einfach immer seltener am Land arbeiten”, so Isopp.

Cloud-System

Das Interesse am MedCase ist groß, spruchreife Projekte gibt es derzeit aber noch nicht. Der Krankenhausbetreiber KPJ aus Malaysia, der auch 50 Prozent der Projektfinanzierung übernommen hat, wird das System aber wohl als Erster ausrollen. “Mit unserem Partner KPJ läuft gerade ein Projekt, bei dem Mitarbeiter der mobilen Pflege mit den Ärzten in den KPJ-Kliniken verbunden werden. Derzeit sind wir in der Pilot-Phase. Der reguläre Betrieb in der ersten Klinik soll mit Ende diesen Jahres starten, weitere Häuser folgen schrittweise in den folgenden drei Jahren”, so Knes.

MedCase ist dabei aber nur Teil eines größeren Systems, das weit über den Einsatz in der Telemedizin hinausgeht. “Mit unserem MedCube-System, das in eine sichere Cloud-Lösung eingebunden ist, kann ein ganzes Krankenhaus verwaltet werden, von der Patienten- und Medikamentenverwaltung bis zum Wund- und Dokumentenmanagement”, so Isopp. Das System ist offen gestaltet und kann durch weitere Module aufgerüstet werden. “Wir wollen in Zukunft auch eine Art App-Store anbieten, über die Dritte Anwendungen entwickeln und vertreiben können. Für den MedCase wäre etwa die Integration von Fachwissen, beispielsweise über Malaria, interessant”, so Isopp. Die Nutzung des kompletten Systems ist aber nicht erforderlich. “Unsere erste Priorität ist es, die Versorgung zu verbessern. Natürlich müssen wir auch Geld verdienen, aber wir ermöglichen auch den bloßen Betrieb der MedCase-Anwendung”, erklärt Isopp.