Viele wollen sich nicht mehr dem linearen Prinzip des Fernsehens unterwerfen und geben nun Video-on-Demand-Diensten wie Netflix den Vorzug

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Replay
01/27/2015

Mit Fernsehen auf Abruf gegen Netflix und Co.

In der Schweiz lässt sich dank Replay das Fernsehprogramm bis zu eine Woche später ansehen. Ein Rieder Unternehmen drängt nun auf eine österreichische Lösung.

von Michael Leitner

Seit 2009 muss man sich in der Schweiz keine Sorgen mehr machen, etwas im Fernsehen zu verpassen. Die Lieblingsserie am Vorabend verpasst, die nicht in der Mediathek des Senders zu finden ist? Dank der sogenannten Replay-Funktion lässt sie sich jederzeit in hochauflösender Qualität nachsehen, die Aufnahme wird vom Kabel- oder IP-TV-Anbieter angefertigt. Möglich wurde das durch einen Vorstoß der Schweizer Verwertungsgesellschaften. Diese stellten 2009 Festplattenrekorder mit PVR-Clouddiensten gleich und schufen so die rechtliche Grundlage für “Privatkopien in der Cloud.” Die simple Funktion hat sich binnen kurzer Zeit zu einem der größten Verkaufsargumente von Kabel- und IP-TV-Anbietern entwickelt.

Rund um die Uhr zeichnen die Anbieter auf ihren Servern das Fernsehprogramm auf, die Inhalte werden sieben Tage lang per Stream in das Wohnzimmer geliefert. 650.000 Haushalte haben seit der Legalisierung von Replay von Sat-TV auf Kabel oder Fernsehen über Internet (IPTV) gewechselt. “Jeder dritte Haushalt ist nicht die Gruppe der Early Adopter, das ist die breite Masse”, so Hans Kühberger, Geschäftsführer des Rieder IPTV-Spezialisten Ocilion, gegenüber der futurezone. Das 2004 gegründete Unternehmen ist einer der größten Profiteure der neuen Regelung und versorgt mehrere Schweizer TV-Anbieter mit Infrastruktur und Technologie. Nun hofft Kühberger, dass das Konzept auch in Österreich Anklang findet.

Angst vor Urhebern

Das Schweizer Modell klingt erfolgversprechend, doch in Österreich traut man sich nicht so recht. Das liegt auch an der unklaren Rechtssituation. Das Urheberrechtsgesetz erlaubt die “Vervielfältigung zum eigenen und zum privaten Gebrauch”, auch oft als Privatkopie bezeichnet. “Theoretisch sollten derartige Dienste so auch in Österreich möglich sein, doch die Verwertungsgesellschaften sehen das anders”, sagt Andreas Ney von der Fachgruppe Telekom der WKO im Gespräch mit der futurezone. Bereits jetzt wird für Festplattenrekorder eine “Leerkassettenabgabe” zwischen drei und 30 Euro fällig, die beim Kauf an die Verwertungsgesellschaften fließt. Eine Abgabe nach Schweizer Vorbild scheint derzeit in weiter Ferne.

Die Fachgruppe Telekom legte das Thema kürzlich dem Justizministerium vor und hofft nun auf die nächste Urheberrechts-Novellierung. “Es gibt mehrere Anbieter in Österreich, die bei Rechtssicherheit sofort mit einem derartigen Produkt starten würden”, so Ney. Er habe jedoch “nicht viel Hoffnung”, vor allem aufgrund der Skepsis der Rechteinhaber. “Das kostet uns nichts, nur zwei Zeilen Gesetzestext”, meint Kühberger, der aber ebenfalls nicht mit einer raschen Einigung rechnet. Eine andere Möglichkeit wäre ein Vorstoß eines Anbieters. Ein möglicher Rechtsstreit könnte für Klarheit sorgen, doch laut Ney traut sich derzeit niemand.

Waffe gegen Netflix

Zu den Rechteinhabern zählen nicht nur Filmstudios, auch die TV-Sender dürfen mitreden und sind wenig begeistert. Diese befürchten, dass so weniger Werbung konsumiert und die Werbeeinnahmen sinken könnten. Auch in der Schweiz brachte dieses Thema das Gesetz Anfang 2012 ins Schwanken. Letztendlich kam es zu einer Einigung, woraufhin die maximale Länge für Replay-Funktionen auf sieben Tage beschränkt und ein Aufpreis für das Überspringen der Werbung beschlossen wurden. Der Anbieter muss nun pro Anschluss 30 Rappen mehr im Monat an die Verwertungsgesellschaft abliefern. Die Auswirkungen hielten sich in Grenzen, die Preise für Fernsehspots seien stets stabil geblieben: “Die Werbung wird nicht so stark übersprungen wie befürchtet. Viele haben ihre Sehgewohnheiten ohnehin schon davor an die Werbepausen angepasst”, erklärt Kühberger.

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Er sieht im Angebot vielmehr eine Waffe gegen Streaming-Anbieter wie Netflix. Laut Mediapulse, dem “Schweizer Teletest”, wird zeitversetztes Fernsehen immer stärker genutzt, vor allem von Zuschauern zwischen 15 und 29. In der deutschsprachigen Schweiz werden 6,2 Prozent aller Fernsehminuten zeitversetzt konsumiert, im französischsprachigen Raum sind es sogar acht Prozent. Laut Kühberger dämpfte die Replay-Funktion auch den Erfolg des US-Streaming-Anbieters Netflix in der Schweiz. Bislang gab das Unternehmen noch keine Mitgliederzahlen für den deutschsprachigen Raum bekannt, in dem man im September an den Start ging. Im letzten Quartal konnte Netflix aber zwei Millionen Kunden außerhalb der USA gewinnen, etwas weniger als ursprünglich erwartet.

Umweg über neue Box

Kühberger geht sogar so weit und schlägt vor, dass mit diesen Einnahmen der kostspielige Breitbandausbau gefördert werden könnte. Allein die Verwertungsgesellschaften könnten bei einem Preismodell nach Schweizer Vorbild bis zu 30 Millionen Euro pro Jahr einnehmen, die IPTV-Anbieter womöglich noch deutlich mehr. „Um flexibel Serien und Filme sehen zu können, geben wir derzeit unser Geld für teure Set-top-Boxen mit Aufnahmefunktion und Dienste wie Netflix aus“, so Kühberger. Konsumenten würden zusätzlich Geld sparen, da eine reine Streaming-Box deutlich weniger Strom als eine Aufnahme-fähige Empfangs-Box benötige.

Sein Unternehmen hätte bereits eine derartige Lösung entwickelt, die in der Schweiz eingesetzt wird. Sorgen über die Auftragslage macht er sich ohnedies nicht, bereits jetzt erwirtschaftet das Rieder Unternehmen 83 Prozent seiner Umsätze im Ausland. Als “Plan B” hat Ocilion jedoch ein Hybrid-Gerät entwickelt, das dank 8-fach Tuner bis zu zehn HD-Sender gleichzeitig aufzeichnen kann. “So könnte man schon jetzt rechtssicher in Österreich bis zu 30 Stunden aufnehmen.”